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Jährlich geben 25 Milchbauern im Kreis auf

Höfesterben Jährlich geben 25 Milchbauern im Kreis auf

Die Milch macht‘s nicht mehr. Seit Jahren streiten die Erzeuger mit den Molkereien und Handelsketten um einen fairen Preis. Im hiesigen Landkreis unterliegen viele Höfe in diesem Kampf.

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Marburg. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gab es im vergangenen Jahr noch 240 Milchviehhöfe, auf denen knapp 9.000 Milchkühe gehalten wurden – also durchschnittlich 37 Kühe pro Betrieb. Knapp 25 Jahre zuvor sah das noch ganz anders aus: 1987 bewirtschafteten die heimischen Milcherzeuger 1.935 Höfe und hielten insgesamt knapp 19.000 Kühe – der Durchschnitts-Hof hielt also zehn Kühe.

„Das nennt man gemeinhin Strukturwandel“, sagt Stefan Mann, Milchbauer aus Ilschhausen und stellvertretender Vorsitzender im Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) und fügt kritisch hinzu: „Ich nenne das Ausverkauf.“ Es sei schon bezeichnend, dass ein Landwirt heutzutage 60 bis 70 Kühe halten müsse, um davon überhaupt eine Familie ernähren zu können, erklärt der Bauer, mit dem die OP anlässlich des Internationalen Tags der Milch sprach. „Das zeigt, dass das, was vom Verkaufspreis beim Erzeuger ankommt, immer weniger wird“, beklagt Mann und vergleicht die Milchpreisentwicklung mit dem Dieselpreis: „Der hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt, während der Milchpreis unverändert niedrig ist.“

Durch den geringen Literpreis, den die Bauern seit Jahren erhalten, sind sie gezwungen, größere Mengen zu erzeugen. Die Rettung bringt auch das nicht – denn durch das Überangebot an Milch sinkt wiederum der Preis, wie Mann erläutert. Gegenwärtig erhält er als Bio-Milcherzeuger einen Preis von 40 bis 42 Cent pro Liter – um kostendeckend zu wirtschaften, müssten es 50 Cent sein. „Die Preise sind auf dem untersten Niveau, wo wir gerade noch so existieren können – Wertschöpfung gibt es da keine mehr“, sagt der Landwirt.

„Die Verkaufspreise müssten ansteigen, Angebot und Nachfrage müssten übereinstimmen“, erklärt er und vermutet, dass sich dies nur über eine Mengenregulierung in bäuerlicher Hand werde erreichen lassen. „Die Landwirte sind sich allerdings noch nicht ausreichend im Klaren darüber, dass sie dies eigenverantwortlich erreichen müssen“, erklärt der Milchbauer und verweist auf die Chance von Erzeugergemeinschaften, die ihr Produkt gegenüber den Handelsketten selbstbewusst vermarkten müssten, anstatt dies den Molkereien zu überlassen.

Einen Schritt in diese Richtung geht der BDM bereits seit gut einem Jahr mit einem Eigenprodukt, der „fairen Milch“, die von der MVS Milchvermarktung Süddeutschland vertrieben wird.

Das Produkt setzt auf regionale und gentechnikfreie Erzeugung sowie auf einen fairen Preis für die Bauern. Tegut, Rewe und Gutkauf vertreiben die faire H-Milch, rund 40 Bauern aus Waldeck-Frankenberg, dem Schwalm-Eder-Kreis sowie aus den Regionen Vogelsberg und Fulda gehören bereits zu den Lieferanten – aus dem heimischen Landkreis sind noch keine Landwirte beteiligt. „Das kann aber noch kommen“, erklärt Mann und hofft darauf, dass der Ausbau der Marke „Die faire Milch“ vorangeht. „Der Absatz der fairen H-Milch ist in Hessen gleichbleibend gut, deshalb würden wir die Produktlinie gern um Butter, Sahne und Joghurt erweitern.“ Erst, wenn eine ausreichende Absatzmenge durch die „faire Milch“ garantiert werden könne, sei es den Landwirten möglich, ihre alten Verträge aufzugeben, erklärt Mann.

von Carina Becker

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