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Ja oder nein zum religiösen Symbol Kopftuch?

Muslimische Frau in Deutschland Ja oder nein zum religiösen Symbol Kopftuch?

Zur Einführung gab es im Historischen Rathaussaal einen Vortrag über die Vielschichtigkeit des weiblichen Selbstbildnisses im Islam.

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Frauen mit Kopftuch im Friedenssaal des Rathauses Osnabrück. Das religiöse Symbol beschäftigte auch die Diskussionsrunde in Marburg.

Quelle: Friso Gentsch

Marburg. „Wenn es um Frauen und den Islam geht, dann hören wir vor allem Männer, meist solche ohne muslimischen Hintergrund, über dieses Thema sprechen. Heute werden hier nun muslimische Frauen selbst zu Wort kommen, Wissenschaftlerinnen, Feministinnen, vor allem aber gläubige Muslima.“ Mit diesen Worten eröffnete Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) die Veranstaltung „Selbstverortung emanzipierter muslimischer Frauen in Deutschland“ im Historischen Rathaussaal. Neben vielen Frauen mit und ohne Kopftuch hörten auch einige interessierte Männer zu.

Zu Beginn gab es einen Vortrag von Dr. Naime Cakir, die über muslimische Frauenverbände in Deutschland berichtete und vor allem über die Vielschichtigkeit des weiblichen Selbstbildnis im Islam. „Es ist sicher schwierig, die teils real existierende Benachteiligung unabhängig von der Religion zu sehen. Die Debatte ist auch von Land zu Land sehr unterschiedlich, in einigen muslimischen Staaten ist die Gleichberechtigung noch ein Fernziel, in Ägypten wird hingegen nur noch bei hohen Ämtern, wie dem des Richters, über die Eignung von Frauen diskutiert. Gerade in Deutschland gibt es aber viele Vereine, die das etablierte Bild der stets unterdrückten Muslimin verändern wollen, das noch stark verbreitet ist“, sagte die Kulturwissenschaftlerin.

Neue Übersetzungen sind umstritten

Cakirs Beitrag über die Arbeit des Zentrums für muslimische Frauenforschung (ZIF) fand während des Vortrags besonders große Beachtung. Cakir dazu: „Dieser mit elf Mitgliedern kleine Verein nimmt sich konkret den Passagen des Islam an, bei denen eine frauenfeindliche Fehlinterpretation besteht, oder aber Passagen, wo vielen nicht klar ist, dass sie deutlich weniger frauenfeindlich sind, als etwa biblische Erzählungen der gleichen Geschichte.“

Als Beispiel nannte die Mitarbeiterin des Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Uni Frankfurt etwa die zum Teil aus dem Christentum übernommene Geschichte von Adam und Eva im Paradies. „Der Koran greift grundsätzlich ältere religiöse Texte auf und setzt viele voraus, allerdings formuliert er konkret, dass Adam und Eva aus einem Stück geschaffen wurden, nicht die Frau aus dem Manne und darüberhinaus sind im Koran beide für den Rauswurf aus dem Paradies verantwortlich.“

Innerhalb der muslimischen Gemeinde umstrittener sind neue Übersetzungen des ZIF, so verstehen sie eine Passage, in der bislang der Einsatz körperlicher Gewalt gegen ungehorsame Ehefrauen angeraten wird, so, dass der Koran dort schlicht die Trennung fordert. „Hier gibt es unter muslimischen Theologen keine Einigkeit, schließlich kommt es auch darauf an, ob der Koran im historischen Kontext oder zeitlos gesehen wird“, bemerkte Cakir. Kritik gab es dazu auch aus dem Publikum: Der Koran sei nicht geschrieben worden, um derart neu interpretiert zu werden.

An der anschließenden Diskussion zum Thema Frauen im Islam in Deutschland nahmen neben Cakir die Buchautorin Emel Zeynelabidin, die Vertreterin der UN Society Marburg, Quassima Laabich, und die Vertreterin der Islamischen Gemeinde Marburg, Asmah El Shabassy, teil.

Nach Köln: Schwarzer Mann zum Feindbild geworden

Dabei wurde das Kopftuch schnell zum Hauptthema. Während Cakir und Zeynelabidin bewusst auf das Kopftuch als religiöses Symbol verzichten, haben sich Laabich und El Shabassy ebenso bewusst dafür entschieden, Letztere hatte daher zeitweilig ihren Beruf als Lehrerin aufgeben müssen, bis das Kopftuchverbot in öffentlichen Ämtern in Hessen gekippt wurde. Eine Zuhörerin fragte besonders deutlich nach: „Wenn Ihnen der Beruf als Lehrerin so wichtig war, wieso dann unnötig die Gerichte bemühen und auf den Beruf verzichten, anstatt das Kopftuch einfach abzulegen?“ El Shabassy antwortete: „In meiner Zeit in Bonn, wo viele Migrantenkinder auf der Schule waren, kam ich gerade als erkennbare Muslima sehr gut bei den Schülern an, es ist mir daher umso wichtiger, meine Form der Religionsausübung mit meinem Leben als Bürgerin dieses Landes auch im öffentlichen Dienst vereinbaren zu können.“

Für Cakir und Zeynelabidin gehört das Kopftuch zwar der Vergangenheit an, dennoch unterstützen sie jene, die es tragen wollen. „Ich hätte mir allerdings von der muslimischen Gemeinde wiederum auch mehr Unterstützung erhofft, als ich mich selbst dagegen entschied, da habe ich leider viel Kontakt verloren“, bemerkte Zeynelabidin.

Auch der Fall von massiver sexueller Belästigung und Vergewaltigung in Köln kam zur Sprache. Laabich betonte: Das war völlig untragbar und wird auch unter muslimischen Feministinnen so gesehen, aber dennoch ist es meiner Ansicht nach so, dass hier der schwarze Mann als Feindbild herhalten musste, während der allgegenwärtige Sexismus in Deutschland wieder von den ewig Gleichen im selben Atemzug ausgeblendet wurde!“

von Marcus Hergenhan

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