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Ist Bares doch nicht Wahres?

Bargeld-Debatte Ist Bares doch nicht Wahres?

Ein Leben ohne Bargeld - geht das? Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält Scheine und Münzen für veraltet.

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Der Deutsche hängt an seinem Bargeld – ein völliges Umschwenken auf andere Zahlungsmittel gilt als unwahrscheinlich.
Foto: Andreas Gebert/dpa

Quelle: Andreas Gebert

Marburg. Das Kleingeld für den Döner auf die Theke legen, der Nichte einen Geldschein in die Geburtstagskarte kleben, bei der Kollekte großzügig ein paar Münzen in den Korb fallen lassen - oder vielleicht sogar in den Hut des Obdachlosen, der schon seit Tagen an der gleichen Stelle zu sitzen scheint: All diese alltäglichen Handlungen werden bald so nicht mehr möglich sein, wenn es nach dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger geht, denn der Ökonom will Bargeld abschaffen.

„Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine tatsächlich ein Anachronismus“, sagte Bofinger dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Der Wechsel auf alternative Zahlungsmethoden könne Kriminalität eindämmen - er hoffe auf eine Vertiefung der Debatte bei dem G7-Gipfel in Elmau. Aber können die Verbraucher wirklich auf Bargeld verzichten? Experten aus der Region sind anderer Meinung:

Deutsche Liebe zum Bargeld

Der Pressesprecher der Volksbank Mittelhessen Dennis Vollmer hält Bofingers Schluss für voreilig: „Dass Bares komplett verdrängt wird, kann ich mir bei der deutschen Liebe zum Bargeld nicht vorstellen“ - schließlich käme es immer darauf an, wie Kunden neue Entwicklungen annehmen, so Vollmer.

Auch bei der Sparkasse Marburg schätzt man die Bedeutung von Barem als sehr hoch ein: „Laut Bundesbank werden immer noch über 50 Prozent aller Zahlgeschäfte in bar getätigt“, so Heinrich Aillaud, Projektleiter für Bargeldlogistik.

Bofinger argumentiert: Schwarzarbeiter und Drogenhändler nutzen in erster Linie Bargeld. Wird das Bargeld abgeschafft, hätte man ihnen das wichtigste Mittel genommen.

Kompromiss: Keine Scheine über 50 Euro?

„Aber reicht das als Grund aus, ein solches Gesetz per Dekret zu erzwingen?“, fragt Prof. Dr. Bernd Hayo zweifelnd. Der Professor für Makroökonomie an der Philipps-Universität Marburg weist darauf hin, dass zwar heutzutage praktisch jeder ein Bankkonto habe, die meisten würden aber dennoch nur ungern ihre Gewohnheiten ändern - wie man am Beispiel der Geldkarte sehen könne, die kaum jemand nutze.

Eher realisierbar scheint der Vorschlag des ehemaligen Chefvolkswirts des Internationalen Währungsfond (IWF) Kenneth Rogoff: Er will vorerst nur die großen Geldnoten abschaffen. Tatsächlich nutze wohl kaum jemand 500 Euro-Scheine im Alltag, meint Professor Hayo. Auch in vielen kleinen Läden wie Bäckereien nehme man mittlerweile oft keine Banknoten über 50 Euro mehr an.

So könnte also ein Kompromiss aussehen, der laut Rogoff zwar kriminelle Aktivitäten einschränken, aber den Bürger nicht in seinen Gewohnheiten beeinträchtigen würde.

„Plastikgeld“ ist sicherer

Zumindest in einem Bereich würde das Wunschszenario Bofingers jedenfalls Kosten einsparen: „Für Banken ist das Bargeschäft defizitär“, sagt Aillaud. Das Ausgeben und Verwalten von Bargeld sei ein Service, der nicht allein von Automaten ausgeführt werden könne, sondern Personal in Anspruch nehme.

Außerdem berge das Verwenden von Kreditkarten für den Einzelnen ein geringeres Risiko als das Mitführen von Bargeld - Geldscheine sieht man nur selten wieder, wenn sie einmal verloren gehen oder gestohlen werden.

Trotzdem hält Aillaud ein völliges Umschwenken auf elektronische Bezahlung für unpraktikabel: „Der Deutsche hat nunmal gerne Bargeld.“

von Marie Rentergent

Hintergrund

103 Euro Bargeld haben die Menschen in Deutschland im Schnitt im Portemonnaie, davon 5,73 in Münzen. Vor allem bei Älteren sind Scheine und Münzen als Zahlungsmittel beliebt. In ihrer jüngsten Studie für das Jahr 2014 stellt die Bundesbank fest: Je älter ein Befragter, umso höher ist der Umsatzanteil, der bar beglichen wird.

Fast die Hälfte der Befragten im Rentenalter gab in der Erhebung an, sie zahlten ausschließlich mit Bargeld. Bei den unter 24-Jährigen bevorzugen dieses Zahlungsmittel weniger als ein Drittel. Die 18- bis 24-Jährigen tragen im Durchschnitt auch nur 66 Euro bar mit sich herum – unter anderem deswegen, weil sie sich häufiger am Geldautomaten mit kleineren Beträgen versorgen.

Der Einfluss des Online-Handels nimmt zu: Dadurch steigt auch die Nutzung von Zahlungsverfahren im Internet wie die Online-Überweisung oder Paypal. Die Bekanntheit von mobilen und kontaktlosen Bezahlverfahren, etwa mithilfe von Smartphones, steigt. Bisher haben sich solche Verfahren allerdings nicht durchsetzen können. Entscheidend ist letztendlich die gefühlte Sicherheit auf Seiten der Verbraucher.(Quellen: dpa/Bundesbank)

Umfrage

Sarah Hachmeister, 26, Marburg, Studentin: Man behält einfach besser den Überblick, wenn man tatsächlich Geld aus der Hand gibt. Wenn ich immer nur mit Karte zahlen würde, hätte ich bald keine Ahnung mehr, wo mein Geld geblieben ist.

Uta Jung, 48, Marburg, Buchhändlerin bei der Buchhandlung am Markt: Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen – wie sollten denn Flohmärkte ohne Bargeld funktionieren? Und die Straßenmusiker müssten dann auch leer ausgehen.

Jan Becker, 24, Marburg, Aushilfe bei Tee Gschwendner: Das fände ich super – letztendlich wäre doch vieles einfacher, wenn man nicht ständig mit Kleingeld herumhantieren müsste, auch wenn die Umstellung erstmal schwierig wäre.

Diana Pukys, 45, Fronhausen, Inhaberin von Akzente: Schwachsinn – niemand würde jeden Tag seine Rechnungen am Computer durchgehen. Wenn ich mein Geld nicht mehr selbst in der Hand haben kann, wäre das eine Art Entmündigung.

Maria Tarti, 24, Marburg, Studentin: Für kleine Läden wäre es ein Nachteil, wenn sie plötzlich kein Bargeld mehr annehmen drüften: Bei Zahlungen mit Karte fallen für diese immer kleine Gebühren an.

Umfrage: Marie Rentergent

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