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Ionen-Strahlen besiegen Tumor im Gaumen

Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum Ionen-Strahlen besiegen Tumor im Gaumen

Harald Thamm hatte einen Tumor im Gaumen – eine sehr seltene Erkrankung. Er ist froh, dass er nicht operiert wurde und sein Kieferbereich nicht verstümmelt werden musste.

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Ein kontrastreiches Leben

Die Strahlentherapeuten Professor Rita Engenhart-Cabilic und Dr. Christian Vogt legen Harald Thamm fürs Pressefoto erneut auf die Behandlungsliege im Partikel-Therapiezentrum. Vor einer 
Bestrahlung wurde dem Patienten eine spezielle Schutzmaske angezogen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Er habe am Vorabend mal wieder einen Wein getrunken. „Sie glauben gar nicht, wie der mir schmeckt“, sagt Harald Thamm zu seinem Arzt Dr. Fabian Eberle von der Klinik für Strahlentherapie am UKGM.

Wenig später trinkt Thamm während der Presse­konferenz ab und an einen Schluck aus seinem Fläschchen mit Apfelschorle.

Dass der 75-jährige Frankenberger problemlos schlucken und sprechen kann, ist ein kleines Wunder. Mediziner sagen, er hat rechtzeitig die richtige Therapie gemacht und ist erfolgreich behandelt worden: Sein Tumor im Gaumen ist verschwunden. Im Spätherbst bemerkte sein Zahnarzt bei einer Routinekontrolle eine seltsame Wucherung im Gaumen.

Thamm ging sofort zur Hals-Nasen-Ohren-Klinik nach Marburg. Dort erfuhr er nach einer Biopsie, dass er einen ganz seltenen Speicheldrüsentumor hat. Vier von 100.000 Einwohnern erkranken in Deutschland jedes Jahr an Speicheldrüsenkrebs, nur die Hälfte von ihnen hat wie Thamm einen bösartigen Tumor in der kleinen Speicheldrüse (weicher Gaumen).

Thamm ( Foto:Nadine Weigel) war in den vergangenen Monaten einer der ersten 50 Patienten, die am Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum (MIT) behandelt wurden. Die etwa murmelgroße Krebsgeschwulst in seinem Gaumen konnte mit der Partikeltherapie weitestgehend ohne Nebenwirkungen therapiert werden, erklärt Professor Rita Engenhart-Cabilic, Direktorin der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am UKGM und MIT.

Thamm hatte die Wahl: Er hätte sich laut Medizinern einer aufwändigen Operation und anschließender Strahlentherapie unterziehen können – das wäre das Standardverfahren. Alternativ wurde ihm die Möglichkeit der neuen Partikeltherapie angeboten. Thamm willigte ein und ist heute nach dem Behandlungserfolg ein glücklicher Mensch. Der Vorteil bei der Partikel- oder auch Ionenstrahltherapie ist, dass Tumorzellen punktgenau zerstört werden können, das umliegende Gewebe aber geschont wird.

Fahrten nach Marburg „waren wie eine Erlösung“

Dafür werden hochenergetische positive Ionen (meist Protonen oder Kohlenstoffionen) mit Hilfe von ultrastarken Elektromagneten auf bis zu drei Viertel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und dann auf den Tumor gelenkt. Dadurch wird die DNA in den Zellkernen zerstört, die Zellen sterben ab und der Tumor entwickelt sich zurück.

Ein klassischer chirurgischer Eingriff hätte womöglich den Kieferbereich verstümmelt, erklärte Professor Afshin Teymoortash. Der Gaumen hätte 
entfernt werden müssen, und damit Harald Thamm wieder schlucken und normal sprechen könnte, hätte der Gaumen mithilfe anderer Gewebeteile rekonstruiert werden müssen. Das blieb Harald Thamm erspart.

Er wurde über einen Zeitraum von rund sechs Wochen 33 Mal bestrahlt. Alles erfolgte ambulant. „Die Hin- und Rückfahrten nach Marburg waren für mich wie eine Erlösung“, sagt er heute. Die Behandlungskosten habe seine Kasse getragen.

Kosten für Therapie geringer als für Operation

Auch wenn das neue Bestrahlungsverfahren noch keine Regelleistung der Kassen sei, sei es auch aus wirtschaftlicher Sicht von Vorteil, so Engenhart-Cabilic. Die Kosten der Strahlentherapie belaufen sich im Gesamtbudget der Onkologie auf acht Prozent. Im Fall Thamm kostete die Behandlung 35.000 Euro statt geschätzt 100.000 Euro für eine Operation und Nachbehandlung. „Was sind Kosten?“, fragt Thamm während der Pressekonferenz. Für ihn zählt nur die wiedererlangte Freude und Lebensqualität.

Seine Ärztin spricht noch nicht von einer Heilung: Das Wort verwenden Mediziner erst fünf Jahre nach der Behandlung. Obwohl der Tumor nun weg ist, bestehe noch ein Restrisiko – auch wegen möglicher Nebenwirkungen.

von Anna Ntemiris

 
Hintergrund

Als Harald Thamm im Herbst 2015 von seiner Diagnose Krebs erfuhr, nahm das MIT seinen Betrieb auf – fast acht Jahre nach der Grundsteinlegung und knapp vier Jahre später als im Kaufvertrag vereinbart und nach einem jahrelangen Streit zwischen den Konzernen Rhön, Siemens, der hessischen Landesregierung und den Universitäten Marburg und Gießen.

Nachdem 2011 Rhön und Siemens bekannt gegeben hatten, die Anlage aus wirtschaftlichen Gründen nicht zu betreiben, fing das Hickhack an. Die Landesregierung verwies auf den Kaufvertrag. Denn im Preis für den Kauf des zuvor fusionierten Universitätsklinikums Gießen und Marburg war das Partikel-Therapiezentrum inbegriffen.

Das Land drohte der Rhön AG zwischenzeitlich mit Klage. Der Durchbruch der Verhandlungen kam 2014 mit dem „Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum“. Die Uniklinik Heidelberg ist mit 75 Prozent Mehrheitseigner. Die 
Heidelberger betreiben bereits eine solche Anlage.

Professor Thomas Haberer, wissenschaftlich-technischer Leiter der Einrichtung geht davon aus, dass bis Jahresende weitere 100 Menschen in Marburg behandelt werden. Künftig sollen es rund 750 pro Jahr sein.

Das MIT hat vier Behandlungsplätze, die sechs Tage in der Woche in Betrieb sind. Das Verfahren haben Forscher am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt entwickelt.

 
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