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Investoren scheuen den Wohnungsbau

Studenten-Apartments Investoren scheuen den Wohnungsbau

Stockender Bau von Studenten-Wohnungen in Marburg: Private Immobilien-Investoren haben nur gedämpftes Interesse daran, günstige Apartments in der Universitätsstadt zu bauen. Das bescheinigt der Stadt eine Analyse eines Immobilien-Beratungsunternehmens.

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Investitionen für den Wohnungsbau von Privatunternehmern: Wie attraktiv ist Marburg im Vergleich zu anderen Hochschulstandorten? Eine Analyse zeigt, dass die Stadt für viele Privatinvestoren wohl zu abhängig von Studenten ist.

Quelle: Fotomontage: Julia Brinkmann

Marburg. Im Ranking der deutschen Hochschulstandorte mit besonders großem Investitionspotenzial belegt Marburg den 35. Platz. Damit liegt die Stadt hessenweit auf Rang drei - hinter Frankfurt (bundesweit 4.) und Darmstadt (bundesweit 14.). Das hat das Immobilienberatungsunternehmen CBRE in seinem nun vorgestellten Marktreport „Studentisches Wohnen 2014/2015“ festgestellt.

Marburgs mittelmäßige Platzierung (Gießen erreicht Rang 36) liege vor allem an der Abhängigkeit der Stadt von der Entwicklung der Studentenzahl. „Für Investoren ist es ein Risiko, dass diese perspektivisch sinken könnte, die Einwohnerzahl und somit die Wohnungsnachfrage abnehmen“, sagt Hannes Nagora, Sprecher von CBRE.

Quote von Wohnheimplätzen deutlich höher als anderswo

Auch das noch verfügbare Bauland, die geringe Fläche für Neubauten schwäche Marburgs Position. Zudem sei die Quote von Wohnheimplätzen in der Universitätsstadt deutlich höher als an anderen Hochschulstandorten. „Der Anteil der Wohnheimplätze am Gesamtwohnungsmarkt in Marburg ist wesentlich größer als anderswo (Anm. der Redaktion: 2.100 Plätze für 26.700 Studenten). Also können hier viel mehr Studenten günstig unterkommen, als das in anderen Städten möglich ist“. Das wirke sich auch auf den freien Wohnungsmarkt - die Gewinnspanne für Investoren - aus.

Jedoch: Im Vergleich der zwölf im Ranking gelisteten Städte unter 100.000 Einwohnern, steht Marburg auf Rang drei hinter Tübingen und Konstanz - vor Gießen, Bamberg, Bayreuth und Greifswald. Auch die Quote der Wohnheimplätze ist bei diesen Städten ähnlich. „Marburg ist also besser aufgestellt als auf den ersten Blick sichtbar“, sagt Nagora. „Großinvestoren ticken so, dass sie auch bei studentischem Wohnraum eher auf Ballungszentren, Städte mit 150.000 Einwohnern aufwärts schauen“, erklärt Karsten Schreyer, Geschäftsführer von S+S-Immobilien. 1.000 Wohnungen plus - solche Größenordnungen gebe Marburg auf einen Schlag nicht her. Als heimisches Unternehmen wisse S+S um den Bedarf, passe sich der Nachfrage vor Ort an. „Es gibt einen erheblichen Bedarf im Neubaubereich, daher ist Marburg ein attraktiver Standort“, sagt er. Grund: ein Trend zum Wohnen in modernen Häusern. „Es ist ein Prozess im Gange, dass Leute nicht mehr viel Geld für einen nicht mehr zeitgemäßen Standard in Altbauten ausgeben wollen. Stichwort steigende Nebenkosten.“

Schreyer will im Nordviertel bis Ende 2017 Hunderte neue Wohnungen bauen. Insgesamt sollen in den kommenden Jahren 600 Wohnungen - viele, aber nicht alle für Studenten konzipiert - im Nordviertel entstehen. Über aktuell bereits laufende Projekte hinaus sollen Schreyer zufolge 180 reine Studentenapartments an einer „noch nicht spruchreifen Adresse“ entstehen.

Nagora verweist indes auf die in Marburg eher geringe Bereitschaft, höhere Mieten zu zahlen - ein Faktor, der die Investitionsfreude privater Invesotren in der Universitätsstadt stocken ließe. Jan Schalauske (Linke) sagt auf OP-Anfrage: „Lange hat der Magistrat in der Wohnungspolitik allein auf Privatinvestoren gesetzt, die im Immobiliensektor hohe Renditen erzielen wollen. Den Bauherren wurde der rote Teppich ausgerollt. Im Ergebnis sind Wohnungen gebaut worden, deren Mieten für Geringverdiener kaum erschwinglich sind“, sagt er. Beispielhaft nennt der Politiker die S+S-Bauten am Erlenring und an der alten Gärtnerei.

Im bundesweiten Vergleich ließen sich in Marburg „immer noch eher günstige Studentenbunden finden als anderswo“, entgegnet Nagora. „Niemand baut, um etwa Studenten zu helfen. Es geht Investoren natürlich um Geld, um Gewinn. Und das geht bei Baukosten heute nur mit Kaltmieten über zehn Euro pro Quadratmeter, eher in Richtung 14 Euro“, sagt er.

Initiativen wie die (T)Raumklinik kritisieren seit längerem, dass es in Marburg zu wenige günstige Wohnungen gebe. Der Magistrat plant derzeit eine Sozialwohnungsquote für Neubauten, die zwischen zehn und 20 Prozent liegen soll. Nagora hält die Einführung einer solchen Quote für „städtebaulich sinnvoll“. Aber: „Es ist gut möglich, dass so etwas Investoren abschreckt.“

von Björn Wisker

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