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Intuitives Bauern-Wissen soll helfen

Forschung Marburg Intuitives Bauern-Wissen soll helfen

Wie kann traditionelles Wissen über nachhaltige Landwirtschaft noch besser weitergegeben werden? Das erforschen Marburger Geographen in einer europäischen Forschungskooperation.

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Apfelzüchter Alfred Oehler aus Roth an einem seiner Apfelbäume. Marburger Geographen erforschen auch am Beispiel der Herstellung von Apfelwein und Apfelsaft, wie traditionelles Landwirtschaftswissen weitergegeben wird. Archivfoto

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. . „Nachhaltige Landwirtschaft lernt man nicht nur aus Lehrbüchern, sondern auch von Bauern, deren Kenntnisse jedoch in der Regel nirgendwo festgehalten sind“, erläutert der Marburger Diplom-Geograph Nicolai Dellmann. Er arbeitet zusammen mit Professor Markus Hassler für die Uni Marburg in einem von der Europäischen Union (EU) finanziell geförderten Forschungsprojekt mit, in dem traditionelles agrarökologisches Wissen der Bauern erfasst und anschließend in der Ausbildung von Forschern und Landwirten weitergegeben werden soll. „Wir wollen systematisch Wissen aufschreiben, das sonst generationenübergreifend mündlich weitergegeben wurde“, erläutert Hassler.

Viele dieser traditionellen Anbaumethoden seien besonders in Spanien und Frankreich auch kulturell verortet, macht Dellmann deutlich. So erforschen spanische Kooperationspartner beispielsweise den Anbau seltener Hopfensorten in Galicien (Nordspanien). Die Tradition dieser Hopfenarten wird auch durch ein regelmäßig wiederkehrende Hopfenfeste aufrechterhalten.

In Hessen haben die Marburger Geographen bisher das traditionelle Wissen um den Streuobstanbau für die Produktion von Apfelwein oder Apfelsaft in den Fokus genommen. So kann man in den vergangenen 30 Jahren beispielsweise einen Anstieg von neben- und haupterwerbstätigen Apfelweinproduzenten beobachten. Dabei gebe es beispielsweise immer mehr Hersteller aus der Rhein-Main-Region rund um Frankfurt, die die Äpfel für ihre Ökoweine oder Ökosäfte aus den Streuobstwiesen in Mittelhessen gewinnen, weil es hier strukturell bessere Bedingungen für naturbelassene Äpfel gibt.

Eine höhere Vielfalt der Apfelsorten und die Verwendung von Streuobstwiesen anstelle von großen Plantagen seien weitere Kennzeichen einer auf Nachhaltigkeit setzenden Landwirtschaft. Gerade darin könne auch eine Nische für Nebenerwerbslandwirte liegen, die ansonsten aufgrund kleinerer Flächen mit den großen Produzenten kaum mithalten könnten, betont Professor Hassler.

Ziel der Forscher aus Marburg und von zehn Partner-Organisationen aus sieben europäischen Ländern ist es, das intuitive Wissen der Bauern beispielsweise darüber, welche Pflanzen an welchem Standort besonders gut gedeihen, aufzuschreiben und zu sammeln, damit es nicht verloren geht. Hintergrund der EU-Förderung ist auch die Tatsache, dass das Modell der auf immer schnelleres Wachstum und möglichst großflächigen und monokulturellen beruhenden intensiven Landwirtschaft nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa allmählich an seine Grenzen stößt. Deswegen sollten auch Gegenmodelle gefördert und entwickelt werden, die Nicolai Dellmann mit dem Stichwort „Extensive Landwirtschaft“ benennt.

Dabei gehe es nicht nur um Formen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, sondern ganz allgemein um Formen der Landwirtschaft, die mit einer höheren Pflanzen- und Tiervielfalt (Biodiversität) einhergehe.

n In den kommenden Jahren wollen die Marburger Forscher nun vor allem Kontakt zu Bauern aufnehmen, die ihnen Näheres über ihre traditionellen Methoden erzählen können. Ebenfalls von Interesse als Gesprächspartner wären Jung-Landwirte, die kürzlich einen Hof übernommen haben und sich am Anfang der Inbetriebnahme befinden. Information und Kontakt: Nicolai Dellmann, Fachbereich Geographie, Telefon 06421/28-24262 oder e-Mail: Dellmann@students.uni-marburg.de

von Manfred Hitzeroth

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