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Virales Foto

Internet-Gerücht überrollt Studenten

Facebook-Fake und Fremdgeh-Fabel: Ein 32-jähriger Marburger ist Opfer eines bösen Scherzes, einer digitalen Lügen-Verbreitung geworden. Sein Fall zeigt die Gefahren von sozialen Netzwerken im Internet.
Eine Geburtstagsüberraschung wurde binnen weniger Stunden zum Internet-Hit: Hendryk P. wickelte am Abend sein Auto, das Freunde Donnerstagnacht komplett in Folie hüllten, wieder aus. Problem: Im Internet wurden zuvor Gerüchte verbreitet, dass es sich bei der Aktion um die Rache einer Ex handelte. Fotos: Nadine Weigel

Eine Geburtstagsüberraschung wurde binnen weniger Stunden zum Internet-Hit: Hendryk P. wickelte am Abend sein Auto, das Freunde Donnerstagnacht komplett in Folie hüllten, wieder aus. Problem: Im Internet wurden zuvor Gerüchte verbreitet, dass es sich bei der Aktion um die Rache einer Ex handelte.

© Nadine Weigel

Marburg. Hendryk P. kramt in einer Schublade und sucht noch ein paar Scheren. Er braucht sie, um mit Freunden sein Auto zu befreien. Seit Stunden steht das Fahrzeug auf einem Parkplatz in der Frankfurter Straße – dick in Folie eingepackt, mit Paketband zugeklebt und kleinen Herz-Aufklebern versehen. „Auf geht‘s, bringen wir das zu Ende“, sagt der 32-Jährige, der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, und setzt die Schere an. Es gilt, einen Schock zu zerschneiden.Denn den ganzen Donnerstag kamen Schaulustige ins Südviertel, um sich das verhüllte Auto anzuschauen. Deutschlandweit berichteten Online-Medien, Boulevard-Magazine, Radiosender, lokale Facebook-Gruppen – und auch die OP – über das, was sich im Zuge der OP-Recherchen als Lügenmärchen entpuppen sollte.

Das ist passiert: In der beliebten Facebookseite „Verspottet: Philipps-Universität Marburg“ (8200 Mitglieder) kursiert ab Nachmittag das Bild eines silbernen Kleinwagens, der komplett in Folie gepackt ist. Dazu erscheint auf der Internetseite eine Geschichte – die einer betrogenen Frau, die einen Rache-Akt an ihrem Freund begeht.

Student: „Ich bin baff, wie schnell so was gehen kann“ Und diese Geschichte geht so: „Hallo Ex-Fremdgeher. Du Sack. Ich möchte ein Spiel spielen.Ich habe deinen Autoschlüssel im Auto versteckt und dein Fahrzeug als Geschenk eingepackt. Du hast vier Stunden Zeit, es auszupacken und deinen Schlüssel zu finden, damit du mit deiner Geliebten nach Frankfurt düsen kannst, um mit ihr in den heimlich-geplanten Urlaub zu fliegen. Beeil dich besser, euer Flug geht um 18.30 Uhr. So stand es zumindest auf Facebook, als du vergessen hattest, dich auszuloggen. Du fliegst freundlicherweise auch aus meiner Wohnung raus. Deine Sachen sind im Auto.“

Binnen weniger Minuten verbreiteten sich Foto samt Geschichte in den sozialen Netzwerken, hunderte Kommentare und „Gefällt-mir“-Klicks heimste der Beitrag ein. In der Verspottet-Gruppe posteten zudem viele Mitglieder Selfies von sich, mitunter Gruppenfotos, wie sie vor dem Auto posieren. Beißender Spott für den Fremdgeher mischten sich in Kommentarspalten mit amüsiertem Lob für die anonyme Initiatorin.
Doch das ist die wahre Geschichte, die Hendryk der OP am späten Donnerstagabend exklusiv erzählt hat: „Das war ein Geburtstagsgeschenk. Meine Freunde legten es rein und packten das Auto ein. Alles andere ist wild erfunden“, sagt er kurz vor der Auto-Auspack-Aktion. „Es ist nur insofern ein

Rache-Akt, eine Retourkutsche gewesen, als dass ich vor zwei Jahren mal das ganze Wohnzimmer von Freunden mit Zeitungspapier so verpackte.“ Die damals von ihm „Geschädigten“, die zu seiner Geburtstagsfeier am Abend zu Gast waren, bestätigen das. „Na das musste doch mal gerächt werden! Und das Einpacken nachts ging auch recht schnell“, sagt ein Kumpel.

Der 32-Jährige war jedenfalls „völlig überrascht“ von dem bösartigen Internet-Hype. „Ich bin baff, wie schnell so etwas gehen kann. Binnen eineinhalb Stunden bin ich davon überrollt worden“, sagt der Lehramtsstudent. Er habe von dem Wirbel erst erfahren, als das Ordnungsamt am Nachmittag bei ihm vor der Haustüre stand und ihn auf die brodelnde Gerüchteküche ansprach. Von seinem Balkon aus sah er , wie sich im Laufe des Tages Dutzende Marburger am Auto-Anblick ergötzten.

"Schönen Gruß an den Verfasser"

„Total albern, welche Kreise so ein Blödsinn zieht. Ein Nichts bekommt so viel Aufmerksamkeit. Und viel Wichtigeres geht unter“, sagt Hendryks Freundin (31). Wer das Gerücht in die Welt gesetzt haben könnte, wissen weder das Pärchen – das „natürlich weiterhin zusammen ist“ – noch die engen Freunde. Verantwortlich für die Falschmeldung sind offenbar Autoren der Marburger Verspottet-Gruppe, die das Foto vom Studentenleben-Magazin „Philipp“ übernahmen und mit der ausgedachten Geschichte be-texteten. Eine „Philipp“-Mitarbeiterin entdeckte das eingepackte Auto in der Nacht zu Donnerstag und veröffentlichte das Foto. Die Initiierung des Fremdgeh-Gerüchts könnte für den noch unbekannten Autoren juristische Konsequenzen haben – Hendryk P. schließt  rechtliche Schritte nicht aus. Auch „Philipp“ könnte Probleme bekommen, da das Kennzeichen nicht vollständig verpixelt war. „Schönen Gruß an die Verfasser, vielleicht sieht man sich ja auch mal im echten Leben“, sagt Hendryk P.

Als er mit den Freunden dann meterweise Folie zerschnitten und sie abgezogen hat, öffnet er die Beifahrertür – und holt unter Applaus der Clique sein Geburtstagsgeschenk (das war übrigens unverpackt) heraus. „Ha, eine Gymnastikmatte, wie schön!“ Auf den Schock folgt Lachen – es ist das Ende eines außergewöhnlichen Geburtstags.

von Björn Wisker


Der Wirbel um das verpackte Auto Im sozialen Netzwerk Facebook verbreitet sich am Donnerstag ein Post rund um ein in Folie eingewickeltes Auto rasend schnell und entpuppt sich als Falschmeldung. mehr
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