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Integration per „Patenschaft“

Flüchtlinge Integration per „Patenschaft“

Katharina Scholmeyer wollte „nicht immer nur sagen, was andere falsch machen“, sondern „selbst einmal etwas richtig machen“. Kurzerhand nahm die Schröckerin einen Flüchtling bei sich zu Hause auf.

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Noch neu in Schröck, aber schon gut integriert: Mohaned Alyas (3. von rechts) mit den drei Kindern von Katharina Scholmeyer und zwei befreundeten Mädchen.

Quelle: Privatfoto

Schröck. „Das ist eben meine Mutter – absurde Ideen sind bei ihr Gang und Gäbe.“ Als Ruben Scholmeyer und seine beiden Geschwister davon erfuhren, dass ihre Mutter sich spontan dazu entschieden hatte, einem jungen Libyer eine Bleibe zu geben, waren sie „überrascht, aber nicht verwundert“. Zunächst zwar etwas verärgert darüber, dass Katharina Scholmeyer dieses Thema nicht einmal mit ihnen besprochen hatte, begrüßen aber auch sie, dass der 18-jährige Mohaned Alyas nun bei ihnen wohnt.

Idee kam auf einer Autofahrt

Der ausschlaggebende Moment für Scholmeyers Eingebung ereignete sich auf einer Autofahrt. Dort hörte sie davon, dass in der Gegend, durch die sie gerade fuhr, eine Flüchtlingsunterkunft in einer Sporthalle geplant war. Wegen Anwohnerbeschwerden war dieser Plan jedoch verworfen worden. „Zudem kam ich gerade von einem Kloster in Brandenburg. Der Praktikant, mit dem ich unterwegs war, fragte spontan, warum die Entscheidungsträger vor Ort dies nicht zur Unterbringung von Flüchtlingen nutzen. Da habe ich gemerkt ein ,die‘ gibt es gar nicht. Es gibt nur  ein wir“, sagt die kaufmännische Angestellte, an der „die Flüchtlingsproblematik vorher ein wenig vorbei gegangen ist“.

Zu alt für die Jugend-Wohngruppe

So rief sie beim Magistrat an, um ihre Hilfe anzubieten. „Ich wusste gar nicht, ob Privatunterkünfte überhaupt gewollt sind“, sagt sie. Schnell wurde sie jedoch an einen jungen Menschen verwiesen, der genau diese Hilfe benötigte. Weil er seinen 18. Geburtstag feierte, musste Mohaned Alyas aus der Jugend-Wohngruppe ausziehen, in der er zuvor untergekommen war. Seit Anfang Januar lebt Alyas nun also in Schröck und ist „eine positive Erweiterung unserer Familie“, sagt die alleinerziehende Scholmeyer.

Während die Nachbarn noch recht argwöhnisch seien, gebe es in ihrer Familie „gar keine Berührungsängste“, auch wenn Alyas im Moment noch kaum Deutsch spricht. Auf der Adolf-Reichwein-Schule besucht er einen Sprachkurs, in dem kurzen Zeitraum reicht dies aber noch nicht, um sich verständigen zu können.

„Wie ein Kind, das man neu dazu bekommt“

„Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch so abhängig sein kann“, beschreibt die 48-Jährige. Nicht nur die Sprache, auch administrative Dinge bereiteten dem Libyer große Probleme – die vielen Behördengänge sei er aus seiner Heimat schließlich nicht gewohnt. Und überhaupt: Tugenden wie beispielsweise Pünktlichkeit und Organisation seien für Menschen, die aus einer anderen Kultur kommen, oft erst einmal fremd.

So käme es etwa nicht selten vor, dass Alyas stundenlang auf den Bus warte. „Denn die einzige Station, die er bis jetzt kennt, ist der Südbahnhof“, berichtet Scholmeyer. Wenn dort jedoch kein Bus nach Schröck fahre, warte der Libyer oft bis zum Nachtexpress – „obwohl er eigentlich weiß, dass wir ihn auch abholen würden“. Gewisserweise sei die Aufnahme eines Flüchtlings daher „wie ein Kind, das man neu bekommt“.

Eine Bezugsperson sei wichtig

Umso wichtiger sei es, entsprechend für den Betreffenden eine Bezugsperson zu haben. „Wenn sie nur unter sich sind, sprechen sie natürlich auch kein Deutsch“, meint Scholmeyer. Kein Wunder, wenn Integration dann misslinge. Denn den alltäglichen Gebrauch der Sprache „kann keine Schule leisten“, ist sie sich sicher.

Die bewegte persönliche Geschichte von Mohaned Alyas lässt sich nur in groben Zügen erahnen. Nach allem, was er erlebt hat, ist er recht schüchtern und möchte nicht zu ausführlich darüber berichten. Klar ist: In Libyen litt er unter Ausländerfeindlichkeit, denn gebürtig kommt er aus dem Sudan, wo er schon früh seine Eltern verlor. Nachdem er seine Pflegefamilie in Libyen wohl aufgrund starker Anfeindungen verlassen musste, wurde er auch in dem afrikanischen Land nicht mehr aufgenommen. Gemeinsam mit einem Freund flüchtete er nach Europa. Zu seiner Familie in Libyen besteht aktuell kein Kontakt. In Schröck fühllt er sich nun wohl und „fängt langsam auch an zu reden“, so Scholmeyer.

Suche nach Arbeit und privaten Kontakten

Was nach der Schule kommt, ist noch offen. „in Libyen hat er wohl in einem Supermarkt gearbeitet“, weiß Scholmeyer, auch handwerklich sei der 18-Jährige begabt. „Beruflich Fuß zu fassen, würde ihm unheimliches Selbstvertrauen geben“, glaubt sie. Damit es mit der deutschen Sprache klappt, setzen sie, ihre Kinder oder der Mitbewohner sich häufig zum Lernen mit ihm zusammen.

„Wenn niemand diese Menschen an die Hand nimmt, sind sie aufgeschmissen“, sagt Scholmeyer und wünscht sich ein „Paten-Modell“ für Fremde, die neu nach Deutschland kommen. „Gerade für die ältere Generation wäre es ja eigentlich auch schön, jemanden zum Reden zu haben“. Leider seien jedoch „die Berührungsängste bei Vielen zu groß“. Dennoch gelte es, nicht alles schlecht zu reden, denn in Deutschland werde verglichen mit anderen Ländern bereits viel geleistet, meint sie.

Über einen Austausch mit anderen Familien, die Flüchtlinge aufgenommen haben, würde sich Scholmeyer sehr freuen. Nicht immer wisse man schließlich sofort, wie man gewisse Situationen angehen solle – in Gesprächen könnte man sich darüber in privater Umgebung austauschen. „Es wäre toll, wenn es da Kontakte gäbe“, so Scholmeyer.

von Peter Gassner

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