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„Integration ist nie einseitig“

„Portal Gisselberg“ „Integration ist nie einseitig“

Flüchtlingshelfer tragen große Verantwortung und stehen oft unter Belastung. Darum bieten die Koordinierungsstelle Flüchtlingswesen und die Projektgruppe der ehrenamtlichen Psychologen Hilfestellungen an.

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Die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer fanden sich während der Auftaktveranstaltung zu Gesprächsgruppen zusammen.

Quelle: Rike Werner

Cappel. Wie ist es möglich, zu den Flüchtlingen eine gewisse Nähe aufzubauen, aber trotzdem notwendige Distanzen zu wahren? Was tun, wenn die Flüchtlinge kein Deutsch lernen wollen oder sich vor neuen Kontakten scheuen? Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer werden mit vielen offenen Fragen konfrontiert.

Dass großer Gesprächsbedarf herrscht, zeigte sich bereits bei der Auftaktveranstaltung zum Thema „Das Fremde in mir entdecken – mich selbst im Fremden erkennen“. Die Veranstaltung, die am Freitag im Bürgerhaus Cappel stattfand, war ein Hilfsangebot für die ehrenamtlichen Helfer, organisiert von der Koordinierungsstelle Flüchtlingswesen sowie der Projektgruppe der ehrenamtlichen Psychologen.

Neben den Beiträgen zweier Psychologinnen wurden Gesprächsgruppen gebildet, die den Ehrenamtlichen die Möglichkeit gaben, sich untereinander auszutauschen, sich zu vernetzen, Probleme zu besprechen und Lösungsvorschläge zu sammeln. Die Ehrenamtlichen nutzten die Möglichkeiten des ersten Treffens intensiv.

Empfang entscheidedend für Traumabewältigung

„80 Prozent aller Flüchtlinge, die über die Balkanroute kommen, haben traumatische Erfahrungen gemacht, aber nicht 80 Prozent sind traumatisiert. Ungefähr 40 Prozent sind in der Lage, die traumatischen Ereignisse selbst zu verarbeiten“, betonte Diplompsychologin Daniela Vogt in ihrem Vortrag.

„Erstaunlich ist, dass die größte Traumatisierung nach der Flucht hier bei uns passiert“, sagte die Psychotherapeutin. Der entscheidende Punkt sei der Empfang der Flüchtlinge. Wenn bei der Ankunft eine freundliche Willkommenssituation geschaffen werde, könne diese eine Traumatisierung verhindern.

Anhand des Fluchtweges eines jungen Somali, der während seiner Flucht Folter und Verschleppungen ertragen musste, schilderte Vogt, was Hilfe bewirken kann. Bei seiner Ankunft in Deutschland sei der 30-Jährige vollkommen verstört und kaum in der Lage gewesen zu reden.

Doch nach einigen Monaten, langer Pflege und dank eines auffangenden Teams „kam wieder der Mensch zum Vorschein“, erzählte sie. Es brauche keinen Psychotherapeuten, um den Flüchtlingen zu helfen, sondern einfach einen Menschen, der Respekt für die kulturellen Hintergründe der Flüchtlinge habe.

Wichtig: bereit sein,
 gut zuzuhören

Diplompsychologin Sarah Kaluza befasste sich in ihrem Vortrag mit dem Kontakt zu Flüchtlingen und der Begegnung mit dem Fremden. Für ehrenamtliche Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe Marburg bietet sie Gesprächskreise an. Vor allem Ehrenamtliche, die regelmäßigen Kontakt zu Flüchtlingen haben, sollen damit die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, zum Fragenstellen und zur gegenseitigen Unterstützung bekommen.

„Ein befriedigender Kontakt gelingt dann, wenn wir bereit sind, gut zuzuhören und den anderen zu verstehen und auch unsere eigenen Fragen, Ängste, Enttäuschungen und Sorgen im Kontakt mit den Flüchtlingen klären“, betonte die Psychotherapeutin in ihrer schriftlichen Einladung zum Gesprächskreis. „Integration ist immer beidseitig und nie einseitig“, fügte sie hinzu.

  • Stattfinden werden die Termine jeden ersten Mittwoch von 18 bis 19.30 Uhr im Monat im „Portal Gisselberg“ in der Gießener Straße 13. Anmeldungen sind bei Dr. Andrea Wagner unter Telefon 06421 / 2011096 möglich.

von Rike Werner

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