Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Integration geht durch den Magen

Flüchtlinge Integration geht durch den Magen

Türen öffnen, Menschen und Kulturen zusammenbringen - wie könnte das besser gelingen als mit einem gemeinsamen Essen? „Über den Tellerrand“ ist eine Initiative, die sich genau das zum Ziel gesetzt hat.

Voriger Artikel
Wildschweine wühlen sich durch Garten am Stadtrand
Nächster Artikel
Schüler sammeln für Flüchtlingsportal

Bo (links), Bilal, Bianca und Mohammad.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Wenn Bilal vom Kochen erzählt, dann merkt man ihm seine Begeisterung an. Dass das Gespräch auf Deutsch immer mal stockt und ihm ab und an noch ein Wort fehlt, ist völlig egal. Das wird flugs per Handy-App übersetzt. Bilal kommt aus Syrien. Er hat Betriebswirtschaft studiert und vier Jahre für eine Bank gearbeitet. Weil er alleine gewohnt hat, musste er auch kochen können, sagt er. Jetzt lebt er in Marburg. Er ist aus seiner Heimat geflohen und froh, eine Bleibe gefunden zu haben. Er wohnt in einer WG und wenn er dort kocht, dann immer gleich für mehrere. Kein Wunder, dass er begeistert von der Idee der Initiative „Über den Tellerrand“ ist.

Bilal ist einer von knapp einem Dutzend junger Leute, aus denen die „Kerngruppe“ hier in Marburg bislang besteht - Deutsche wie auch Menschen aus verschiedenen anderen Ländern. Bianca Pietsch, die an der Universität Kassel studiert, war durch ihre Mitbewohnerin auf das Projekt in Berlin aufmerksam geworden. Dort hatte sich im vergangenen Jahr eine Gemeinschaft gegründet, deren Philosophie es ist, Integration als einen nachhaltigen Prozess zu gestalten und das Miteinander von Flüchtlingen und Beheimateten zu fördern - über das Essen.

Der Name „Über den Tellerrand“ ist also in zweifacher Hinsicht Programm. Es geht um den Teller beziehungsweise das, was drauf ist. Und es geht darum, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. „Wir wollen einen einfachen Zugang schaffen, der Kontakt zwischen Menschen verschiedener Kulturen ermöglicht“, erklären die Organisatoren bei einem Treffen in einem Café. Dabei ist entscheidend, dass hier nicht ein Projekt für Flüchtlinge angeboten wird, sondern dass gewissermaßen (auch) die Flüchtlinge diejenigen sind, die etwas anbieten - „Begegnung und Austausch auf Augenhöhe“ ist der Anspruch.

Bianca Pietsch bekam das „Über den Tellerrand“-Kochbuch „Rezepte für ein besseres Wir“ in die Hände und fragte sofort per Rundmail in ihrem Freundeskreis, ob sich noch jemand für diese Sache begeistern könne. Ein weiterer Mitbewohner arbeitet in der Asylbegleitung und vermittelte Kontakte. Zusammen mit Bo Davidson, den sie aus der „GartenWerkstadt“ (einem Projekt, das einen ökologischen Gemüsegarten am Richtsberg betreibt) kennt, fuhr Pietsch nach Berlin, um sich das Projekt vor Ort anzuschauen.

„Schnibbelpartys“ für rund 100 Gäste

Kurze Zeit später fand schon die erste „Schnibbelparty“ in Marburg statt; unterstützt von der IKJG, die ihre Räume im Stadtwald zur Verfügung stellt. Dabei wurden extra Gerichte ausgewählt, bei denen möglichst viele mithelfen können. Obwohl sie keine Werbung oder Öffentlichkeitsarbeit über die Freundeskreise der Beteiligten hinaus gemacht hatten, waren auf Anhieb knapp 100 Gäste versammelt. Inzwischen hat es bereits weitere Veranstaltungen gegeben, und die Planungen für die Zukunft laufen auf Hochtouren.

Neben den Veranstaltungen sind auch Projekte mit Jugendlichen und Kochkurse geplant, erläutert Bo. Ähnlich wie in Berlin sollen in Marburg nach Möglichkeit auch andere Gruppen und Veranstaltungen zusätzlich entstehen. Für den Studenten ist „Über den Tellerrand“ eine Bereicherung und bietet großes Potenzial, dass Menschen einander kennenlernen. Und das auf einer Basis von Wertschätzung. Jeder wird einbezogen, jeder kann etwas beitragen. Über alle Unterschiede und Grenzen - auch die der Sprache - hinweg. Bo und Bilal seien beispielsweise beide große Fußballfans, erzählt Bo. Das verbindet, auch wenn Worte manchmal fehlen. Am Tisch gegenüber im Café sitzt Mohammad. Auch er kommt aus Syrien. Er will in Deutschland vielleicht erst einmal das Abitur nachholen und dann eine Ausbildung beginnen. Bilal würde gern seinen Master machen und sucht nach einem Praktikumsplatz in einer Bank.

Mohammad hat schon in mehreren Ländern in einem Fast-Food-Restaurant gearbeitet und dort immer für seine Kollegen gekocht, erzählt der 25-Jährige. Beruflich soll es jetzt in eine andere Richtung gehen.

von Nadja Schwarzwäller

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr