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„Inklusion erfordert eine Gesinnung“

100 Jahre Blista „Inklusion erfordert eine Gesinnung“

Pädagogen, Verbandsvertreter und Politiker haben während einer Fach­tagung an der Blinden­studienanstalt Inklusions-Konzepte besprochen und erarbeitet.

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Alt wie ein Baum? Die Blindenstudienanstalt mit der Carl-Strehl-Schule wird im nächsten Jahr 100 Jahre alt.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Blindenstock, Akustik-Ampel, Hörbücherei: Von der Bildungseinrichtung in der Universitätsstadt seien in den vergangenen 100 Jahren der Existenz Errungenschaften ausgegangen, „die das Leben von vielen Menschen mit Einschränkungen verändert, verbessert haben“, sagt Claus Duncker, Blista-Vorsitzender.

Seit den Anfängen der Blista sei es um die Verbesserung der Teil-habe-Chancen gegangen. „Und mit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention im Rücken geht es für uns in die Zukunft.“ Die Jugendlichen bräuchten zwar spezielle Lerntechniken, Alltagshilfen, „aber die kleine Gruppe der Sinnesbeeinträchtigten ist genauso leistungsfähig wie die Masse der Sehenden“, sagt er. Das Ziel sei eine „inklusive Arbeitswelt“, in der auch etwa Blinde und Sehbehinderte vollständig integriert seien.

Der dänische Psychologe Peter Rodney bremst indes die Inklusions-Euphorie. „So etwas lässt sich nicht verordnen. Damit Inklusion passiert, gelingt, braucht es in der Gesellschaft eine passende Geisteshaltung“, sagt der Referent. Fakt sei, jedenfalls bei Untersuchungen in Dänemark, dass 51 Prozent der Fünftklässler in der Schule „nicht neben einem Blinden sitzen wollen“ und 72 Prozent der Befragten es für „peinlich halten, neben einem Behinderten in der Stadt zu laufen“. Diese Zahlen hätten sich trotz eines politisch gewollten Inklusionskurses in den vergangenen Jahren kaum verändert. Am ehesten noch bei Schülern, die das Nebeneinandersitzen weniger ablehnen als zuvor.

Plädoyer Förderschul-Erhalt

„Wir müssen also die Grundsätze, die Voraussetzungen für Inklusion überdenken“, sagt er. Nur langfristig, über eine Veränderung von Einstellungen gegenüber Behinderten, könne das gelingen. „Es geht um die emotionale Ebene, aber auch über kulturelle Interaktion von Blinden und Nicht-Behinderten“, sagt Rodney. Seine These: Je mehr Gesellschaften unter Druck stehen, Probleme haben - etwa die Bewältigung der Flüchtlingskrise - desto schwerer falle Inklusion.

„Das Bewusstsein zu bilden, ist entscheidend“, sagt Hessens Kultusminister Professor Alexander Lorz (Foto oben). So alt der Inhalt des Papiers für Institutionen wie die Blista - „sie ist eine Marke in ganz Deutschland“ - auch sei, verändere sie langfristig das gesamtgesellschaftliche Denken, „lässt vorgefasste Einstellungen verschwinden“ und schaffe nötige Strukturen auch im Bildungsbereich. „Schule, so wichtig und früh dran wie sie auch ist, wird Inklusion nicht alleine schaffen.“ Grundlage sei „die gesellschaftliche Akzeptanz der Verschiedenheit von Menschen und dann folgend die Möglichkeit der Erfahrungs-Machung mit Blinden“ auch für Nicht-Behinderte, sagt Lorz. Zeitliche Vorgaben, bis wann schulisches Lernen und berufliches Zusammenarbeiten von Nicht-Behinderten und Sinneseingeschränkten Normalität sein solle, hält Lorz für „unsinnig“. Einen Erhalt der Förderschulen hält der Kultusminister für „unabdingbar“, auch wegen deren „geballter Kompetenz und hochspezialisierter Arbeit“.

von Björn Wisker

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