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"Inklusion beginnt mit einer Haltung"

4 Fragen, 4 Antworten "Inklusion beginnt mit einer Haltung"

Seit der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 besuchen immer mehr Kinder mit Förderbedarf reguläre Schulen. Wie das funktioniert und warum Inklusion so wichtig ist, erklären zwei Lehrer der integrierten Wollenbergschule im OP-Interview.

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Inklusion in der Schule heißt: Behinderte und nicht behinderte Kinder lernen zusammen.  An der Wollenbergschule in Wetter kommt dieses Konzept gut an.

Quelle: Jonas Güttler

Marburg. Seit 2009 ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geltendes Recht in Deutschland. Ihr Ziel: Die gesellschaftliche Teilhabe behinderter Menschen in den Bereichen Ausbildung, Arbeit und Beschäftigung - und zwar von Anfang an. Unabhängig von ihren psychischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen oder sprachlichen Fähigkeiten sollen auch Kinder an Regelschulen aufgenommen und unterrichtet werden.

Die Wollenbergschule in Wetter, eine integrierte Gesamtschule mit einem Förderschulzweig als Beratungs- und Förderzentrum, ist so eine Schule. 10 Prozent der über 700 Schüler haben einen Förderbedarf.

Eine Gruppe, aber unterschiedliche Lernziele

OP: Herr Hänsel, Sie und Ihr Kollege Sven Hopf sind Lehrer an der Wollenbergschule. Warum ist Inklusion so wichtig?

Olaf Hänsel : Ich finde, es ist ein Menschenrecht, dass Menschen mit Behinderung teilhaben am Leben, insbesondere in der Schule. Ich finde, man sollte nicht diskutieren OB, sondern WIE Inklusion stattfinden kann. In einer Förderschulklasse mit 14 Schülern, die alle Probleme haben zu lernen, fehlen einfach die positiven Vorbilder. Meine Erfahrung ist, dass in heterogenen Gruppen besser gelernt wird, weil einfach andere Lernvorbilder da sind. Was an Input von anderen Schülerinnen und Schülern kommt, an Arbeitshaltung aber auch an sozialen Vorbildern, kann in nicht-heterogenen Gruppen in der Form einfach nicht geleistet werden.

( Foto: Olaf Hänsel links, Sven Hopf)

OP: Wie sieht inklusiver Unterricht konkret aus?

Sven Hopf: Wie ganz normaler Unterricht (lacht). Man hat immer unterschiedliche Schülerinnen und Schüler in seiner Klasse sitzen und deswegen unterscheidet sich inklusiver Unterricht auch nicht von anderem Unterricht.

Hänsel: Was inklusiven Unterricht vielleicht besonders macht, ist, dass es auch lernzieldifferenten Unterricht gibt, dass wir also innerhalb einer Lerngruppe Schüler mit unterschiedlichen Lernzielen und Beschulungsformen haben, das heißt, Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen kriegen dieselben Unterrichtsinhalte angeboten, aber auf unterschiedlichen Niveaustufen.

OP: Nun haben behinderte Kinder einen sehr viel höheren Förderbedarf als nichtbehinderte Kinder. Es braucht speziell ausgebildete Pädagogen, um beispielsweise Kinder mit einer autistischen Störung angemessen zu fördern. Ist dies personell in den Schulen leistbar?

Hänsel: Inklusion beginnt zunächst mit der Haltung und dem Bewusstsein, für alle Kinder zuständig zu sein. Es geht aber auch darum, was uns dieses Menschenrecht wert ist. Wir haben in unserer Schule das große Glück, dass wir viel in Doppelbesetzung arbeiten können. So versuchen wir immer, von dem Kind auszugehen und können zum Beispiel einem Schüler mit besonderem Bedarf eine Betreuungshelferin während des gesamten Unterrichts als Unterstützung zur Seite zu stellen. Man muss dafür als Schule ein gutes Netzwerk aufbauen mit dem Jugendamt und weiteren Bildungsträgern, so dass man allen Kindern auch gerecht werden kann. Ohne Manpower würde es nicht gehen.

Hopf: Auch da ist die Frage, was ist die Alternative? Ist die Alternative: wir sperren alle Kinder, die nicht in unser Normsystem passen, weg? Das kann es ja auch nicht sein.

OP: Manche Eltern nichtbehinderter Kinder haben Sorge, dass ihre Kinder im inklusiven Unterricht nicht ausreichend gefördert oder gar übersehen werden. Können Sie diese Sorgen teilen?

Hänsel: Wir nehmen die Sorgen der Eltern sehr ernst und haben beispielsweise damals, als wir vor knapp sechs Jahren mit Inklusion gestartet sind, entschieden, dass wir das nur mit einem hohen Maß an Elternzustimmung machen. Wir haben an einem Elternabend für den neuen Jahrgang die Ideen, die wir damals hatten, vorgestellt und vorher festgelegt, dass wir mindestens 70 Prozent der Zustimmung haben müssen, bevor wir uns auf den Weg machen. 98 Prozent der Eltern waren schließlich dafür. Unsere Erfahrung ist genau das Gegenteil, dass Eltern leistungsstarker Kinder sich für unsere Schule entscheiden, weil es eben noch andere Dinge zu lernen gibt, als die üblichen Unterrichtsinhalte, die wir an unserer Schule auch anbieten, plus soziale Kompetenzen, wie zum Beispiel das miteinander auskommen.

Hopf: Die Erfahrung zeigt auch, dass die leistungsstarken Kinder nicht auf einmal weniger leistungsstark werden, weil sie mit weniger leistungsstarken Kindern beschult werden. Wenn man sich einmal damit beschäftigt, wie man lernt, nämlich unter anderem dadurch, dass man anderen etwas zeigt oder erklärt, lernen sie in inklusivem Unterricht noch sehr viel mehr.

von Ruth Korte

Mehr zum Thema:

  • Am 11. Februar findet um 18 Uhr im Hörsaalgebäude +1/110 eine offene Podiumsdiskussion zum Thema Inklusion statt. Mit dabei sind auch Erika Körner-Denné vom Hessischen Kultusministerium und Wiltraud Thies, ehemalige Schulleiterin der inklusiven Sophie-Scholl-Schule in Gießen.
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