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Inklusion aus der Wundertüte

Schule Inklusion aus der Wundertüte

Förderschulkräfte für jede Regelschule als Voraussetzung für funktionierende Inklusion - bei einer Veranstaltung der Gewerkschaft GEW diskutierten Lehrer über die Zukunft des inklusiven Unterrichts.

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Karl Goecke (von links), Schulleiter der Martin-Luther-Schule, Hans Braun vom Kreisvorstand der GEW Marburg-Biedenkopf und Referent Johannes Batton sprechen über Inklusion.

Quelle: Julia Krekel

Marburg. „Der Weg, den man in Hessen derzeit beschreitet, führt mit Sicherheit dazu, dass das Gegenteil erreicht wird, dass die Förderschulen gestärkt werden“, stellte Johannes Batton in seinem Vortrag der Veranstaltung „Inklusion aus der Wundertüte“ fest, die von der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) organisiert wurde.

Batton, Verfasser des Allendorfer Appells, einer hessischen Initiative für bessere Inklusions-Bedingungen, setzt deshalb große Hoffnung auf einen Regierungswechsel im Land im kommenden September. Denn die jetzige Schulpolitik der Inklusion spalte die Lehrerschaft, anstatt Teams zu stärken. Sein Wunsch ist es, jede Regelschule mit festen Förderschulkräften auszustatten, die Teil des Kollegiums werden. Dafür sollten die Mittel bereitgestellt werden, fordert er, denn: „Momentan sieht Hessen die Inklusion als Möglichkeit, Geld zu sparen.“

Ergebnisse des Workshops werden veröffentlicht

Hans Braun vom Kreisvorstand der GEW Marburg-Biedenkopf sieht es ähnlich: „Die Ressourcen an Gymnasien sind nicht vorhanden - dort sieht man keine Entwicklung. Es muss sich etwas ändern.“ Ziel des Kultusministeriums sei, die Förderstufenlehrer auf alle Schulformen zu verteilen, damit diese beratend wirkten. „Aus unserer Sicht wäre das ein Rückschritt, denn Förderschullehrer haben bisher eine Doppelfunktion inne - Beratung und inklusive Beschulung, also gemeinsame Unterrichtung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Regelschüler“, so Hans Braun.

Was in dem Jahr seit der Einführung der Inklusion in Hessen passiert ist und was nicht, was man tun kann, was nötig und möglich ist - damit beschäftigte sich nicht nur Johannes Batton in seinem Vortrag, sondern auch die teilnehmenden Lehrkräfte, die aus allen Schulen des Schulamtsbezirks kamen und Inklusion bereits praktizieren oder damit zu tun haben werden. In verschiedenen Workshops sollte sich mit dem Thema auseinandergesetzt und Schlüsse gezogen werden. „Es soll natürlich auch ein politisches Statement sein“, so Hans Braun. Die Ergebnisse der Workshops würden in einem Bericht der GEW veröffentlicht und dieser werde an die Schulen, politische Vertreter und die Gruppe Inklusions-Beobachtung in Frankfurt, die vom Kultusministerium eingerichtet wurde, weitergeleitet.

Inklusion an Gymnasien noch ein Randthema

Zur aktuellen Situation an den Schulen leiteten Birgit Koch (stellvertretende Landesvorsitzende der GEW) und Hartmut Möller (stellvertretender Vorsitzender des Gesamtpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer) einen Workshop. Moni Frobel, Sozialpädagogin, widmete sich dem Prozess von der Integration zur Inklusion. Nadine Vollmershausen, Förderschullehrerin in Wetter, blickte über die Grenzen nach Kanada, das als Vorbild der Inklusion gilt. Welche Konsequenzen Inklusion für die Ausbildung hat, war Thema im Workshop von Franziska Conrad (Referatsleitung Aus- und Fortbildung GEW Hessen). Kim Siekmann, Förderschullehrerin, diskutierte über die Chancen, Stolpersteine und die nächsten Schritte von Inklusion.

Werner Wörder ist Gymnasiallehrer an der Martin-Luther-Schule in Marburg und blind. Er sagt aus Erfahrung, dass Inklusion für Gymnasien ein Randthema sei: „Das Bewusstsein hierfür in Gymnasien ist beschränkt, da Gymnasien als leistungshervorbringende Institutionen gesehen werden. Integration findet hier nur in Einzelfällen statt.“ Solange das Ressourcenproblem bestehe, werde sich dies schwer ändern können, findet er. Und: „Es sollte eine Kultur geschaffen werden, dass Schule auch Lebensraum ist und nicht nur eine Einrichtung, um Schüler zu selektieren.“

Hintergrund:
Während Integration Andersartige in die Gemeinschaft eingliedert, geht Inklusion davon aus, dass in einer Gemeinschaft jeder anders ist. Die meisten Förderschüler sind nicht schwerbehindert, sondern haben Lernschwierigkeiten, Probleme mit Verhalten oder Sprache. Für das inklusive Modell in Hessen hat die Studie der Bertelsmann-Stiftung einen Mehrbedarf von 380 Lehrern errechnet. 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenkonvention ratifiziert, die Inklusion als Menschenrecht definiert. Hessen muss, wie alle Länder, auf ein inklusives Bildungssystem umstellen. Seit 2012 haben alle hessischen Schüler das Recht, eine allgemeine Schule zu besuchen, auch wenn sie dabei mehr Unterstützung brauchen, mit körperlicher oder geistiger Einschränkung leben. „Inklusion ist nicht nur ein schulisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem“, findet Hans Braun (GEW).

von Julia Krekel

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