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In jedem steckt ein kleiner Mathematiker

Gegen die Angst vorm Rechnen In jedem steckt ein kleiner Mathematiker

Es ist nicht vermessen zu behaupten, jeder Mensch sei ein geborener Rechenkünstler. Es kommt auf den Zugang an. Und der wird in der Schule in Sachen Mathematik oft gründlich vermasselt.

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Ein achtjähriger Junge nimmt bei den Hausaufgaben im Fach Mathematik seine Finger zur Hilfe, um besser zu zählen. Foto: Patrick Pleul

Quelle: Patrick Pleul

Marburg. Während Rechnen, Basteln und Spielen im Zahlenraum bei Grundschülern noch Spaß und Spannung hervorrufen, schlägt Mathe in der Mittel- und Oberstufe nicht selten in Angst vor der nächsten Klassenarbeit um. Das BWL-Studium scheitert an der Mathe-Hürde, und Medizin-Studierende hadern mit der Statistik. Und es ist kein Geheimnis, dass manche Hochschullehrer durch strenge Mathe-Klausuren die guten von den weniger guten Studierenden trennen.

Nach der Klausur suchen die Gestressten dann Entspannung und drehen am Zauberwürfel oder Tüfteln am Sudoku - wieder Mathematik, aber in andererVerpackung. Ganz augenscheinlich wird das im Mathematikum in Gießen. Nirgendwo steht Mathe drauf, überall ist Mathe drin. Denkspiele, Bastelaufgaben und Knobeleien zuhauf, dazu mathematisch-physikalische Mitmachexperimente wie etwa die Riesenseifenblase, die man sich über den Körper ziehen kann.

Mathe hilft, Dingezu durchschauen

Auf Formeln wird verzichtet. Die knappe Beschreibung am Exponat oder Experiment schubst die Besucher lediglich an, loszulegen. „Wir sind als Museum ganz klar im Freizeitbereich angesiedelt“, sagt Mathematikum-Direktor und Mathe-Professor Albrecht Beutelspacher. Und der laute Geräuschpegel im Mitmachmuseum macht klar: Mathe macht Spaß - nämlich sich auf kreative Weise eine Lösungsstrategie allein oder mit anderen zu entwickeln. Und Mathe macht glücklich - nämlich diese Lösung gefunden zu haben. Dieses Glück spüren übrigens auch Schüler und Studierende, wenn sie eine Hausaufgabe gelöst haben, oder auch Forscher, wenn sie auf Dutzenden Seiten, diesmal gespickt mit Formeln, einen wichtigen Beweis geführt haben. Nur wird dieses Glück immer weniger Menschen zuteil.

Der Schlüssel liegt für Rainer Danckwerts in den Lehrerinnen und Lehrern. Als Mathematikdidaktiker hat der jetzt emeritierte Hochschullehrer der Universität Siegen über zwei Jahrzehnte zum Mathematikunterricht und zur Lehrerausbildung geforscht. „Die Leute sind immer ganz dankbar, wenn ich ihnen sage: Es liegt nicht zwingend an Dir, dass Du Mathe nicht verstehst. Es kann sehr wohl auch an Lehrern und Lehrmethoden liegen“, sagt Danckwerts. Mathematik ist im Grunde ja nicht einfach. Ein Lehramtsstudent muss zunächst zwei Schocks durchmachen: Von der Schulmathematik zur abstrakten, anspruchsvollen Hochschulmathematik. Und dann von diesem Niveau wieder zurück in die Schule. „Viele können das Bildungserlebnis Mathestudium nicht in der Schule anwenden“, sagt Danckwerts.

Für Schule und Leben, also für uns alle, hat Mathematik laut Danckwerts ganz klar allgemeinbildenden Charakter.Drei Gründe führt er an. Erstens hilft Mathematik, die Dinge unserer realen Welt zu durchschauen. „Mathe ist anwendbar“, sagt Danckwerts. Zweitens sei Mathematik eine geistige, kulturelle Schöpfung. Sie führt in eine geordnete Gedankenwelt, in der sichere Erkenntnisse abgeleitet werden. „Und schließlich drittens ist die Mathematik eine Schule des Denkens. Sie lehrt Haltungen und Fähigkeiten zum Problemlösen, die über die Mathematik hinausgehen“, sagte Danckwerts jüngst in einem Vortrag im Mathematikum.

In ihrem Buch „Mathematik neu denken“ haben Danckwerts und Beutelspacher aufgezeigt, wie Lehramtsstudierende eine aktive Beziehung zur Mathematik als Wissenschaft und Kulturgut herstellen können. Die Buchpublikation liegt jetzt schon fünf Jahre zurück. „Langsam sickert das jetzt in die Lehrerausbildung ein“, sagt Danckwerts.

„Das ist die Tücke des alltäglichen Mathematikunterrichts an unseren Schulen: Man hat den Eindruck, dass fortgesetzt Fragen beantwortet werden, die niemand ernsthaft gestellt hat, und forschendes Lernen muss regelrecht inszeniert werden. Ein natürlicher Bestandteil des Unterrichts ist es eher nicht“, diagnostiziert der Forscher. Im Unterschied zu anderen Fächern, ist die Verknüpfung der Alltagswelt von Schülerin und Schüler zur Mathematik zwar erklärtes Ziel, aber kaum nachhaltig ausgeprägt. Die Jugendlichen bearbeiten häufig „Aufgabenplantagen“ (Danckwerts), ohne Bezug zum eigenen Leben, also (Lernen nur für die Schule) hoch drei.

Hier gelte es, die Mathematik stärker in die eigene Erfahrung einzubetten, ihre Geschichtlichkeit und die Menschen dahinter zu beschreiben. Mathe funktioniert zwar ohne alles Menschliche, doch Menschen wie Pythagoras haben bestimmte geometrische Beziehungen erstmals mathematisch exakt beschrieben, sich an Problemen die Zähne ausgebissen oder erfolgreich gelöst. Oft kommt in der siebten Klasse der Bruch mit der Mathematik. Die Pubertät erfasst alle Sinne. Im Unterricht geht‘s mit Gleichungen und Variablen in x und y eine Stufe abstrakter. Die Schüler denken, „das hat nichts mit mir zu tun“ und wenden sich ab.

Auch ein Fehler hat eine innere Logik

Mit pädagogischem Geschick müssen die Lehrer hier gegenhalten. Beispielsweise indem sie vom Richtig/Falsch-Schema einer Aufgabenlösung abrücken. „Auch ein Fehler hat eine innere Logik“, sagt Danckwerts. Und wer über einen Fehler auf den richtigen Weg und die richtige Lösung kommt, der hat mehr geleistet und auch mehr gelernt, sekundiert ihm der Bremer Gehirnforscher Gerhard Roth. Das wäre so ein Charakteristikum des Mathematikers: Er biegt aus dem Falschen, der Sackgasse, auf den richtigen Weg zur Problemlösung. Das Mathematikum zeigt auf spielerische Weise nichts anders: In jedem von uns steckt ein kleiner Mathematiker.

von Martin Schäfer

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