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In eineinhalb Stunden um die Welt

Auf der Grünen Woche In eineinhalb Stunden um die Welt

Ein Weltreisender mit knurrendem Magen: Kreisbauernverbands-vorsitzender Erwin Koch stürzte sich auf der „Grünen Woche“ für die OP ins Getümmel – immer auf der Suche nach einem geeigneten Mittagessen.

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Unterwegs ein Stückchen Wurst abgreifen: Auf der Landwirtschaftsmesse geht‘s überall ums Essen und Genießen.

Quelle: Marc Tirl

Berlin. Der Magen knurrt und Erwin Koch zieht wacker los. „Wahnsinn, dieser Betrieb“, sagt der Diedenshäuser Landwirt und Kreisbauernverbandsvorsitzende, der schon seit einigen Tagen auf der Landwirtschaftsmesse unterwegs ist.

Aus dem Fischbrötchen, auf das Koch es abgesehen hat, wird nichts. Die Schlange ist lang, es wird gerempelt – da zieht der Bauernpräsident lieber weiter. So geht‘s ihm noch öfter an jenem Tag.

Vom Fischstand biegt Koch nach rechts ab und marschiert weiter nach Österreich, Usbekistan und in die Ukraine. Da gefällt‘s dem Diedenshäuser. „Tolles Essen, so schöne Stände und Frauen in wundervollen Trachten“, schwärmt er und reißt sich wieder los. Zwischen der Ukraine und Kasachstan trifft Koch auf ein Ehepaar aus seiner Heimat. Jetzt gibt‘s ein großes Hallo, bevor es weitergehen kann – mit einem Bonbon aus der Ukraine im Mund, das hilft wenigstens kurz über die schlimmsten Hungergefühle hinweg. Ein Löffelchen Kaviar für 6,50 Euro? Da streikt der Bauer.

„Pralinen sind ja auch nix Richtiges“

Koch ist jetzt in Belgien. „500 Gramm Pralinen für 25 Euro“, erzählt er am Telefon, „aber das ist ja auch nix Richtiges“. Also zügig weiter nach Australien. Wie wäre es mit einer Fleischpfanne? „Krokodil, Känguruh oder Büffel?“ Koch kann sich nicht entscheiden. Dann doch: „Krokodil mit Ananas“, will er gerade bestellen, da wird er weggeschubst und stolpert geradezu in die Arme einer Dame mit neongrüner Perücke. Die kleinen holländischen Tomaten, die sie auf ihrem Tablett balanciert, haben fast die gleiche Farbe wie die künstliche Haarpracht. „Was soll‘s“, sagt sich der hungrige Diedenshäuser und schnappt sich eine Tomate für unterwegs.

Nächste Station: Neuseeland. „Mal schauen, wie die Milch schmeckt“, sagt Koch, der jetzt überprüfen will, ob die neuseeländer Milchbauern wirklich eine so große Konkurrenz für die heimische Landwirtschaft darstellen. „So heißt es immer“, erklärt er und ist gleich darauf ganz schön enttäuscht. „Keine Milch, nur Wein – da müssen wir uns ja keine Sorgen machen“, resümiert er.

Auf nach Holland. Erwin Koch durchschreitet ein Blumenmeer. Nichts zu Essen weit und breit. In der nächsten Halle scheint mehr los zu sein. Man hört eine laute Männerstimme. Mark Weinmeister, CDU-Staatssekretär im hessischen Landwirtschaftsministerium, wirbthier für die Produkte aus dem Hessenland. Welch Freude – Weltreisender Koch wird jetzt lautstark von ihm begrüßt. Und, zum Glück, es gibt wieder mal ein Häppchen. Ein schönes Stück „ahle Woscht“, da fühlt Koch sich gleich, als wäre er daheim. Und dann zieht der Diedenshäuser auch noch den Hauptgewinn. Er macht kurzentschlossen bei einer Verlosung mit und gewinnt eine Flasche des ominösen „Hessen-Parfüms“. „Das ist ja fast wie ,Chanel No. 5‘“, freut sich der Bauersmann und setzt seinen Rundgang fort.

In der nächsten Halle: Stille. „Wir sind jetzt in Nordrhein-Westfalen, in einem der größten deutschen Agrarländer.“ Der Landwirt ist ein bisschen enttäuscht. „Hier gibt‘s nur Äpfel und Kaffee aus fairem Handel – nichts zum Probieren.“ Neue Halle, neues Glück. Mordsgaudi in Bayern! Und Koch greift ein Milchmixgetränk ab. Weiter in die Schweiz. Hier ist es ruhig und Koch findet es langweilig. Südtirol: „Lecker, ein Stück Speck – und einen Apfel zum Mitnehmen.“

Ein Hosianna auf die Wildschweinwurst

Koch trifft in Ungarn ein und kann sich kaum noch halten vor Begeisterung. „Wildschwein-Salami mit Trüffeln“, jauchzt er ins Telefon, „köstlich, mir als Landwirt wird sofort klar: So könnten wir unsere Wildschweinplage beseitigen.“

Mit ein paar Häppchen im Bauch tritt Koch die Weiterreise an. „Die Proben sind zu klein“, schimpft er, „man kann sich durch die ganze Welt essen und wird nicht satt“.

Nordafrika. Koch hat allmählich keine Lust mehr auf Häpp-chen, er will sich jetzt mal richtig satt essen. Er stellt sich am tunesischen Stand an. Ein Sachse kommt und gibt launig-lärmend seine Bestellung auf. Koch lässt sich freiwillig nach Marokko weiterschieben.

„Das will ich“, weiß der Landwirt sofort beim Anblick der großen Pfanne. Was ist es denn? „Keine Ahnung, ich glaube, etwas mit Lammfleisch drin.“ Wie der Herr sein Gericht wünscht? „Traditionell!“ Und das ist recht würzig, wie sich herausstellt. „Ich hab jetzt großen Durst“, sagt Koch und hat eine Idee. Schnell zurück nach Bayern, da gab‘s diese Milchmixgetränke. Unterwegs bekommt er noch eine erfrischende Kostprobe italienischer Eiscreme. Besser geht‘s nicht. Und die Weltreise ist geschafft – in eineinhalb Stunden. Da würde selbst Jules Verne staunen.

von Carina Becker

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