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In die Euphorie mischt sich Mitleid

In die Euphorie mischt sich Mitleid

Im „falschen Film“, auf der „emotionalen Achterbahn“, „einfach nur geil“: Ein 7:1 gegen Brasilien ist nicht so leicht zu verarbeiten.

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Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Peter Zimmermann, der Direktor des Tennis-Turniers Marburg Open. war nach 29 Minuten völlig erschlagen.“ „Meine Frau ich dachten, wir wären im falschen Film“ berichtete Zimmermann. Letztlich musste eine Flasche Silvaner aus dem Frankenland dran glauben. Und dort wird der Mann auch beim Finale sein. „In Karlstadt am Main werden wir uns das beste Plätzchen für das Finale heraussuchen.“

Philipp Storck hat es nur genossen: Zu Hause, mit Freunden: „Schön mit Musik eingestimmt, das Spektakel ungläubig angeschaut und nach Abpfiff haben wir uns noch ein, zwei Extra-Getränke genehmigt.“

Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel, der Fußball am liebsten zu Hause schaut, war wegen eines dienstlichen Termins in Frankfurt und hat in einer Sachsenhäuser Kneipe geschaut. „Beim 1:0 war es Freude pur - je länger das Spiel dauerte, mischte sich aber Mitgefühl für die brasilianischen Fans in die Freude“, sagte der bekennende Fußballfan. Das Finale wird Vaupel zu Hause anschauen. „Jetzt muss die Mannschaft aber das Endspiel gewinnen. Das ist Kopfsache!“

"7:1 ist viel zu hoch"

Sein Amtskollege aus Ebsdorfergrund teilt Vaupels Mitgefühl. Bürgermeister Andreas Schulz hatte bereits ab dem dritten deutschen Tor Mitleid mit den Brasilianern. „7:1 ist einfach viel zu hoch gegen den WM-Gastgeber. Am Ende hielten sich bei mir Mitleid mit den Brasilianern und Freude über den Sieg die Waage.“ Ähnlich äußert sich auch Gerhard Wenz, Bereichsleiter bei der Marburger Agentur für Arbeit. Er war „beeindruckt von dem gesamten Sp iel und dem Ergebnis. Es hat mich wirklich überrollt“, sagt er - doch durch die Deutlichkeit habe es „keine Entladung der Emotionen und auch kein Feiern“ gegeben.

Schülerin Michèle Lohkämper (19) aus Lohra hat etwas geschafft, was den wenigstens gelungen ist: Sie hat sich nach dem Spiel gleich schlafen gelegt, weil sie krank war. Das Finale werde ich aber auf jeden Fall mit Freunden sehen! Entweder in Gladenbach oder vielleicht sogar in Berlin.“

Puplic Viewing Seepark Niederweimar - 08.Juni 2014 - Deutschland Brasilien / Foto : Hoffsteter

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Auch Kreisfußballwart Peter Schmidt blieb vergleichsweise ruhig: „Klar gab es große Freude, aber eher innerlich. Ich habe mich von der allgemeinen Euphorie nicht anstecken lassen. Denn noch haben wir nichts erreicht.“

Thorsten Bonacker, Professor aus Marburg, hat bei Freunden geschaut und blickt optimistisch in die Zukunft: „Für Sonntag gehe ich davon aus, dass Deutschland auf Holland trifft. Deutschland wird das Spiel nach einer engen Partie mit 2:1 gewinnen.“

Johannes Schwabe, Abiturient aus Lohra, stimmt da zu: „Sonntag wird Deutschland mit einem Sieg gegen Holland in der Verlängerung Weltmeister.“

Holland hat bei der WM "vor allem Theater gespielt"

Dr. Virjinia Raynove-Schwarten vom Bulgarien-Verein Prijateli 2006 hatte „ein positives Ergebnis für Deutschland erwartet, aber kein sooo positives - keine sieben Tore". Für Sonntag wünscht sie sich einen stärkeren Gegner. Aber vor allem ein gutes und faires Spiel. „Mir hat Mexiko zum Beispiel viel besser gefallen als die Niederlande. Die haben zuletzt vor allem gut Theater gespielt."

Ohne Theaterschminke und auch ohne Trikot war Amöneburgs Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg mit Sohn und Patenkind beim Public Viewing in Aldis Biergarten am Aquamar. Dass er damit gegen den „Dresscode“ verstieß, fiel ihm dort gleich auf, doch die Freude am Spiel ließ er sich dadurch nicht trüben. „Es war geil. Wir waren wie im Torrausch und haben uns eigentlich die ganze Zeit in den Armen gelegen.“ Die Zeit zwischen der 23. und der 26. Minute sei unglaublich gewesen: „Wir waren uns stellenweise unsicher, ob schon wieder ein Tor gefallen ist oder wir eine Zeitlupe sehen.“

In jedem Fall sei er glücklich, das Spiel nicht auf einer Couch sitzend gesehen zu haben sondern bei seinem ersten Public Viewing: „Die Kombination aus Stimmung und Spiel werde ich nie vergessen.“ Wie er das Finale verfolgt, weiß der Bürgermeister noch nicht - zunächst müsse das Halbfinale verarbeitet werden, dann könne er sich Gedanken über das Endspiel machen.“

„Selbstverständlich in der passenden Montur - mit Trikot und Deutschlandfarben im Gesicht.“ verfolgt die 18-jährige Schülerin Kyra-Kristin Pfeiffer aus Willershausen das Finale. Anders als beim Halbfinale, dass sie bei ihrem Patenonkel in Lohra verfolgte, wird sie wahrscheinlich nach Gladenbach fahren, um das Endspiel im dortigen Festzelt mitzuerleben. Bei einem solch außergewöhnlichen Match, werde sie „auf jeden Fall zusammen mit Freunden gucken“.

Schwimmtrainer tippt 6:0

Helga Schorge (72), Rentnerin aus Lohra hingegen geht es ruhiger an und plant einen Fußballabend zu Hause oder bei einer ihrer Töchter. „In jedem Fall freue ich mich schon riesig darauf“, sagt die Seniorin, die schon das Halbfinale mit einem Gläschen Sekt im trauten Heim feierte. Uwe Hahn, im normalen Leben Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in Weimar, in Zeiten von Fußball-Weltmeisterschaften bedingungsloser Anhänger der deutschen Mannschaft, geht die WM stattdessen im großen Stil an. Er lädt seit 1990 immer rund 40 Freunde zu den Spielen in seinen WM-Party-Keller ein. So auch am Dienstagabend.

Dass der WM-Gastgeber so wenig Gegenwehr zeigte, war für ihn nicht nachvollziehbar. Was Hahn am Sonntag macht, ist vorhersehbar: Genau! Das WM-Finale im WM-Party-Keller schauen mit 40 Freunden und Leckereien vom Grill. Zuvor wird allerdings noch zünftig der 16. Geburtstag seines Sohnes gefeiert. Den Vogel abgeschossen hat beim Halbfinale allerdings der seit Jahrzehnten erfolgreiche Stadtallendorfer Schwimmtrainer Wolfgang Schüddemage. „Ich habe vorher auf ein 6:0 getippt, dafür gibt es auch Zeugen“. Den gestrigen Abend verbrachte er daheim vor dem Fernseher. Ganz Sportler verzichtete er dabei auf die Chips, nicht aber auf den geliebten Mosel-Riesling. Daheim könne er vor dem Bildschirm „auch mal ein offenes Wort sagen“, wenn ihm danach zumute sei.

von unseren Redakteuren

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