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„In der Praxis fehlt es vor allem an Geld“

Fachtagung "Inklusion bewegt" „In der Praxis fehlt es vor allem an Geld“

„Sei du so, wie ich bin, dann lass ich dich so, wie du bist.“ Dieses Zitat bringt das Problem aus Sicht des Inklusionsforschers Professor Michael Komorek auf den Punkt.

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Für Professor Michael Komorek bedeutet Inklusion weit mehr als nur Integration.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. „Wir gehen immer noch von dem Integrationsgedanken aus, der etwas einfordert“, sagte der Experte zu den 70 Teilnehmern auf der Fachtagung „Inklusion bewegt“ in der Waggonhalle. „Lern du Deutsch, dann darfst du in die Gesellschaft!“ oder „Lass‘ dich fördern, dann darfst du diesen Abschluss machen!“, heißt es oft. Aber genau da erfordere echte Inklusion ein Umdenken, denn es gehe nicht darum, ein Almosen zu verteilen, sondern eine wirklich gleichwertige Einbindung als unveräußerliche Grundlage anzuerkennen, betonte Komorek.

Bereits die Organisatorin des Tages, Anna Kaczmark-Kolb, stellte in ihrer Ansprache fest: „Mitleid ist leicht verteilt, doch echtes Vorankommen im Umgang mit behinderten Menschen erfordert viel Einsatz. Deshalb möchte ich mich sehr bei allen Beteiligten und besonders der Stadt und der Aktion Mensch als Geldgebern bedanken.“ Echte Inklusion bedeutet für Komorek und viele andere Befürworter des Konzepts, dass der Umgang mit Behinderten und Barrierefreiheit in allen Bereichen des Lebens selbstverständlicher Teil des Alltags wird. „Natürlich ist das sehr ambitioniert, immerhin ist bereits das simplere Integrationskonzept bereits 30 Jahre alt und noch nicht umgesetzt. Es wird also dauern, bis sich die Praxis da der Wissenschaft angenähert hat,“ räumte Komorek ein.

Dabei übte der Berliner Professor auch scharfe Kritik an einigen bisherigen Bemühungen, die das Wort Inklusion nur im Namen trügen. „Inklusive Einrichtungen irritieren mich. Denn echte Inklusion will ja eben nicht, dass es spezielle Einrichtungen geben muss, die sich dann meist auch nur dadurch abheben, dass sie räumlich barrierefrei sind. In Bremen kam es auch zu einer ungünstigen Umsetzung, als dort spezielle Schulen mit 14 Stunden Zusatzförderung für Bedürftige in Konkurrenz mit Regelschulen mit Zusatzförderungen von nur 4 Stunden pro Woche traten. Da war doch klar, dass die Eltern ihre Kinder wieder auf die Sonderschulen schicken.“

Mehrzahl der Sonderschüler ohne Hauptschulabschluss

Wie der Professor für Inklusionsforschung anhand statistischer Daten von Kollegen verdeutlichte, verlassen nach wie vor 73 Prozent aller Sonderschüler diese Schulform ohne einen Hauptschulabschluss, der ihnen den Zugang zum freien Arbeitsmarkt ermögliche.

„Wir geben Menschen mit Behinderungen immer noch klare Lebensbahnen vor, von der Förderschule bis zu den Behindertenwerkstätten, das ist keine Inklusion“, erklärte Komorek. Konkrete Konzepte für die Praxis nannte der Heilpädagoge allerdings nicht. Des Weiteren ging Komorek auch nicht auf Bedenken hinsichtlich der Eingliederung vor allem geistig behinderter Menschen in den Regelschulunterricht ein, obgleich er durchaus feststellte, dass solche und emotionale Auffälligkeiten deutlich mehr Betreuungsaufwand benötigten als ­etwa motorische oder sinnliche Einschränkungen.

Steffen Landeck und Susanne Macioszczyk aus Jena, die dort als Musiktherapeut und im Jugendzentrum tätig sind, gefiel der Vortrag ausgesprochen gut. Landeck sagte: „Ich denke, der Vortrag ist vor allem als Anregung zu sehen, als Skizze dessen, was möglich sein sollte. Zum Thema Umsetzung sollten wirklich mal Leute aus den Ministerien zu solchen Tagungen kommen und mitdiskutieren, denn in der Praxis fehlt es meistens vor allem am Geld.“

von Marcus Hergenhan

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