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"In den USA herrscht eine Politikverdrossenheit"

"Phänomen Trump" "In den USA herrscht eine Politikverdrossenheit"

Belächelt, bewundert, gehasst: Donald Trump ist umstritten. Warum der Republikaner bei den Vorwahlen trotzdem so viele Stimmen holt und wie die Chancen der anderen Kandidaten stehen - dazu mehr im OP-Interview.

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Der amerikanische Republikaner Donald Trump während einer Presse-Konferenz im "National Golf Club Jupiter" in Florida.

Quelle: Cristobal Herrera

Marburg. OP: Als Donald Trump letztes Jahr seine Kandidatur für die Präsidentschaft erklärte, hielten das viele noch für einen schlechten Scherz. Inzwischen hat er bei den Vorwahlen in den USA massiv an Boden gewonnen. Wie erklären Sie sich seinen Erfolg?

Professorin Carmen Birkle: Aus meiner Sicht als Kulturwissenschaftlerin gibt es dafür verschiedene Gründe. Donald Trump verkörpert genau das, wofür Amerika steht. Zum Beispiel den „American Dream“: Seine Familie väterlicherseits ist aus Deutschland eingewandert und hat sich hochgearbeitet. Viele Amerikaner betrachten ihn dadurch als „einen von uns“, der hart gearbeitet und es geschafft hat. Darüber hinaus ist er schon seit mindestens 40 Jahren in den Medien äußerst präsent und in der Entertainment-Branche aktiv. Neben der sehr erfolgreichen Reality-Show „The Apprentice“ hat er viele Miss-Wahlen produziert, betreibt Kasinos und besitzt zahlreiche Hotels in aller Welt. Alle seine Ehefrauen waren, beziehungsweise sind entweder Models oder Schauspielerinnen. Er umgibt sich mit schönen Frauen. Diese Kombination macht ihn für manche unwiderstehlich.

OP: Manche werfen den Amerikanern vor, dass es ihnen eher um die Person Trump geht und nicht darum, welche Wirtschafts-, Sozial- und Einwanderungspolitik die USA künftig betreibt. Ist da was dran?

Birkle: Das würde ich unterschreiben. Es scheint, je mehr die Leute - auch aus der eigenen Partei - ihn kritisieren, um klarzumachen, dass man Trump auf gar keinen Fall wählen kann, desto mehr Erfolg hat er offensichtlich. Das ist paradox, aber es zeigt, dass es ihnen egal zu sein scheint, was er inhaltlich sagt. Viele fühlen sich von ihm verstanden. Liest man seine Reden, merkt man, dass er gar keine konkreten politischen Vorstellungen hat. Er wiederholt immer wieder das, was viele hören wollen, ohne zu sagen, wie er seine Pläne konkret umsetzen möchte. Die Sprache, die er in seinen Reden verwendet, ist sehr einfach und repetitiv. Er verwendet häufig die gleichen Begriffe, sehr starke und negative Begriffe, nur um sich letzten Endes selbst als der Erlöser darzustellen, der alles besser machen kann. Damit fährt er eine typische Verkaufsstrategie. Jemand hat mal gesagt: Wenn Sie einen Fernsehverkäufer antreffen, der sehr gut ist, haben Sie am Ende einen Fernseher gekauft, auch wenn der Verkäufer gar keine Ahnung von Fernsehern hat. So ist es auch mit Trump. Es geht um seine Person, die nicht so erfolgreich sein könnte, wenn im Land nicht bestimmte Voraussetzungen dafür gegeben wären.

Viele Amerikaner sind von Obama enttäuscht

OP: ...die da wären?

Birkle: In den USA herrscht, wie bei uns, eine Politikverdrossenheit. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass viele von Barack Obama enttäuscht sind, weil er einige seiner Versprechen nicht eingehalten hat - nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil es ihm unmöglich gemacht wurde. Im US-Kongress, wo die Republikanische Partei in beiden Kammern über eine Mehrheit verfügt, hat Obama praktisch keine Chance, seine Ideen und Reformen umzusetzen. Bei den Entscheidungen über das Haushaltsbudget im Jahr 2013 beispielsweise konnte man sich nicht einigen, so dass die öffentliche Verwaltung der USA tage­lang lahm lag. Viele in Amerika haben das Gefühl: Es tut sich nichts und wünschen sich eine radikale Veränderung. Zudem gab es in der Wirtschaft und der Politik in den vergangenen Jahren Korruptionsskandale, die die Menschen misstrauisch gegenüber der politischen und wirtschaftlichen Elite gemacht haben. Diese Dinge greift Donald Trump auf und nutzt sie für seine Kampagne.

OP: Wie schätzen Sie seine Chancen ein, Präsident zu werden?

Birkle: Ich glaube, dass er sehr gute Chancen hat, der Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei zu werden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Präsidentschaftswahl gewinnen wird. Ich denke, dass eine Mehrheit in Amerika noch immer auf der Seite der Vernunft und der Rationalität steht und die Vorteile sieht, die beispielsweise Hillary Clinton mit ihrer langjährigen politischen Erfahrung mitbringt und die bei Donald Trump überhaupt nicht vorhanden sind.

OP: Wie ist es mit den anderen Kandidaten Ted Cruz und Marco Rubio. Sind sie moderater oder treten sie nur weniger grotesk auf?

Birkle: Die beiden sind nicht moderat, aber rationaler. Sie sind konservativ republikanisch - was man von Trump nicht behaupten kann. Er ist weder das eine noch das andere und ändert seine Aussagen je nach Bedarf. Meiner Meinung nach ist das Problem, dass die Partei sich nicht entscheiden kann, welcher Kandidat gegen Trump antreten soll. Dadurch splitten sich ihre Stimmen auf und machen Trump zum Gewinner.

OP: W ie schätzen Sie die Chancen der Bewerber der Demokratischen Partei Hillary Clinton und Bernie Sanders ein?

Birkle: Auch wenn viele Menschen ihr vorwerfen, sie sei zu kühl und zu elitär, hat Hillary Clinton bei vielen Gruppen wie zum Beispiel der schwarzen und hispanischen Bevölkerung und bei vielen Frauen Punkte gesammelt. Die weiße Arbeiterklasse bleibt bislang eher distanziert. Ich denke, dass es knapp wird, aber dass Hillary Clinton am Ende die Kandidatin der Demokratischen Partei wird.

von Ruth Korte

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