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In den Läden herrschte reger Betrieb

Die Oberstadt einst und jetzt In den Läden herrschte reger Betrieb

Beim Einkaufen nahmen die Menschen sich in den 50er und 60er Jahren mehr Zeit als heute. Denn die Wege nach Hause waren nicht weit, zudem gab es Gelegenheiten für ein Schwätzchen zuhauf, erinnert sich die Zeitzeugin.

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Anstelle von Läden befinden sich heute im Steinweg 4 die Oberstadt-Kinos.
Fotos: Pressestelle der Stadt Marburg, Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Zwischen den Studenten, die in den 50er und 60er Jahren in der Oberstadt wohnten, und ihren Vermietern kam es oft zu sehr engen Bindungen, die auch nach dem Wegzug der Untermieter noch anhielten. Das entstand unter anderem auch dadurch, dass finanziell nicht so gut gestellte Studenten einfache Arbeiten für ihre Vermieter übernahmen und als Gegenleistung dafür zum Beispiel zum Essen im Kreis der Familie eingeladen wurden oder eine Mietminderung erhielten.

Das erinnert ein wenig an die heutige Debatte um die studentische Wohnungsnot: Dort ist man nach vielen Versammlungen auf die Idee gekommen, dass Studenten etwa Hilfeleistungen im Garten anbieten können und dafür ein Zimmer erhalten.

Nachdem die Studenten sich in den Geschäften mit dem eingedeckt hatten, was sie für den täglichen Bedarf brauchten, kamen die ersten Touristen in die Oberstadt, die besonders dadurch auffielen, dass sie immer wieder bewundernd vor den alten Häusern stehenblieben, die Inschriften lasen und die vielen Verzierungen bestaunten.

Es gab viele Feste zu allen möglichen Anlässen

War gerade Markttag, bot sich ein besonders farbenprächtiges Bild durch die Bäuerinnen in ihren bunten hessischen Trachten. Jeden Samstag kamen sie nach Marburg, um Obst und Gemüse aus ihren eigenen Gärten zu verkaufen. Manchmal krähte dann der Hahn auf dem Rathaus und die Besucher blieben begeistert stehen. Doch auf dem Markt selbst krähte es auch, denn einige der Bäuerinnen hatten lebende Hühner zum Verkauf mitgebracht. Man konnte sich dann „sein“ Huhn aussuchen und bekam es am nächsten Markttag küchenfertig nach Hause gebracht.

Doch nicht nur am Markttag war Betrieb, es gab viele Feste zu allen möglichen Anlässen, die den Marktplatz zum Festplatz machten.

Im Sommer konnte man sich, nachdem man den anstrengenden Aufstieg auf dem alten Pflaster über Treppen und Gässchen zum Schloss geschafft hatte, auf dem Rückweg am romantischen Marktplatz ausruhen und stärken.

Inzwischen waren auch alle Geschäfte nach ihrer einheitlichen Mittagspause von 13 bis 15 Uhr wieder geöffnet. Dann hatten die Andenkengeschäfte besonders viel zu tun. Doch auch in den übrigen Läden der Oberstadt herrschte jetzt reger Betrieb, denn vor allem die Hausfrauen waren nun zum Einkaufen für die Mahlzeiten unterwegs.

Die Auswahl war riesig, die Wege kurz und entsprechend nicht mit Stress verbunden.

Keine Sonderangebote, Preise waren konstant

Man kaufte im Kleinen, nur das was man gerade brauchte. Sonderangebote, die man unbedingt ausnutzen wollte, gab es nicht. Die Preise waren kons-tant, man versäumte nichts, und morgen war auch noch ein Tag.

So war es nichts Ungewöhnliches, wenn jemand nur drei Eier kaufte oder ein halbes Pfund Zucker, 50 Gramm Butter, vier Scheiben Käse, außerdem musste noch saurer Rahm für 20 Pfennig mitgenommen werden. Wenngleich es auch keine großen Warteschlangen vor der Kasse gab, konnte es doch kleine Verzögerungen geben, denn nun musste alles abgewogen und dann mussten die jeweiligen Preise errechnet werden. Das brauchte seine Zeit.

Nun wurde alles einzeln eingepackt, da die meisten Lebensmittel in großen Gläsern sichtbar im Laden standen und nicht fertig verpackt waren. Es gab verschiedene Größen und Sorten von Papiertüten, die an Haken hinter der Theke hingen.

Niemand meckerte, wenn alles nicht so schnell ging. Man nahm sich mehr Zeit als heute, denn die Wege nach Hause waren nicht weit und Unterhaltung garantiert. Rezepte wurden ausgetauscht, Ratschläge gegeben, und es kam auch vor, dass eine Hausfrau mit einem besonders schwierigen Backrezept kam und im Geschäft dann alle Zutaten einzeln abgewogen werden mussten. Das war oft vielerlei, denn nicht in jedem Haushalt gab es eine Waage. War alles erledigt, wurde man mit Dank und besten Wünschen aus dem Laden hinausbegleitet.

Wird fortgesetzt.

von Marga Stafunsky

Marga Stafunsky kam 1943 zum Studium nach Marburg. Sie war verheiratet mit dem Facharzt für Innere Medizin Dr. Simeon Stafunksy, der vor 20 Jahren gestorben ist, und lebte eine lange Zeit in der Oberstadt.

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