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In Marburg hörte man Geschützdonner

100 Jahre Erster Weltkrieg In Marburg hörte man Geschützdonner

Wie wirkte sich der Erste Weltkrieg auf das Leben der Menschen rund um Marburg aus? Das hat der Historiker Professor Otto Volk erforscht.

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Der Großvater des Marburgers Wolfgang Penzler schickte 1914 diese Postkarte aus dem Einsatz in Frankreich nach Hause.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Der 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, der in diesem Jahr begangen wird, bot den Anlass für den Historiker Professor Otto Volk, sich mit den regionalen Auswirkungen des Kriegsgeschehens näher zu befassen. „Wie wirkte sich der Erste Weltkrieg auf den Alltag der Menschen in Hessen und rund um Marburg aus?“: Diese Fragestellung stand im Mittelpunkt der Nachforschungen Volks.

Zur Vorbereitung für ein Seminar mit Studierenden im Wintersemester 2013/2014 begann Volk bereits im Sommer 2013 mit der Quellensuche. Zeitungsberichte, Chroniken, Briefe und Feldpostkarten von Soldaten (siehe Artikel unten), Fotografien, aber auch Erinnerungsobjekte können als Quellen dienen, um Einblicke in den Alltag der Menschen zu ermöglichen.

Wind weht Geschütz-Donner aus Frankreich rüber

Im Unterschied zum verheerenden Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs fanden 1914 bis 1918 fast im gesamten damaligen Deutschen Reich keine unmittelbaren Kriegshandlungen statt. Zwar habe es auf verschiedene deutsche Städte Bombenangriffe gegeben, aber die Region um Marburg sei davon verschont gewesen, erläutert Volk.

Jedoch sei der Geschützdonner aus der Schlacht um Verdun in Frankreich bei entsprechender Wetterlage und Westwind sogar in Marburg noch zu hören gewesen, berichtet Volk. Der Lärm der Geschütze sei damals so gewaltig gewesen, dass die Erde direkt an den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gezittert habe, und viele der Verwundeten der ersten Kriegswochen hätten Knalltraumata erlitten. Doch ansonsten hätten sich auch die Menschen in Marburg in die „Heimatfront“ eingereiht.

Dieser Begriff habe damals besagt, dass es nicht nur eine Front an der Linie der militärischen Auseinandersetzungen gegeben habe, sondern auch die Menschen in der Heimat auf ihre Weise am Kampf beteiligt gewesen seien. Der Krieg begann Anfang August 1914. Bereits am 2. August war der erste große Mobilmachungstag auch in Marburg, bei dem viele junge Männer für den Kriegseinsatz mobilisiert und eingezogen wurden.

Schüler und Studenten als Erntehelfer

Mehrere Tausend Männer aus den damaligen Altkreisen Marburg, Biedenkopf und Kirchhain wurden schon in den ersten Kriegswochen als Soldaten einberufen, schätzt Professor Volk. Auf das Alltagsleben in der Region Marburg-Biedenkopf hatte die Mobilmachung einschneidende Auswirkungen. „Nach der Einberufung fehlten die jungen Männer als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft oder als Industriearbeiter und in der Verwaltung“, erklärt Volk.

Für den Ernteeinsatz im August 1914 wurden beispielsweise Schüler und Studierende als Hilfskräfte angeworben. „Marburg war als Garnisonsstadt ein Sammelpunkt für das Militär“, macht der Marburger Historiker deutlich. Von hier aus verkehrten beispielsweise die Züge, die Soldaten an die Westfront transportierten. Relativ bald wurden in Marburg auch mehrere Lazarette eingerichtet, in denen Kriegs-Verwundete medizinisch versorgt wurden. „Es gab drei Arten von Lazaretten: die ­Spezial-Lazarette, die in Uni-Kliniken im Nordviertel eingerichtet waren sowie die in Häusern der Burschenschaften eingerichteten Lazarette und die des Roten Kreuzes und des Frauenvereins“, erläutert Professor Volk. Insgesamt habe es in Marburg 17 Lazarette gegeben, in denen Tausende von Verwundeten versorgt worden seien. Ab dem Frühjahr 1915 wurden zunehmend Kriegsgefangene aus Belgien und Frankreich aus den großen Kriegsgefangenenlagern in Gießen, Kassel, Limburg oder Darmstadt auch in ländliche Gebiete Oberhessens verteilt, wo sie als Helfer in der Landwirtschaft eingeteilt waren.

Bereits ab 1915 gab es größere Versorgungsprobleme, die eine Lebensmittel-Rationierungnotwendig machten. „In Marburg mit seinem ländlichen Umfeld waren die Probleme nicht ganz so drückend wie in großen Städten“, schränkt Volk ein. Auch ansonsten veränderte sich der Alltag der Menschen in allen Lebensbereichen massiv. So wurden aufgrund der Abwesenheit vieler Männer an der Heimatfront zunehmend mehr Frauen im Berufsleben benötigt. Dadurch, dass ein großer Teil der Studenten ebenfalls zur Armee eingezogen war, gab es zudem auch an der Uni Marburg einen Schub für das Frauenstudium, berichtet Volk.

von Manfred Hitzeroth

Über den Forscher und sein Projekt:

Professor Otto Volk (63) ist gebürtiger Bopparder und studierte von 1972 bis 1977 Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Marburg und lebt seit 1972 in Marburg. Volk ist seit 2003 Akademischer Oberrat im Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde in Marburg und leitet dort das Projekt „Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen“ (LAGIS). Seit 2006 ist er außerplanmäßiger Professor am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Uni Marburg.

Er bietet am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Lehrveranstaltungen zur hessischen Landesgeschichte mit dem Schwerpunkt 19. und 20. Jahrhundert an. In einem Seminar an der Universität hat Professor Otto Volk zusammen mit Studierenden erforscht, wie sich der Erste Weltkrieg auf die  Region um Marburg und auf ganz Hessen ausgewirkt hat.

Am Anfang des Seminars stand zunächst eine Quellenrecherche: Gesucht und gesammelt wurden dabei unter anderem Tagebücher, Zeitungsbände und Fotografien aus Hessen aus der Zeit zwischen 1914 und 1918.
Im Seminar wurde dann deutlich, dass die erhaltenen Quellen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln jeweils nur einen Teil der Kriegswirklichkeit erschließen, erläutert Professor Volk.

Eine offizielle Schulchronik berichtet beispielsweise auf ganz andere Weise als private Tagebücher vom Alltag im Krieg. In den Zeitungen, die in der Zeit zwischen 1914 und 1918 der Zensur unterlagen, wurden Themen zudem anders behandelt als in vertraulichem Schriftgut der Verwaltungen, macht Volk klar.

„Erst die sorgfältige und kritische Aufarbeitung der vielfältigen Quellen führt zu einem Bild der Kriegswirklichkeit vor 100 Jahren, von der die Zeitzeugen jetzt nicht mehr berichten können“, meint der Marburger Historiker.

von Manfred Hitzeroth

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