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In Marburg gab es fünf Todesurteile

Ausstellung In Marburg gab es fünf Todesurteile

Die Verstrickung der hessischen Justiz in das NS-System zwischen 1933 und 1945 ist das Thema einer an der Marburger Universität konzipierten Ausstellung, die ab Donnerstag in der Uni-Bibliothek zu sehen ist.

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Marburg. Wie menschenverachtend Opfer der NS-Justiz durch die Justizorgane behandelt wurden, das steht im Mittelpunkt der 45 reich bebilderten Informationstafeln der daraus entstandenen Wanderausstellung. Mehr als 3800 Frauen und Männer aus Hessen wurden zwischen 1933 und 1945 wegen politischer Delikte beim Volksgerichtshof in Leipzig und bei den politischen Senaten der Oberlandesgerichte Darmstadt und Kassel angeklagt.

„Wir stellen die Verfolgungsstrukturen an regionalen Beispielen und in oft erschütternden Einzelschicksalen vor“, erläutert der Marburger Historiker Dr. Wolfgang Form, einer der Organisatoren der Ausstellung. Dabei geht es um das gesamte Spektrum der politischen NS-Strafjustiz von der Wehrmachtsjustiz über die Sondergerichtsbarkeit und den NS-Strafvollzug bis hin zu den Zwangssterilisationen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Dritte Station vonWanderausstellung

Auch in Marburg fanden Verhandlungen statt: So tagte das Oberlandesgericht Kassel am 28. Januar 1941 zum ersten Mal im Gebäude des damaligen Marburger Landgerichts - der Neuen Kanzlei unterhalb des Marburger Schlosses. Angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden der Tischlergeselle Heinrich Fröhlich und der Bauarbeiter Hermann Todt. Sie wurden beschuldigt, ausländische Radiosendungen gehört und Hetzreden gegen das NS-Regime gehalten zu haben.. Nach der Zerstörung der Justizgebäude in Kassel infolge der Bombardierungen durch die Alliierten wurde der politische Senat des Oberlandesgerichts Kassel Ende 1943 nach Marburg verlegt.

Bis Ende Dezember 1944 standen in Marburg insgesamt 182 Angeklagte wegen politischer Delikte vor Gericht, wovon fünf zum Tode verurteilt und anschließend in Frankfurt hingerichtet wurden. In der Ausstellung werden aber auch die Entstehungsgeschichte des Dritten Reichs sowie der Umgang der hessische Justiz mit ihrer eigenen NS-Vergangenheit nach dem Zusammenbruch des Regimes und dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 thematisiert.

Nach den Stationen Wiesbaden und Gießen ist die Ausstellung jetzt auch in Marburg zu sehen. Sie ist das letzte Projekt einer Arbeitsgruppe zur NS-Justiz, zu der an der Uni Marburg der pensionierte Politikwissenschaftler Professor Theo Schiller und Dr. Wolfgang Form gehörten. Sie sind mitverantwortlich für die Ausstellung, die an eine Ausstellung des Bundesjustizministeriums aus dem Jahr 1989 anknüpft, in der die deutschlandweite Rolle der Justiz in der Zeit des Nationalsozialismus dargestellt wurde. Diese alte Ausstellung wurde zunächst von Wissenschaftlern des Stu­dienzentrums der Finanzverwaltung und Justiz (Rotenburg an der Fulda) mit hessischen Bezügen versehen. Gezeigt wurde sie in Rotenburg von Februar bis September 2012. Aufgrund der Forschungen an der Marburger Uni wurde die Rotenburger Ausstellung überarbeitet und ergänzt, wozu auch Mitarbeiter der hessischen Justizverwaltung beitrugen.

  • Die Ausstellung wird am Donnerstag, 18. April, ab 18 Uhr im Foyer der Uni-Bibliothek (UB) eröffnet. Es reden die Marburger Organisatoren Professor Theo Schiller und Dr. Wolfgang Form und Dr. Hubertus Neuhausen (UB) sowie Hessens Justizstaatssekretär Dr. Rudolf Kriszeleit, der Marburger Landgerichtspräsident Dr. Christoph Ullrich, der Marburger Uni-Vizepräsident Professor Joachim Schachtner und Eberhard Laux (Stellvertretender Direktor des Studienzentrums). Anlässlich der Ausstellung ist ein Rahmenprogramm mit vier Vorträgen geplant, die jeweils ab 18 Uhr im Vortragssaal der Uni-Bibliothek mit anschließenden Führungen durch die Ausstellung stattfinden. Es gibt folgende Vortragsthemen: 7. Mai: Dr. Gerd Hankel (Hamburger Institut für Sozialforschung): Die Wehrmachtsjustiz zwischen Widerstand, Anpassung und Radikalisierung.
  • 28. Mai: Dr. Georg D. Falk (Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Frankfurt): Die ungesühnten Verbrechen der deutschen Justiz 1933 bis 1945.
  • 13. Juni: Professor Henning Radtke (Richter am Bundesgerichtshof): SS- und Polizeigerichtsbarkeit - Gerichtsbarkeit einer selbsternannten Elite.
  • 2. Juli: Professor Theo Schiller (Uni Marburg): Politische NS-Strafjustiz in Hessen - das Oberlandesgericht Kassel.

von Manfred Hitzeroth

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