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In 50 Jahren zum gotischen Kernschloss

Vortrag im Staatsarchiv In 50 Jahren zum gotischen Kernschloss

Als überraschende Erkenntnis seiner Forschungen zum Schloss präsentierte Jan Gutzeit die "plötzliche Alterung eines ganzen Gebäudeteiles um gleich 200 Jahre".

Marburg. Das Leutehaus sei eben nicht wie bisher überliefert in seiner Gesamtheit erst deutlich nach dem Saalbau errichtet worden, meint der Architekt Jan Gutzeit, sondern seiner Meinung nach gab es für diesen Gebäudeteil Bauaktivitäten bereits um 1250. In seinem Vortrag leitete der Referent unter anderem die Begründung für diese Behauptung her.

Ebenso ging er aber auch detailliert auf den Wandel des gesamten Bauensembles von der alten Marburg zum Schloss der hessischen Landgrafen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts ein.

Das Leutehaus - wegen der ehemals vorhandenen Kochstelle auch als Küchenbau bezeichnet - ist der nordöstliche Gebäudetrakt, in dem ursprünglich die Dienerschaft untergebracht war. Heute befinden sich darin der Eingangsbereich des Schlosses, der Kassentresen, die Garderobe, Fahrstuhl und Treppenaufgang. Der Saalbau - unter Heinrich I. etwa ab 1291/92 errichtet - ist der westlich davon gelegene große Gebäudeteil mit dem Fürstensaal im ersten Stock und dem Waldecker Saal sowie dem kleinen Rittersaal im Erdgeschoss. Leutehaus und Saalbau bilden gemeinsam mit dem Westflügel, dem Südflügel und der 1288 geweihten Schlosskapelle das hufeisenförmige gotische Kernschloss.

Gutzeit hatte als Architekt und Hochbauingenieur maßgeblichen Anteil an Umbau und Herrichtung des Landgrafenschlosses für Zwecke der Philipps-Universität in den Jahren 1985 bis 1993.

Die in dieser Zeit umfangreicher Bautätigkeiten erhobenen Detailbefunde wertet Gutzeit nun insbesondere seit dem Ende seiner Berufslaufbahn systematisch aus und dokumentiert die so gewonnenen Erkenntnisse.

Seinen 90-minütigen Vortrag auf Einladung des Marburger Geschichtsvereins sah er als Werkstattbericht an und betonte, dass seine Arbeit noch längst nicht abgeschlossen ist.

Mit etwa 130 Zuhörern war der Saal des Hessischen Staatsarchivs Marburg bis auf den letzten Platz gefüllt, was das große Publikumsinteresse am Thema „Die Umwandlung der Marburg in das Schloss der hessischen Landgrafen in den Jahren 1250 bis 1300“ zeigt.

Der Referent legte bei seinem Vortrag einen besonderen Fokus auf das Leutehaus, denn seine hier gewonnene Erkenntnisse sind zwar nicht so spektakulär wie die Auffindung und Ausgrabung der alten Marburg unter dem Westflügel 1989/90, dafür aber bis heute noch weitgehend unbekannt: Bisher wird die endgültige Erbauungszeit des Leutehauses beziehungsweise Küchenbaus noch immer nach dem Marburger Heimatforscher Karl Justi in die Jahre 1476/77 gesetzt.

Gutzeit fand nun bei seiner Arbeit ab 1985 an verschiedenen Gebäudestellen Hinweise auf einen anderen baugeschichtlichen Verlauf. Solche Hinweise ergaben sich durch die bei den Umbauarbeiten aufgefundenen Spuren von früheren baulichen Veränderungen und Überbauungen wie beispielsweise Baufugen, ein frühgotisches Steinmetzzeichen, das sich so auch im Südflügel des Schlosses wiederfindet, oder romanische Fensterblenden (Spolien).

Er konstatiert im Bereich des Leutehauses insgesamt fünf Bauphasen, die er beispielhaft für das Erdgeschoss in verschiedenen Abbildungen seines Vortrags auflistete und erläuterte.

Erste Bautätigkeiten gab es hier nach seiner Darstellung bereits vor 1250 - eine größere Bauphase dann ab 1250 unter Sophie von Brabant, und damit weit vor dem Beginn des Saalbaues unter Heinrich I., was Gutzeit als „plötzliche Alterung eines ganzen Gebäudeteiles um gleich 200 Jahre“ bezeichnete.

Nach seiner Meinung war deshalb die etwa 1250 begonnene Umwandlung der alten Marburg in das gotische Kernschloss (die hufeisenförmig angeordneten Bauteile ohne den Wilhelmsbau) bereits um 1300 nach nur 50 Jahren Bauzeit im wesentlichen abgeschlossen.

Weitere Bauphasen des Leutehauses sieht Jan Gutzeit nach 1291 unter Heinrich I., ab 1476/77 unter Heinrich III. - die Phase, die Justi nach Gutzeits Darstellung fälschlicherweise für die eigentliche Erbauungszeit hielt - und ab 1567 unter Ludwig IV. (letzte Bauphase). Der Referent präsentierte insgesamt mehr als 70 verschiedene Fotos, Modelle, und Zeichnungen, anhand derer er sowohl den von ihm angenommenen baugeschichtlichen Verlauf als auch die einzelnen Befunde erläuterte.

von Kristina Lieschke

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