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Impfgegner gibt‘s nicht nur an Waldorfschulen

4 Fragen, 4 Antworten Impfgegner gibt‘s nicht nur an Waldorfschulen

In die Diskussion um Masern mischt sich nun auch Professorin Heike Ackermann ein. Ihre These: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Masernfällen und der Waldorfpädagogik.

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Professorin Heike Ackermann vom Institut für Schulpädagogik Marburg.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. Seit dem Masernausbruch an der Marburger Waldorfschule vor fünf Wochen ist die Zahl der Infizierten auf 23 gestiegen. Dies bestätigte Landkreis-Sprecher Stephan Schienbein am Mittwoch gegenüber der OP.

In den letzten Wochen wurde in den Medien eine hitzige Debatte über das Thema Masernimpfung geführt, in der auch behauptet wurde, dass Eltern von Waldorfschülern impfkritisch seien.

Ob das stimmt und wie die Waldorfpädagogik generell zum Thema Impfen steht, erläutert Professorin Heike Ackermann vom Institut für Schulpädagogik im OP-Interview.

OP: Frau Ackermann, hätte Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, seine Kinder gegen Masern geimpft?
Heike Ackermann: Er hätte seine Kinder nicht gegen Masern impfen können, weil es die Masernimpfung erst seit den 1960er Jahren gibt. Rudolf Steiner hat hauptsächlich zu Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts gewirkt. Damals hat man bereits gegen Pocken und Kuhpocken geimpft, und auch schon damals gab es Impfgegner. Steiner selbst hat sich aber meines Wissens nicht als Impfgegner geäußert.

OP: In der aktuellen Diskussion um die Masernfälle an der Marburger Waldorfschule wird den Eltern von Waldorfschülern oft die Tendenz unterstellt, ihre Kinder nicht impfen zu lassen. Was ist dran an diesem Vorwurf?
Ackermann: Es gibt eine aspektreiche Studie zu Schulqualität und Lernerfahrungen an Waldorfschulen von Sylvia Liebenwein und zwei weiteren Autoren, die 2012 veröffentlicht wurde. Ein Themenbereich befasst sich mit Einstellungen von Waldorfeltern zum Thema Gesundheit. Darunter finden sich Stimmen, die eine klassische schulmedizinische Impfempfehlung ablehnen. Dahinter steht die Annahme, dass Erkrankungen sinnvoll seien, da die gesundheitliche Krise einen seelischen und körperlichen Wachstumsprozess ermögliche. In der Studie wird auch eine Mutter zitiert, die sagte: „Ich bin nicht impffreudig, sondern zurückhaltend. Grundsätzlich denke ich zur Erkrankung: Wenn einer es bekommen soll, dann bekommt er es – egal, ob er geimpft ist, oder nicht.“ Dies ist natürlich eine naturwissenschaftlich haltlose Stellung. Ebenso haltlos ist die Annahme von Steiner, dass „üble Neigungen, üble Gewohnheiten“ in einem nächsten Leben zu einer „Disposition zu bestimmten Krankheiten“ führten. Er spricht dabei von einem wichtigen „karmischen Gesetz“, nämlich dass die guten oder schlechten „Taten in einem vorhergehenden Leben“ das eigene Umfeld und damit das eigene „Schicksal“ bestimmten. Als ein aufgeklärtes Verhältnis zur Welt kann man dies sicherlich nicht bezeichnen.

OP: Woher kommt dieses impfkritische Denken?
Ackermann: Dieses Denken wird durch Eltern geprägt, die sich kritisch mit der Schulmedizin auseinandersetzen. Es könnte sein, dass sich an Waldorfschulen kritische Haltungen häufen, die sich wechselseitig bestärken. Zum Teil sind solche Eltern auch selbst nicht geimpft. Dass es mehr schulmedizinisch kritisch und somit impfskeptisch eingestellte Eltern an Waldorfschulen als an anderen Schulen gibt, ist aber nur eine Hypothese und bisher nicht untersucht. Aber man findet Impfskeptiker sicherlich auch woanders. Eine vergleichende Untersuchung, also wie zum Beispiel die Einstellungen von Eltern zu Impfungen an Regelschulen im Vergleich zu Waldorfschulen aussehen, ist mir nicht bekannt. Es wäre meines Erachtens auch falsch, die gesamte Elternschaft unter Generalverdacht zu stellen. Das wäre ebenso kurzschlüssig, als würde man behaupten, dass steigende Geburtenraten auf das vermehrte Aufkommen von Störchen zurückzuführen seien.

OP: Dennoch kommt es an Waldorfschulen zu Masernausbrüchen, wie zuletzt in Dresden, Bremen, Landsberg und nun auch in Marburg. Wie erklären Sie sich das?
Ackermann: Es ist nicht abzustreiten, dass es an Waldorfschulen Impfgegner gibt, die ihre jeweiligen Überzeugungen dazu haben. Wohl viele dieser Überzeugungen der Eltern hängen mit einer kritischen Auseinandersetzung mit der Schulmedizin zusammen und sehen in der Alternativmedizin einen besseren Gesundheitsansatz. So hat auch Rudolf Steiner die anthroposophische Medizin mitbegründet. Aber dass Krankheiten den Menschen in positiver Weise stabilisieren – darüber habe ich bisher nichts bei Steiner gefunden. Beim anthroposophischen medizinischen Dachverband finden Sie übrigens auch keine Ablehnung der Impfung, aber den Hinweis, dass nach dem Einzelfall entschieden werden müsse, also danach, in welcher Konstitution sich ein Kind befindet. Das ist mit der medizinischen und pädagogischen Lehre kompatibel, wonach das einzelne Kind im Mittelpunkt steht. Es gibt aber keinen kausalen Zusammenhang zwischen den Masernfällen und der Waldorfpädagogik.

von Ruth Korte

 
Hintergrund
Das Gesundheitsamt geht im Landkreis Marburg-Biedenkopf von einer 95-prozentigen Impfquote aus und führt dies auf die Schul-Eingangsuntersuchungen vom Jahr 2014 zurück. Wie hoch die Impfquote an den einzelnen Schulen ist, lässt sich laut Landkreis-Sprecher Schienbein nicht sagen und somit auch nicht, ob es an der Waldorfschule mehr Kinder gibt, die nicht geimpft wurden. Grund ist der, dass die Kinder nach der Eingangsuntersuchung unterschiedliche Schulen besuchen, die nicht erfasst werden.
 
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