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Immer wieder: Die Gelegenheit macht Diebe

Haus- und Wohnungseinbrüche Immer wieder: Die Gelegenheit macht Diebe

Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland nimmt nach jahrelangem Rückgang seit 2009 wieder zu. 2012 verzeichnete die Polizei bundesweit einen Anstieg um 8,7 Prozent.

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Manche Einbrecher kennen keine Hemmungen und versuchen auch tagsüber ihr Glück.

Quelle: Brian Jackson/Fotolia

Marburg. Waren es 2011 bundesweit noch 133 000 Einbrüche, wurden ein Jahr drauf bereits 144 000 gezählt.

2013 wurden in Hessen knapp 387 000 Gesamtstraftaten polizeilich erfasst. Das sind im Vergleich zum Vorjahr mehr als 8000 Fälle weniger. Und was noch erfreulicher ist, gleichzeitig der niedrigste Wert seit 1984. Damit wird Hessen seinem Ruf gerecht, eines der sichersten Länder in Deutschland zu sein. Und in Hessen gehört der Landkreis Marburg-Biedenkopf wiederum zu den sichersten Landkreisen. Diese zunächst als erfreulich anzusehenden Fakten dürfen jedoch nicht dazu führen, allzu sorglos zu sein, denn schon der Volksmund weiß: „Die Gelegenheit macht Diebe.“ Deshalb wird der Marburger Kriminalhauptkommissar Claus Dieter Jacobi nicht müde, Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man sich vor ungebetenem Besuch in den eigenen vier Wänden schützen kann.

 

Im OP-Interview nehmen Claus Dieter Jacobi und Marburgs Polizeisprecher Martin Ahlich  (Foto: Götz Schaubl) Stellung.

OP: Herr Jacobi, Herr Ahlich, es vergeht keine einzige XY-ungelöst-Sendung im Fernsehen, in der nicht ein Einbruch in ein Privathaus gezeigt wird, in dem sogar während des Einbruchs Bewohner anwesend sind und oftmals schreckliche Dinge mit den Einbrechern erleben. Kommen solche Einbrüche auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf vor?

Martin Ahlich: Mit solchen brutalen Einbrechern haben wir es hier im Landkreis nicht zu tun. Generell muss auch dazu gesagt werden, dass die Fälle, die bei XY gezeigt werden, auch schon sehr speziell sind und auch deutschlandweit in dieser Form nicht so oft vorkommen.Claus Dieter Jacobi: Doch die Leute, die so etwas sehen, machen sich dann natürlich auch Sorgen um die eigene Sicherheit. Letztendlich aber auch ein guter Anlass, die eigenen vier Wände auf Schwachstellen überprüfen zu lassen.

OP: Denn wenn es dann doch mal passiert, dass bei jemandem zu Hause eingebrochen wurde, dürfte das schon Auswirkungen a uf das künftige Sicherheitsempfinden haben. Ahlich: Das ist noch viel zu harmlos ausgedrückt. Ein Einbruch in die eigenen vier Wände ist für die Betroffenen sehr oft eine traumatische Erfahrung. Opfern von Wohnungseinbrüchen fällt es schwer, wieder ein Sicherheitsgefühl zu entwickeln, manchmal steht am Ende eines persönlichen Leidenswegs die Aufgabe der Wohnung und der Wegzug aus der Region.

Jacobi : Sicherheitsempfinden ist dabei gleichzusetzen mit dem generellen persönlichen Wohlbefinden. Es ist schwer, nach einem Einbruch in der eigenen Wohnung wieder zur Tagesordnung überzugehen, zumal wenn Opfer ideelle Schäden zu beklagen haben.

OP: Einbrecher gehen sicher immer den Weg des geringsten Widerstandes. Was kann ich also konkret tun, um mein Heim vor ungebetenen Gästen zu schützen?

Jacobi: Da gibt es zunächst ein paar Faustregeln, die man immer beachten sollte, wenn man das Haus oder die Wohnung verlässt und weiß, dass niemand mehr anwesend ist. Das gilt auch für den Fall, wenn man nur mal kurz um die Ecke in den Supermarkt gehen will. Gelegenheit macht Diebe. Und richtig, Diebe gehen am liebsten den Weg des geringsten Widerstandes. Eine vergessene offenstehende Terrassentür oder ein gekipptes Fenster im Erdgeschoss sind schon fast Einladungen, hereinzukommen. Es empfiehlt sich auch immer, die Haus- oder Wohnungstür richtig abzuschließen. Eine nur zugezogene Tür stellt für gewiefte Einbrecher leider kein echtes Hindernis dar. Wenn es noch oder schon dunkel sein sollte, ist es von Vorteil, wenn bei Bewegung vor dem Haus Lampen angehen.

Ahlich: Wer verreist, sollte nach Möglichkeit Nachbarn bitten, ein Auge auf das Haus zu haben. Wenn sich Menschen in der Nähe des Hauses aufhalten, die man als Nachbar nicht kennt, ist es keine Neugier, zu schauen, was die machen.

Jacobi: Richtig. Denn wenn ein Einbrecher das Gefühl bekommt, wahrgenommen worden zu sein, reagiert er meist damit, dass er von seinem Vorhaben ablässt.

Ahlich: Wer ungewöhnliche Vorgänge beobachtet, sollte auch nicht zögern, die Polizei zu rufen. Lieber kommen wir einmal zu viel als einmal zu wenig.

OP: Was kann man als Nachbar noch tun?

Ahlich: Bloß nicht den Helden spielen. Man weiß nie, wie die Ertappten reagieren können.Lieber die Polizei anrufen und versuchen, sich bestimmte Dinge zu merken, etwa ob ein Auto involviert ist, und wenn ja, was für eins. Gut ist es natürlich auch, wenn man sich das Kennzeichen aufschreibt. Aber nur, wenn man sich dadurch nicht selbst in Gefahr bringt.

OP: Wer verreist, neigt oft dazu, die Rollläden herunterzulassen. Aber dadurch könnte ein Einbrecher ja erst recht auf ein zurzeit unbewohntes Haus aufmerksam werden.

Jacobi: Das ist richtig. Dazu muss man wissen, dass Rollläden allein keinen ausreichenden Schutz bieten. Die werden einfach hochgedrückt. Wichtig ist, dass das Fenster sich nicht aufhebeln lässt. Die Erfahrung lehrt, dass ein Einbrecher von seinem Vorhaben ablässt, wenn er auf größeren Widerstand stößt und mehr Zeit als ihm lieb ist mit dem Öffnen eines Zugangs zubringen muss.

Ahlich: Das kennt man aus zahlreichen Polizeimeldungen, die über einen Einbruchsversuch informieren. Halten Türen und Fenster Aufhebelversuchen stand, gibt der Einbrecher auf.

OP: Und sollte er doch Erfolg haben?

Ahlich: Sollte ein Einbrecher doch Erfolg haben, hält er sich nach Erfahrungswerten durchschnittlich nur sieben Minuten in einer Wohnung auf. In der Regel sucht er nach Bargeld, Schmuck und sonstigen Wertgegenständen, die man leicht mitnehmen kann wie Handys oder Laptops.

Jacobi: Man kann es den Einbrechern also auch noch in der Wohnung schwer machen, indem man solche Dinge nicht offen rumliegen lässt.

OP: Wer sind die Täter? Vor einiger Zeit gab es ja hessenweit eine spektakuläre Einbruchsserie einer überregional arbeitenden Bande, die es vornehmlich auf Schmuck abgesehen hatte.

Ahlich: Richtig. Das ist aber eher die Ausnahme als die Regel. Im Landkreis und in Marburg sind es vorwiegend lokal ansässige Täter. In aller Regel geht es um Beschaffungskriminalität. Das heißt der Täter bricht irgendwo ein, in der Hoffnung Geld zu finden, um damit beispielsweise seiner Spielsucht nachgehen zu können oder Alkohol und Drogen kaufen zu können.

OP: Gibt es im Landkreis oder in Marburg Regionen, die besonders gefährdet sind?

Jacobi: Manche Einbrecher machen sich schon Gedanken über ihren Fluchtweg. So gesehen suchen sie sich eher Dörfer oder Straßenzüge aus, die nahe einer Bahnlinie oder einer Bundesstraße oder Schnellstraße liegen. Aber daraus ergeben sich keine Schwerpunkte für uns.

OP: Herr Jacobi, Sie haben nun täglich damit zu tun, Menschen im Landkreis über Sicherheitsvorkehrungen aufzuklären. Wie hoch ist der Sicherheitsstandard in unserer Region?

Jacobi: Es ist leider noch so, dass in der Bevölkerung allgemein zu geringe Kenntnis über Sicherheitsstandards und Möglichkeiten zum Schutz gegen Wohnungseinbruch gibt. Vor diesem Hintergrund kommt es bei kriminalstrategischen Planungen ganz entscheidend auch darauf an, das Interesse der Bevölkerung für ein Mehr an Sicherheitstechnik zu wecken und die Wohnungsinhaber zur Investition in geeignete Sicherheitsmaßnahmen zu veranlassen. Dazu steht eine breite Palette von denkbaren Anreiz- und Fördermodellen zur Verfügung. Wer beispielsweise saniert oder neu baut, sollte sich auch immer mit diesem Thema auseinandersetzen. Wir helfen dabei gerne. Ein Anruf genügt und ich berate direkt vor Ort.

Kontakt: Kriminalpolizeiliche Beratung Claus Dieter Jacobi, Telefon 06421/406123; E-Mail: Claus-Dieter.Jacobi@polizei.hessen.de

Was schreckt Einbrecher ab?
  • Sicher nicht ein voller Postkasten. Der zieht an. So sollte immer dafür gesorgt werden, dass der Postkasten bei längerer Abwesenheit wie Urlaub von jemanden geleert wird. Auch ewig draußenstehende Mülltonnen und im Haus verwelkte Blumen ziehen an.
  • Schutz bieten: hell ausleuchtende Bewegungsmelder, weil sie die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft anziehen, mehrfach verriegelbare Fenster und Türen, Rollladensperren, ein massiver Gartenzaun mit Heckenbepflanzung, verschließbare Eingangstore, fest verankerte Gitter vor Kellerfensterschächten, akustische Alarmanlage (mit Fernmeldefunktion), technische Anwesenheitssimulationen.
  • Tür- und Fenster-Sensoren, können per SMS über Bewegungen am oder im Haus auf dem Handy informieren, sind aber primär keine Abwehr.

Im Vergleich zu anderen Regionen sind die Fälle von Haus- und Wohnungseinbrüchen im Landkreis relativ niedrig. Im Vergleich zu den Aufklärungsquoten der Gesamtstraftaten ist die Aufklärungsquote bei Haus- und Wohnungseinbrüchen sehr niedrig. Woran liegt das? „In der Regel kommen Einbrecher, wenn niemand im Haus ist. Somit gibt es auch meist keine Zeugen, die die Täter beschreiben könnten“, sagt Jürgen Schlick, Sprecher der Marburger Polizei. Täter, die überregional agieren, sind so kaum auszumachen, zumal die Spurenlage vor Ort oftmals kein brauchbares Ergebnis liefert. „Es kann aber auch davon ausgegangen werden, dass gefasste Täter für mehr Einbrüche verantwortlich sind. Aber in der Regel geben sie nur die Taten zu, die man ihnen auch konkret beweisen kann“, so Schlick. Deshalb sei wichtig, verdächtige Bewegungen und Vorgänge an einem Haus auch als Nachbar zur Kenntnis zu nehmen, um etwa an ein Kennzeichen oder eine Personenbeschreibung zu kommen. „Nachbarn sollten so etwas untereinander absprechen, eine solche Hilfe kann auch für die Polizei nur von Vorteil sein“, sagt Schlick.

HINTERGRUND: Einbrüche in Deutschland

Bisher sind solche Fälle aus dem Landkreis nicht bekannt, doch was in Frankfurt oder Hamburg passiert, kann auch ganz leicht mal hier geschehen: So titelte das Hamburger Abendblatt Ende Juni, dass Einbrecher in Hamburg potentiell in Frage kommende Häuser mit geheimen Zeichen markieren. Damit informieren sie Komplizen darüber, dass das Objekt lohnenswert ist. Es werden aber über so genannte „Gaunerzinken“ Warnungen transportiert. Etwa dass ein Hund anwesend ist oder ein Polizist in der Wohnung wohnt. In Hamburg sind Fälle von Einbrüchen in diesem Jahr ungewöhnlich in die Höhe geschossen. Im ersten Quartal waren es 4984, 522 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Die „Frankfurter Neue Presse“ berichtete jüngst von Einbrüchen in gerade neu gebauten Häusern in einem Neubaugebiet. Dort wurden aus bereits eingebauten Küchen alle Elektrogeräte ausgebaut und gestohlen. Die Diebe gelangten über nicht ausreichend gesicherte Bau-Haustüren beziehungsweise gekippte Fenster in die noch nicht bewohnten Häuser.

2012 sorgte ein Fall aus Ostwestfalen-Lippe für Aufsehen. Ein Mann brach 40 Mal in Häuser ein, deren Bewohner sich zur Tatzeit auf einer Beerdigung befanden.

Einbrecher kommen im Sommer auch gerne mal tagsüber, etwa wenn sich die Hauseigentümer im Garten befinden.

Die „Ludwigsburger Kreiszeitung“ berichtet im Juni über einen Einbruch am helllichten Tage. Dabei schlich sich der Täter an einer vor ihrer Haustür dösenden Frau vorbei ins Haus, in dem noch ein Mann Mittagsschlaf hielt. „Lohn“ dieser Dreistigkeit: 100 Euro Bargeld und ein Handy. Die „Schaumburger Nachrichten“ berichten Anfang Juli von einem ähnlichen Fall. Während der Hausbesitzer den Rasen mäht, marschieren Unbekannte in das nicht verschlossene Haus und rauben Bargeld und Schmuck. Die Tatzeit liegt zwischen 17.30 und 18 Uhr.

Die Polizei im Limburg wurde Anfang Juli mit einem denkwürdigen Fall konfrontiert. In Hadamar gelangte ein Mann durch eine offenstehende Wohnungstür in ein Haus und stahl aus dessen Schlafzimmer Schmuck im Wert von mehreren tausend Euro. Der Täter wurde sogar noch vom Hauseigentümer im Haus angetroffen, doch reagierte dieser schnell und zeigte ihm ein Zettel, auf dem er um Essen bat. So abgelenkt bemerkte der Hauseigentümer nicht, dass er gerade bestohlen worden war.

von Götz Schaub

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