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Immer ran an die Möhrchen

Eine Woche vegan Immer ran an die Möhrchen

Ein Selbstversuch hat immer auch etwas mit Versuchung zu tun. Das musste unsere Redakteurin Marie Lisa Schulz lernen, die für die Serie "Das schaffe ich" eine Woche als Veganerin lebt.

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Wer wird denn gleich eine Schnute ziehen? Redakteurin Marie Lisa Schulz verzichtet in dieser Woche auf alle tierischen Produkte. Sie will eine Woche lang vegan leben.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Mit Spitznamen ist das so eine Sache. Sie können niedlich, lustig, manchmal aber auch charakteristisch sein. Mich nennen sie Mett-Marie. Oder Schnitzel-Schulz. Beide Spitznamen können eine wesentliche Eigenschaft nicht verbergen: ich bin Fleisch-Esser. Durch und durch. Für Vegetarier hatte ich bisher wenig Verständnis. Für Veganer noch viel weniger. Leben ohne tierische Produkte? Für mich undenkbar. Kein Fleisch ist das eine. Aber keine Eier und keine Milch?

Ab jetzt ist Schluss mit Naschen. (Fast jede) Schokolade ist tabu. Herkömmliche Gummibärchen auch. Und auch die Sache mit dem „Frust-Trinken“ könnte schwer werden. Denn selbst Wein ist in den meisten Fällen nicht 100 Prozent vegan. Irgendwann - zwischen Gärungsprozess und Abfüll-Vorgang - kommt auch Gelatine ins Spiel. Um den Wein „von seinen Trübstoffen zu befreien.“ Und Gelatine besteht nun einmal aus tierischem Eiweiß. Also gestrichen.

Je länger die Liste der Produkte wird, auf die ich als Veganer verzichten muss, desto mehr kribbelt es in meinen Eiweiß-verwöhnten Geschmacksnerven. „Sag nein zu dem Projekt“, schreit es in mir. „Ja“ - kommt es aus meinem Mund. Ich werde für die Serie „Das schaffe ich“ den Selbstversuch wagen. Eine Woche lang will ich vegan leben. Aber wenn schon, dann richtig. Ich möchte nicht nur sieben Tage auf tierische Produkte verzichten. Ich will die Lebenseinstellung, die sich hinter dieser Ernährungsform verbirgt, verstehen. Nicht gleich „Blödsinn“ rufen und im nächsten Moment in eine Bratwurst beißen, sondern mich redlich bemühen, das Vorhaben in den Alltag einzubinden. Mindestens 21 vegane Mahlzeiten brauche ich in der Zeit. Da ist Planung gefragt. Denn es soll keine Fastenwoche oder von Verzicht geprägter Diätwahnsinn werden, sondern ein Ernährungsabenteuer. Ernährungsgewohnheiten lassen sich schnell ändern, eine festgefahrene Denkweise nicht.

„Verzicht“ ist ohnehin ein Wort, das den Veganer beleidigt. „Man muss doch nur anders kochen - und das fördert die Kreativität.“ Das sagt zumindest Felicitas Lache. Die 30-Jährige hat sich mit der Vegi-Queen, einem veganen Restaurant in Marburg, selbstständig gemacht.

Diese Frau muss verrückt sein, denke ich und blicke in die Karte. Vegane Currywurst, ein veganes Tagesgericht, sogar veganes Gyros gibt es hier. Nein. Verrückt ist sie nicht. Nur überzeugt von dem Konzept und der Lebensphilosophie. Immer wieder fällt das große Wort „Moral“ im Gespräch. Und immer wieder auch das Wörtchen „Soja“. Irgendwie ahne ich, dass beides mich in der nächsten Woche begleiten wird. Moral und Soja. Felicitas Lache ist seit ihrer Kindheit Vegetarierin. Mit neun Jahren beschloss sie erstmals, kein Fleisch mehr zu essen. 15 Jahre später fielen auch alle weiteren tierischen Produkte weg. „Bei mir war das ein schleichender Prozess. Ich habe erst mal keine Eier mehr gekauft und mich nur sehr langsam umgestellt. Dabei bin ich nicht streng vorgegangen." Nur ihre alten Wollpullis und Lederschuhe, auch tierische Erzeugnisse, die hat sie behalten. Irgendwie sei es für die Tiere ohnehin schon zu spät gewesen. Und irgendwie hat sie damit recht.

Wurde Felicitas Lache vor drei Jahren mit ihrer Restauranteröffnung milde belächelt, liegt sie heute im „Veganen-Dreieck“. Nur 100 Meter von ihr entfernt, in Weidenhausen, hat ein veganer Supermarkt eröffnet. Und auch die Mensa der Philipps-Universität zeigt sich offen für die vegane Küche.

„Ich bin in einer kleinen Provinzstadt aufgewachsen. Da war es spektakulär, Vegetarier zu werden. Vegan zu leben - das war unvorstellbar“, erklärt Matthias Quednau, Inhaber des veganen Supermarktes. Vor drei Jahren, stellte er seine Ernährung komplett um. Erst aus gesundheitlichen Gründen. „Das Cholesterin“, sagt er achselzuckend. „Aber ich habe mich immer mehr in das Thema vertieft. Es wurde von der Ernährungsform zur Lebenseinstellung“, erzählt er. „Das ist eine Bewegung, die in den letzten zwei Jahren groß geworden ist.“ So sehr, dass er darin seine wirtschaftliche Zukunft sieht.

Ich, Schnitzel-Schulz, möchte Teil dieser Bewegung sein. Und ich merke: ich bin nicht allein. Zumindest, wenn man den Verkaufszahlen in der Mensa glaubt. „Wenn wir unseren Veggie-Tag haben, verkaufen wir knapp 500 vegane Gerichte“, erklärt Franziska Busch, Pressesprecherin des Studentenwerkes. „Das Ernährungsbewusstsein der Studenten hat sich einfach verändert.“ Nach einer Umfrage unter den Studierenden wurde der Wunsch nach veganen Gerichten lauter. Die Mensa-Köche wurden nachgeschult, der Veggie-Mittwoch in den Plan aufgenommen. Austernpilze und Graupen an frischem Gemüse - das servieren mir die Köche an meinem ersten Tag als Veganer. Übersetzt heißt das: Gemüse mit Gemüse. Wie es schmeckt und wieso ich schon beim ersten Einkauf gegen die Regeln verstoße, lesen sie in der nächsten Woche. In diesem Sinne: Ran an die Möhrchen.

von Marie Lisa Schulz

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