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Immer nur ein Amt auf Zeit

Rücktritt von RP Dr. Lars Witteck Immer nur ein Amt auf Zeit

Nach sechseinhalb Jahren an der Spitze des Regierungspräsidiums in Gießen gibt Dr. Lars Witteck (41) sein Amt zum Oktober diesen Jahres auf.

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Dr. Lars Witteck gibt sein Amt als Regierungspräsident zum Oktober auf.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Er habe den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier gebeten, ihn im kommenden Oktober von seinen Aufgaben als Regierungspräsident des Regierungspräsidiums Gießen zu entbinden, teilte der 41-jährige Volljurist am Mittwoch während eines Gesprächs in Gießen mit. Der Ministerpräsident habe seinem Wunsch entsprochen.

Hintergrund des Amtsverzichts ist der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung. „Bei dem Amt des Regierungspräsidenten als politischer Beamter handelt es sich um ein Amt auf Zeit“, sagte Witteck. Ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass er ein solches Amt auch nur auf Zeit und nicht bis zur altersbedingten Pensionierung ausüben könne.

„Hätte ich mich auf eine politische Karriere konzentriert, wäre es die logische Konsequenz gewesen, mich im Herbst 2013 um ein Mandat im Hessischen Landtag zu bewerben, um dieser Karriere ein Fundament zu geben“, sagte Witteck. Seine Partei, die CDU, habe ihm ein solches Angebot gemacht. Er sei jedoch zu der Erkenntnis gelangt, dass dies nicht der Weg sei, den er in seinem weiteren Leben gehen wolle. Nach der Regierungsbildung habe er aber eingewilligt, der neuen schwarz-grünen Koalition in Wiesbaden als Regierungspräsident noch eine Weile zur Verfügung zu stehen.

Anerkennung über Parteigrenzen hinweg

Seine Rückzugsankündigung von Mittwoch sei also keine kurzfristige Entscheidung, sondern logische Konsequenz aus der Überlegung des Jahres 2013, auf eine politische Karriere zu verzichten. „Es gibt keine Geschichte hinter der Geschichte“, sagte Witteck.

Der 41-jährige ist seit dem 18. Mai 2009 Regierungspräsident in Gießen – seine Berufung galt seinerzeit als Sensation, weil er mit seinen damals erst 35 Jahren und nur wenig kommunalpolitischer Erfahrung als Gemeindevertreter in Fernwald als unerfahren galt und zudem um die 15 Jahre jünger war als die meisten seiner Amtskollegen.

Schnell erarbeitete sich Witteck aber über alle Parteigrenzen hinweg hohe Anerkennung. Als Vorsitzender des mittelhessischen Regionalmanagements versuchte er, die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsunternehmen, Kammern, Hochschulen und Gemeinden zu intensivieren und zu professionalisieren; die Gründung der Regionalmanagement-GmbH mit 19 Gesellschaftern 2012 war Ausdruck dieses Bemühens.

Engagement für Flüchtlinge

Witteck ist zudem Verfechter der hessischen Energiewende. Sein Regierungspräsidium ist aber gleichzeitig Genehmigungsbehörde etwa für Windkraftanlagen. In allen öffentlichen Einlassungen betonte der Christdemokrat die Notwendigkeit, die Belange des Naturschutzes und den Ausbau alternativer Energien unter einen Hut zu bringen.

Und schließlich: Die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen ist eine Herzensangelegenheit des Regierungspräsidenten. Die Situation in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen seit dem starken Ansteigen der Flüchtlingszahlen hat ihn tief geprägt, er lässt kaum eine Gelegenheit aus, um auf öffentlichen Veranstaltungen oder in Videobotschaften für eine angemessene Unterbringung dieser Menschen zu werben.

Dass in Büdingen und in Neustadt neue Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge entstehen, ist auch auf die persönliche Initiative des Regierungspräsidenten zurückzuführen. In zahlreichen Gesprächen und Versammlungen hat er sich persönlich eingeschaltet und sich vor Ort, etwa in Neustadt, ein Bild der Lage gemacht. Und als in Marburg Anfang Januar 3500 Menschen gegen die Pegida-Bewegung demonstrierten, war Witteck als einziger prominenter Christdemokrat dabei.

Vaupel: Ein Verlust für die Region

Einige haben ihm diese Haltung übelgenommen. Im Internet ist der Familienvater zum Teil übel beschimpft worden. Das sei aber nicht der Grund für seinen Rückzug vom Amt: „Wir sind hier nicht Tröglitz“, sagt er in Anspielung auf den Rücktritt des dortigen Bürgermeisters nach Morddrohungen von Rechtsextremisten wegen der Unterbringung von Asylbewerbern, „und was von einigen alten AfDlern kommt, lässt mich kalt.“

„Ein großer Verlust für die Region“, kommentierte Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) Wittecks bevorstehenden Rückzug. Vaupel war bis vor wenigen Wochen Aufsichtsratsvorsitzender der Regionalmanagement Mittelhessen GmbH und arbeitete in dieser Funktion eng mit Witteck zusammen, der Vorsitzender des mittelhessischen Regionalmanagements ist.

Witteck habe sich große Verdienste beim Zusammenfinden der nicht historisch gewachsenen Region Mittelhessen erworben. Als Oberbürgermeister habe er Witteck als sympathischen, kompetenten und zuverlässigen Gesprächs- und Verhandlungspartner erlebt. „Sein Nachfolger tritt in große Fußstapfen.“

Noch einiges zu erledigen

Witteck will künftig seine Erfahrung bei der Führung einer großen Behörde in einen anderen beruflichen Zusammenhang einbringen – weder im öffentlichen Dienst noch als Jurist, so viel verriet er am Mittwoch immerhin. Da die Verträge aber noch nicht unterschrieben seien, sei noch nichts spruchreif.

Den Oktober hat sich Witteck als Zeitpunkt für seinen Rückzug gewählt, weil bis dahin zwei zentrale Projekte seiner Tätigkeit erledigt sein sollen: Die zweite Offenlage des Teilregionalplans Energie wird abgeschlossen sein, „was für die seriöse Planung der Energiewende in Mittelhessen einen bedeutenden Schritt darstellt“.

Und die neuen Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge in Neustadt und Büdingen werden ihren Betrieb aufgenommen haben oder kurz davor stehen – „was die Gesamtsituation bei der Erstunterbringung der Flüchtlinge entspannen sollte“. Alles in allem alles, so glaubt der RP, ein günstiger Zeitpunkt, um einen geordneten Übergang in der Leitung der Behörden zu realisieren.

Seinen potenziellen Nachfolger kennt er auch schon. Er habe dem Ministerpräsidenten einen Kandidaten vorgeschlagen, sagt Witteck, „aber entscheiden muss natürlich der Ministerpräsident“. Auch wie er seinem Nachfolger die Sensibilität für die Situation der Flüchtlinge im Regierungsbezirk vererben könne, weiß Witteck bereits. „Ich führe ihn einfach durch die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, danach weiß man, was zu tun ist.“

von Till Conrad

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