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Immer mehr Kinder flüchten nach Marburg

Asylbewerber Immer mehr Kinder flüchten nach Marburg

Die Zahl der minderjährigen Flüchtlinge, die ohne Eltern in die Stadt und in den Landkreis kommen, steigt. Pädagogen kümmern sich um die Problemgruppe, Arbeitgeber und Vereine hoffen indes auf Nachwuchs.

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In Marburg kümmern sich Pädagogen schwerpunktmäßig um minderjährige, elternlose Flüchtlinge aus Kriegsgebieten.Archivfoto

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Die meisten der überwiegend männlichen Jugendlichen, die in der Universitätsstadt aufgenommen werden, sind zwischen 14 und 18 Jahren alt. Sie stammen aus Somalia, Eritrea, Afghanistan sowie Syrien. Neben dem Gertrudisheim, wo vor allem elternlose Flüchtlings-Kinder betreut werden, gibt es für Teenager eine neue Wohngruppe des St. Elisabeth Vereins im Waldtal. Für Flüchtlinge, die keine Familie mehr haben, gibt es in Marburg 30 Plätze.

„Abgehackte Gliedmaßen, Kidnapping, Misshandlung im Gefängnis: Die jungen Leute, die bei uns sind, haben viel durchmachen müssen“, sagt Sonja Ott vom St. Elisabeth-Verein. Die Bereichsleiterin in Biedenkopf ist zuständig für vier Wohngruppen im Hinterland und Lahn-Dill-Kreis, betreut mit Kollegen 35 Jugendliche. Krieg im Heimatland, bisweilen jahrelange Flucht, getötete Eltern, Verwandte, Freunde: „Das sind junge Leute, die zwar ein Trauma haben, die aber ein Ziel verbindet: Sie alle wollen Sicherheit, Bildung, Zukunft, sie wollen etwas erreichen“, sagt Ott.

Während 2008 noch 763 unbegleitete Minderjährige einen Asylantrag stellten, suchten 2014 bereits mehr als 4400 unbegleitete Minderjährige Schutz in Deutschland (rund 80 Prozent der ohne Eltern Geflohenen sind Jungen). Die Tendenz ist steigend. Das teilte das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge auf OP-Anfrage mit. Die Chance auf ein dauerhaftes Bleiberecht haben vor allem Kinder und Jugendliche aus Syrien (98 Prozent), Somalia, Eritrea und Afghanistan (65 Prozent), wohingegen Ägypter und Serben derzeit so gut wie keine Möglichkeit haben, in Deutschland bleiben zu können.

„Von allen Geflüchteten sind es diese jungen Leute, die ziemlich sicher in Marburg, in Deutschland bleiben werden. Das sind künftige Azubis, Nachbarn, Mannschaftskameraden. Speziell ihnen müssen wir Perspektiven bieten“, sagt Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne). Wie betroffene deutsche Kinder, nimmt das Jugendamt die ausländischen Minderjährigen in Obhut. Sie unterliegen wie ihre deutschen Altersgenossen der gesetzlichen Schulpflicht.

Im Waldtal ist es seit Ende 2014 das Team um Pädagogin Anja Mzyk, das etwa ein Dutzend Jugendliche aus Krisengebieten betreut und im Alltag begleitet. „Integration gelingt über Nachbarn. Schon vorbeischauen, gemeinsames Kochen vermeidet Konflikte“, sagt sie. Vor allem bereits in der Stadt lebende Migranten bieten Mzyk zufolge derzeit Hilfe an. Sei es als Dolmetscher, Kontaktvermittler oder Sachspender. „Das Klima ist in Bezug auf Flüchtlinge generell erfreulich gut, ganz anders als vor zehn, 20 Jahren“, sagt Karl Klefenz, Geschäftsbereichsleiter des St. Elisabeth Vereins.

Magistrat und Pädagogen setzen die Hoffnungen verstärkt auf die Integrationskraft von Vereinen. „Dort mitmachen zu können, eröffnet allen eine Chance. Die Vereine können sich über Nachwuchs freuen, die jungen Leute finden Anschluss“, sagt Ott. Der Sportkreis Marburg-Biedenkopf stimmt zu: „Wir wollen in dem Bereich etwas machen, Projekte anstoßen“, sagt Jürgen Hertlein, Verbands-Vorsitzender auf OP-Anfrage. Mit dem zuständigen Landesministerium laufen bereits Gespräche. „Am Ende sind aber die Vereine selbst am Zug, so dass junge Flüchtlinge aktiv mitmachen können.“ „Eigentlich müsste es für alle Vereine eine Selbstverständlichkeit sein, Flüchtlingen und Asylbewerbern zu helfen“, ergänzt Helmut Schaake, Sprecher des Verbands.

Wenn es um dauerhafte und gelingende Integration gehe, seien verstärkt Unternehmen gefordert, heißt es von den Sozialpädagogen. Sie sollten den Jugendlichen Praktika und Ausbildungen ermöglichen. „Da ist viel Potential, viel Talent vorhanden. Etwa im Handwerk, wo Sprachbarrieren vielleicht erstmal etwas weniger schwer wiegen“, sagt Sonja Ott.Heimische Wirtschaftsvertreter reagieren auf die vermeintlichen Zukunfts-Azubis jedoch verhalten. „Wenn das wirklich eine leistungshungrige Generation ist, spricht nichts dagegen, sie einzustellen. Nur: Wir wissen das nicht, kennen deren Qualifikationen, den Bildungsstand nicht“, sagt Thomas Rudolff, Kommunikations-Chef der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg. Rund um Marburg suchen Firmen „hochspezialisierte Leute, etwa in Fertigung, Produktion“. Vor allem Maschinen- und Anlagenführer, KfZ-Mechatroniker würden gesucht. Aber auch Bäcker und Metzger - was angesichts des kulturellen Hintergrunds, Stichwort Muslime und Schweinefleisch, schwierig sei. „Die Frage ist aber erstmal, was ein Asylbewerber schon beherrscht und was man beibringen kann. Das hängt dann auch mit der Sprache zusammen“, sagt er. Zuletzt hatte der Präsident des deutschen IHK-Dachverbands, Eric Schweitzer gesagt: „Menschen, die in unserem Land Zuflucht suchen, sollten wir eine Perspektive geben.“ Migranten seien eine „große Chance“ für die Wirtschaft.

Aslybewerber und Geduldete dürfen nach einer Gesetzesreform seit Kurzem bereits nach drei anstatt neun Monaten arbeiten, sofern es keine geeigneten deutschen oder EU-Bewerber für den Job gibt. Die sogenannte Vorrangprüfung soll nach 15 Monaten entfallen.

von Björn Wisker

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