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Imkern in fremden Ländern

Zu Besuch in Frankreich Imkern in fremden Ländern

Honig erfreut sich weltweit großer Beliebtheit. Doch wie gewinnen Imker in anderen Ländern den süßen Stoff? Und wie führen sie den Kampf gegen den größten Feind der Bienenvölker, die Varroa-Milbe?

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Eine Biene bei der Arbeit.

Quelle: Radka Schöne / Pixelio

Marburg. In großer Erwartung werfen die Imker im beginnenden Frühjahr erste Blick in ihre Bienenstöcke. Manch einer erlebt dabei böse Überraschungen: Die Bienenbehausung ist leer, oder die Immen liegen tot am Boden der sogenannten Beute. Es gibt eine Reihe von Gründen dafür, warum so viele Völker den Winter nicht überleben.

Dahinter steckt oft eine falsche Strategie im Kampf gegen die Varroa-Milbe. „Ich habe doch alles so gemacht wie immer“, klagt so mancher Bienenzüchter. Doch nach Schema F wird der geneigte Imker der Milbe nicht Herr. Die in Deutschland weitverbreitete Kärnter Biene – Apis mellifera carnica – ist im Grunde sanftmütig und liefert reichlich Honig. Bisher ist es aber nicht gelungen, eine Carnica zu züchten, die sich selbst erfolgreich gegen die totbringende Varroa-Milbe wehrt. Laut Statistik schwankt die Wintersterblichkeit der Bienen zwischen 3,5 und 33,6 Prozent – mit einem Nord-Süd-Gefälle.

Die jüngsten Auslandsreisen habe ich genutzt, um als Imker weit über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Die Provence und der Südwesten zählen zu den imkerlich wichtigsten Gebieten Frankreichs. Was lag da näher, als Kontakte zu Gladenbachs Partnerstadt Monteux zu knüpfen. Monteux liegt nicht weit entfernt von Avignon. Dort einen Imker zu finden, war schwieriger als erwartet, denn die französischen Bienenzüchter sind nicht so kleingliedrig organisiert wie ihre Nachbarn in Deutschland. Gleichwohl war die Suche von Erfolg beschieden – mithilfe des Gladenbacher Partnerschaftsvereins.

Imker im großen Stil

Der Kontakt begann mit einer Visitenkarte und ein paar E-Mails, über die meine Altenverser Imkerkollegin und Dolmetscherin Pamela von Möllendorff Vorbereitungen für einen Besuch traf. Bei der jüngsten Fahrt des Partnerschaftsvereins zu den Freunden nach Monteux saßen wir mit im Reisebus. In Gladenbachs Partnerstadt besuchten wir Gilles und Séverine Changeat. Sie leben am Ortsrand von Monteux, in der Nähe eines Sees und führen einen kleinen Bauernhof. Dort bieten sie allerlei landwirtschaftliche Produkte an. Gilles arbeitete früher in einem Baumarkt, Séverine in einem Krankenhaus.

„Schon als 15-Jähriger habe ich mich für Bienen interessiert“, sagt er. Als Jugendlicher und junger Mann hielt und betreute er gemeinsam mit einem älteren, erfahrenen Imker bis zu 150 Völker. Als das zweite Kind da war, nahm Gilles Elternzeit. Von da an widmete er sich ganz der Imkerei, baute den Betrieb aus und kehrte nicht mehr in seinen alten Beruf zurück. Er absolvierte ein Landwirtschaftsstudium, und bildete sich als Imker weiter. Das Imkern in großem Stil bereitet ihm Freude, er hält 1000 bis 1500 Völker.

Gleichwohl hängt der Ertrag von vielen Faktoren ab. „Seit 2011 ist die Honigernte schlecht“, klagte er und erklärt: „Schuld daran ist der Mistral.“ Der kalte, oft starke Fallwind, sorgt dafür, dass die Blüten wenig Nektar spenden. Um die Einnahme-Verluste auszugleichen, zieht der Familienbetrieb seither Völker nach. Die Ableger werden in kleinen Styropor-Beuten verkauft. „Ein solcher Ableger besteht aus sechs mit Bienen besetzten Waben und vier Mittelwänden, auf denen sich das wachsende junge Volk ausdehnen kann. Kosten: 160 Euro.

Bienen fliegen fast das ganze Jahr über

So wie der Honig ist auch ein Jungvolk deutlich teurer als in Deutschland. Für 30 bis 40 Euro je Volk können Bauern bei der Familie Völker mieten. „Sie bestäuben bereits im Februar Erdbeeren im Folientunnel, später Mandeln, Kirschen und Äpfel“, erklärt Séverine. Gezielt von den Bienen beflogen werden auch spezielle Sonnenblumen, sie dienen der Gewinnung von Saatgut, das für Südamerika bestimmt ist. Die Changeats imkern mit der Apis mellifera ligustica, eine rötliche, sehr sanftmütige Biene, auch „Italienerin“ genannt. Ihr Schwarmtrieb sei nicht sonderlich ausgeprägt, betont Gilles. Bei seinen vielen Völkern fehle ihm die Zeit, um ständig dem Schwärmen vorzubeugen, erklärt er. Aus diesem Grund habe er sich für die „Lingustica“ entschieden.

Gilles findet, dass sich die Carnica explosionsartig vermehrt und deshalb deren Schwarmtrieb ausgeprägter sei. Allerdings: In der Provence habe nicht jeder Imker dieselbe Bienenrasse, sagt Gilles. Wegen des mediterranen Klimas in der Region von Monteux gibt es bei den Honigbienen nur eine recht kurze Brutzeitpause von etwa zwei Wochen nach Weihnachten. Auch im August – in der heißesten Jahreszeit setzen die Königinnen mit dem Eierlegen aus. Während in Deutschland die Bienen in den Wintermonaten im Stock bleiben, herrscht in Südfrankreich fast das ganze Jahr über Flugbetrieb. Zu unserem Erstaunen berichtet Gilles, dass er mit der Varroa-Milbe keine Probleme habe.

Und wenn ein Volk befallen ist, dann besprüht er die mit Bienen besetzten Waben mit Milchsäure, eine auch in Deutschland gängige Behandlungspraxis. Mit dem Gießen von Kerzen lässt sich in Südfrankreich offenbar nichts verdienen. „Bei uns ist es zu warm“, sagt Gilles. Aus Bienenwachs hergestellt werden allenfalls kleine Jahresendfiguren für Kinder. Geld verdienen lässt sich aber mit Honigkuchen aus eigener Produktion. Organisiert sind die Bienenzüchter aus der Region im Imkerverein des Départements Vaucluse.

Vermarktung der Produkte läuft gut

Zum Verein zählen Hobby- und Profiimker. Es sei nicht lange her, da habe der Verein noch 400 Mitglieder gezählt, berichtet Gilles. Viele ältere Imker seien gestorben, andere hätten ihr Hobby frustriert aufgegeben, weil sie mit dem Problem Varroa-Milbe nicht zurechtgekommen seien. „Die Mitgliedschaft ist aber alleine wegen der Versicherung wichtig“, sagt der Imker. In den Organisationen werde auch Königinnenzucht betrieben und Weiterbildung angeboten.

( Imker Gilles Changeat bei der Arbeit. Die Provence mit ihren Lavendelfeldern ist ein Schlaraffenland für Bienen. Foto: Berge)

Der Zucht von Königinnen hat sich mittlerweile auch Séverine verschrieben und kündigt an, dass sie sich in der Bienenzucht weiterbilden will. Die Vermarktung der Imkereiprodukte laufe inzwischen sehr gut. „Heute habe ich zu Hause mehr verkauft als gestern auf dem Markt“, erzählt Séverine während unseres Besuches stolz. Über landwirtschaftliche Vereinigungen der Region werden Verkauf, Messen und Märkte gesteuert. Auch der Versand spiele mittlerweile eine Rolle, sagt sie. Das offenherzige und sehr auskunftsfreudige Imker-Ehepaar hat drei Kinder und hofft, dass eines von ihnen einmal den Betrieb übernehmen wird.

von Hartmut Berge

Die Varroa-Milbe

Die Varroa-Milbe ist Auslöser für die Verbreitung gefährlicher Viren, an denen viele Bienen-Völker zugrunde gehen. Puppen haben verstümmelte Flügel, junge Bienen sterben oft recht früh. Zuweilen geht sogar die Brut ein. Die Varroa-Milbe wurde erstmals 1976 in Deutschland nachgewiesen und verbreitete sich rasant. Damals sollte im Zuge von Zuchtbemühungen eine asiatische Biene mit unseren Bienen gekreuzt werden.
Da die asiatische Biene eine kürzere Entwicklungszeit hat, hoffte man, dass sich Völker im Frühjahr schneller entwickeln. Zu diesem Zweck wurden die asiatischen Bienen nach Europa importiert und mit ihnen die Milbe. Die asiatischen Bienen hatten wegen deren kürzerer Entwicklungszeit keine Probleme mit der Milbe. Die längere Entwicklungszeit unserer Bienen gewährleistet, dass sich die Milbe stärker in den Zellen vermehren kann. Gegen Tierarzneimittel ist die Milbe schnell resistent.
Die Mittel lagern sich darüber hinaus im Wachs und Honig ab. Bekämpft wird die Milbe von den meisten Imkern mit organischen Säuren. Ameisensäure beispielsweise wird nach der Honigernte im Volk zum Verdampfen gebracht. Oxalsäure wird als Zuckerlösung im Winter über die Bienen geträufelt. Beide organischen Säuren werden von den Bienen gut vertragen und hinterlassen keine Rückstände.

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