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Im Roteichenwald oder gar nicht

Bebauung des Vitos-Geländes Im Roteichenwald oder gar nicht

Die Vitos GmbH stellt keine alternativen Flächen auf ihrem Gelände zwischen Cappeler Straße und Friedrich-Ebert-Straße für die Bebauung zur Verfügung.

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Der Roteichenwald im Vitos-Park: Eine Bürgerinitiative wendet sich per Bürgerbegehren gegen die Bebauung mit Sozialwohnungen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das sagte Vitos-Geschäftsführer Marc Engelhard der OP. Engelhard nimmt damit Stellung zu den Überlegungen verschiedener Initiativgruppen, den Roteichenwald auf dem Gelände von der Bebauung auszunehmen und eine Wohnbebauung in einem anderen Teil des Geländes zu planen.

„Uns hat keiner gefragt“, sagte Engelhard der OP zur Diskussion um die zukünftigen Nutzungsmöglichkeiten des Geländes. Eine Bürgerinitiative wendet sich gegen die Bebauung des Roteichenwalds mit knapp 200 Sozialwohnungen und hat ein Bürgerbegehren dagegen angestrengt.

In einem offenen Brief an Vitos, den Eigentümer des Geländes, stellen die Agendagruppen Nachhaltige Stadtentwicklung, Verkehr und Ökologie zwar klar, dass sie nicht gegen den Bau von Sozialwohnungen auf dem Vitos-Gelände sind. Sie fordern aber, auf dem baumlosen oberen Teil des Geländes zu bauen.

„Dieses Fautspfand werden wir nicht aus der Hand geben“

Das wiederum kommt für Vitos nicht infrage. Zum einen befinden sich auf diesem Teil des Geländes die interkulturellen Gärten, die, wie Engelhard betont, überaus gut angenommen werden. Zum anderen steht dort die alte Klinikskapelle, die unter Denkmalschutz steht.

Auch eine Bebauung auf dem bebauten Teil des Geländes scheidet laut Engelhard aus. Eine weitere Verdichtung komme nicht in Frage. „Psychiatrie ist nicht nur Therapie, sondern auch der Umstand, dass die Patienten in einer parkähnlichen, geschützten Umgebung behandelt werden“, sagt der Vitos-Geschäftsführer und schlussfolgert: „Dieses Fautspfand werden wir nicht aus der Hand geben.“ Die hochwertigen Grünanlagen im Zentrum des Parks würden erhalten werden, so Engelhard.

Zumindest in diesem Punkt hat Engelhard die Unterstützung von Dr. Andreas Matusch, einem der Initiatoren des Bürgerbegehrens. Die Funktionsfähigkeit und auch Erweiterungsmöglichkeiten der psychiatrischen Klinik würden durch ein Bebauung beeinträchtigt, wie auch die migrationsmedizinischen Aktivitäten in Zeiten erhöhten Bedarfs, erklärt der Mediziner. „Hier soll Kasse gemacht werden, auf Kosten der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, von psychiatrisch Kranken und Menschen, die im Sterben liegen.“

Bebauung des Parkplatzes
als Alternative?

Die Agendagruppen regen unterdesen an, dass die Geschäftsleitung von Vitos ein Parkpflegewerk in Auftrag gibt. Es solle – ähnlich wie beim alten Botanischen Garten – das Ensemble dauerhaft sichern. Gerhard Haberle, der Sprecher der Agendagruppen, weist in einem Schreiben an Engelhard darauf hin, dass die die Anlage in ihren definierten Grenzen „aus geschichtlichen Gründen“ in der Denkmaltopographie als Kulturdenkmal ausgewiesen sei.

Eine weitere Alternative zur Bebauung des Roteichenwalds könnten, so die Bürgerinitiative, die großen Parkflächen links und rechts des Haupteingangs in der Cappeler Straße sein. In einem Treffen von Vertretern der Bürgerinitiative mit Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Bündnis 90/Die Grünen) ist diese Variante besprochen worden – sie sei von Kahle als „zu teuer“ zurückgewiesen worden, berichtet Johannes Linn.

Der Bürgermeister teilte der OP auf Anfrage mit, dass der Entwurf der Bebauungsplan-Änderung für das Vitos-Gelände inzwischen auf seinem Schreibtisch liege. Er wolle ihn noch in diesem Jahr in die parlamentarische Beratung einbringen, sagte Kahle. Sein Ziel sei es, noch vor der Kommunalwahl einen Satzungsbeschluss zu erreichen. „Sonst wird es zeitlich knapp für das Projekt.“

Hintergund: Das Land Hessen hatte im Vorfeld der Landtagswahl 2013 Zuschüsse für den Bau von Sozialwohnungen in Aussicht gestellt. Als einer der möglichen Standorte hatte die Stadt den Roteichenwald im Vitos-Park vorgeschlagen. Er begrenzt den Psychiatrie-Park zur Cappeler Straße hin.

Seitdem gibt es Streit um den Standort. Unterschiedliche Aussagen in einem artenschutzfachlichen Fachbeitrag des Marburger Büros Simon & Wittig und einem Beitrag des Marburger Vogelschutzbeauftragten Professor Dr. Martin Kraft befeuern die Diskussion, in der es im Moment vor allem um die Frage geht, welche Funktion das knapp 2 Hektar große Areal für den Arten- und den Umweltschutz hat.

Bürgerbegehren soll Gemeindeordnung umgehen

Darum geht es Gegnern der Bebauung aber nicht allein: Matusch weist darauf hin, dass die Bebauung im Psychiatrie-Park die schon dritte Privatisierung von Kliniksgelände in Marburg ansteht (nach Lahnbergen und Elisabethenhof).

Unterdessen hat Bürgermeister Dr. Franz Kahle auf eine Bitte der Bürgerinitiative gegen die Roteichenwald-Bebauung zugesagt, mit Mitgliedern die Frage zu erörtern, wie das inzwischen eingeleitete Bürgerbegehren rechtssicher formuliert werden kann. Hintergrund ist die Tatsache, dass die Hessische Gemeindeordnung Bürgerbegehren gegen Bebauungspläne nicht zulässt. Die Unterschriftensammlung, zum Bürgerentscheid gegen die Bebauung führen soll, versucht dies zu umgehen, indem sie fordert, das Parkgelände per Aufstellungsbeschluss für Naherholung und Stadtklima zu erhalten.

„Was nützt es, wenn ein Bürgerbegehren aus formalen Gründen scheitert“, fragt Kahle: „Wenn sich eine breite Mehrheit gegen das Vorhaben der Stadt richtet, muss neu darüber nachgedacht werden.“

von Till Conrad

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