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Im Rollstuhl über die Route 66

Reisen mit Behinderungen Im Rollstuhl über die Route 66

Aus Katalogen lächeln sie einem entgegen. Perfekte Familien mit perfekten Körpern im perfekten Urlaub. Manchmal ist aber nicht alles "perfekt" - und dann kommt Martin Smik ins Spiel. Er plant Reisen für Menschen mit Behinderung.

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Martin Smik, Betreiber des Reisebüros „Weitsprung“ hat sich in der Branche eine Nische gesucht. Er organisiert Reisen für Menschen mit Behinderung.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Immer diese Pädagogen. Diese Weltverbesserer. Diese Gutmenschen. Ja, Martin Smik kennt sie alle. Die Vorurteile begleiten ihn, seit seiner Studienzeit. Damals, als er sich für das Pädagogikstudium entschloss. Und ja, er ist ein Weltverbesserer. Ein guter Mensch – ein typischer Pädagoge eben. Nur ein Vorurteil, das will so gar nicht passen: Smik diskutiert nicht gern – er handelt lieber. Und zwar mit Reisen in die ganze Welt. Das besondere: Smik und sein Team organisieren Reisen für Menschen mit Behinderung. Sie erfüllen Lebensträume. Eine Pause von der Behinderung können sie den Kunden nicht versprechen. Wohl aber eine Auszeit vom Alltag, der häufig durch die Behinderung geprägt ist. Neue Eindrücke, neue Menschen, neue Gerüche – Urlaub eben.

„Reisen gehören aber nicht zur Grundversorgung des Menschen“, macht Smik deutlich. Genau das hat er in seiner Arbeit als Pädagoge immer wieder erleben müssen. Er machte Urlaub vom Beruf, seine Klienten blieben zu Hause. Im Rollstuhl. Im Bett. In der Wohnung. Er erzählte ihnen von der weiten Welt, sie ihm von nie gelebten Reiseträumen. Smik hörte zu. Und begann selbst zu träumen. Von der Möglichkeit, den Menschen, die er betreute, die Welt zu zeigen. Ihnen eigene Reiseerinnerungen zu schenken. Und weil der 53-Jährige ein Mann der Tat ist, eröffnete er kurzerhand ein Reisebüro.

2001 war das. Das Jahr, in dem der Anschlag auf die Twin-Towers die Angst vor Terroranschlägen und Fernreisen weckte. In dem Online-Reiseagenturen ihre ersten Gehversuche unternahmen – und die Branche mit großen Schritten auf eine Krise zumarschierte. Dem Jahr, in dem der Pädagoge zum Unternehmer wurde. „Hätten wir die Ideologie, das Herzblut und Elan nicht mitgebracht, hätten wir es gleich gelassen.“ Vielleicht war es die Mischung aus Naivität und Überzeugung, die Smik unerschrocken ans Werk gehen ließ. Vielleicht waren es seine ersten Kunden, die ihn darin bestätigten weiterzumachen – sich mehr zuzutrauen. Schließlich fordert er genau das von ihnen vor jeder Reise ein. Einfach die Bedenken beiseiteschieben und Träume leben. „Grenzen sind oft nur durch den Willen gegeben“, beobachtet der 53-Jährige immer wieder. Und durch das Geld. Die Finanzierung ist häufig das größte Problem. Manch einer seiner Kunden spart seit Jahren auf eine Reise. So wie der junge Mann im Rollstuhl, für den Smit eine Tour über die Route 66 organisierte. Zehn Jahre lang fütterte der das Sparschwein. Einmal von Chicago nach Los Angeles, bitte. Ein Reiseabenteuer, das in Amerika als Standard gilt. „Die USA sind sehr behindertenfreundlich. Da sind viele Sachen eine Selbstverständlichkeit.“

In einem extra Raum zieht Smik sich mit den Kunden zum Beratungsgespräch zurück. Alles muss genau geplant werden. Welche Medikamente werden benötigt, welche Hilfe im Alltag ist erwünscht? Der Pädagoge muss über jedes noch so kleine Detail Bescheid wissen. Erst dann kann er vernünftig planen. Vier Reisebüros betreibt er mittlerweile. Neben Paderborn, Hamburg, Bremen und Marburg ist ein weiteres in Berlin in Planung. Nach Schema „F“ arbeiten – das können seine Mitarbeiter trotzdem nicht. „Alles muss individuell zugeschnitten werden. Die Grundversorgung des Reisenden ist Pflicht – aber beim pflegerischen, da fängt die Kür an“, gibt der Vater eines Sohnes zu bedenken.

Deutschlandweit kann Smik auf Freiwillige zurückgreifen, die in ihrem eigenen Urlaub den Reisenden als Begleitpersonen zur Seite stehen. Manche unterstützen bei Gruppenreisen, andere begleiten einen Kunden zu seinem eigens ausgewählten Reiseziel. Manchmal geht es nur darum, minimal im Alltag zu unterstützen, ein anderes Mal sind eine medizinische Ausbildung, sowie Pflegetätigkeiten Pflicht. „Der Mensch steht immer im Mittelpunkt“, versichert Smik, der selbst den ein oder anderen Gast schon auf Reisen begleitet hat. „Da muss die Familie mitspielen. Ich bin oft weg“, sagt er achselzuckend. Die Familie spielt mit. Weiß, dass der Beruf mehr Berufung für den Pädagogen ist. Mehr noch: es ist eine Lebensaufgabe.

„Nach 15 Jahren treibt mir manches noch die Tränen in die Augen. Das ist schon irre“, sagt er während er sich verstohlen über das Gesicht wischt. So viele Menschen hat er in den vergangenen Jahren kennengelernt, die sein Leben geprägt haben. So viele Schicksale für eine kurze Zeit mitgetragen. So viele Lebensträume erfüllt. Wie den der alten Dame, die noch einmal durch Asien reisen wollte. Den des Mannes, der noch nie ein Wort gesprochen hatte, dessen Augen auf der Afrika-Safari alle Worte bedeutungslos machten. Den der Familie, die mit ihren acht Kindern, eines davon schwerstbehindert, nach Griechenland flog. Auszeit von zu Hause. Auszeit vom Anderssein. „Urlaub ist das, was das Leben lebenswert macht“, ist sich Smik sicher. Immer wieder greift er ins Regal. Zieht Fotobücher heraus. Zu sehen sind Menschen in Rollstühlen. Aber auch Blinde. Menschen mit einer geistigen Behinderung. Und sie alle strahlen – vor Pyramiden, im Dschungel, vor Alpenpanorama oder Dünen. Normale Urlaubsbilder. Leuchtende Augen, breites Lächeln – der Rest, so Smik, ist Nebensache.

von Marie Lisa Schulz

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