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Im Rentner-Armenhaus Hessens

Obdachlosigkeit wächst Im Rentner-Armenhaus Hessens

Altersarmut gilt als eines der größten Probleme in den kommenden Jahrzehnten. Für die Rentner im Landkreis sieht es aber schon jetzt nicht rosig aus, sie sind finanziell Schlusslichter in Hessen.

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Entspannt zurücklehnen ist nicht mehr: Altersarmut gilt als eines der größten Probleme in den kommenden Jahrzehnten.

Quelle: Foto: Stephan Scheuer/dpa

Marburg. 786 Euro erhielt ein Rentner aus dem Landkreis im vergangenen Jahr. Das geht aus einer Statistik des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft hervor, die die Finanzkraft regional aufschlüsselt. Danach gibt es nur noch vier Landkreise, in denen sich die Ruheständler mit noch weniger zufrieden geben müssen: Am Ende liegt der Landkreis Waldeck-Frankenberg (763 Euro), davor rangieren der Vogelsbergkreis (766), der Landkreis Fulda (769) und der Schwalm-Eder-Kreis (780). Im benachbarten Lahn-Dill-Kreis dürfen sich die Rentner schon über 845 Euro freuen, und im Main-Taunus-Kreis fließen gar 967 Euro auf ihr Konto.

Noch schlimmer aber sieht es für die Rentner im Landkreis aus, wenn man schaut, welche Kaufkraft ihrer Rente entspricht, mit anderen Worten, was sie sich für die 786 Euro kaufen können. Dabei nämlich verlieren sich noch einmal zwei Euro und lassen die Marburg-Biedenkopfer mit 784 Euro Kaufkraft ans Ende rutschen. Ähnlich düster sieht es nur in Fulda aus, wo aus den 769 Euro immerhin 795 Euro Kaufkraft erwachsen.

Gleiche Rente, niedrigere Lebenshaltungskosten

Im Werra-Meißner-Kreis erhalten die Rentner mit 788 Euro nahezu genauso viel Geld wie rund um Marburg, ihre Lebenshaltungskosten sind dort aber deutlich günstiger, so dass sie über eine Kaufkraft von 883 Euro verfügen. Im Lahn-Dill-Kreis liegt diese sogar bei 904 Euro, am meisten können sich die Ruheständler im Kreis Groß-Gerau mit 925 Euro leisten.

Was diese Zahlen im Alltag bedeuten, erlebt Hans-Heinrich Thielemann, Kreisvorsitzender der Arbeiter-Wohlfahrt täglich. Besonders bedrückend empfindet er die Sprachlosigkeit vieler Betroffener, das Nicht-Sagen-Können, wie schlecht es ihnen geht. Die Scham unter den ärmeren Rentenempfängern sei groß.

Viele Rentner hätten ihre Häuser als eine Form der Altersversorgung eingeplant. Mit ihren niedrigen Bezügen seien sie aber zunehmend nicht mehr in der Lage, die Immobilien zu finanzieren. Stattdessen suchten sie kleinere und bezahlbare Wohnungen in zentraler Lage. Bei dieser Suche aber sind sie nicht allein und deshalb häufig genug erfolglos.

Die Isolation unter den Rentnern nimmt zu

Die Folge sei nicht selten eine zunehmende Isolation. „Sie verlassen ihre Häuser praktisch nicht mehr, und der einzige Kontakt zur Außenwelt ist dann ‚Essen auf Rädern‘“, berichtet Thielemann. Als extreme Folge beobachtet der Awo-Vorsitzende gar eine wachsende Obdachlosigkeit unter den Rentnern. „Wir dürfen die Rentner, die wenig bekommen, nicht vergessen“, lautet denn auch sein Appell.

Der Landkreis selbst versuche durch den Aufbau und die Förderung niedrigschwelliger Hilfsangebote der schwierigen Situation entgegenzuwirken, erklärt Pressesprecher Stephan Schienbein. Örtliche Hilfe-Mix-Strukturen etwa sollen einen möglichst langen Verbleib in der Häuslichkeit ermöglichen und Angehörige entlasten. Aufwandsentschädigungen im Rahmen der bürgerschaftlichen Hilfen könnten schmale Renten aufbessern.

Durch eine kostenlose Beratung für Hilfen im Alter, die Förderung von „Bürgerbussen“ und innovativen Mitnahmesystemen sowie kostengünstige Kultur- und Freizeitangebote sollen die Senioren möglichst lange am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Anliegen der Senioren auf Kreisebene einbringen

Im kommenden Jahr soll zudem erstmals ein „Kreisseniorenrat“ gewählt werden, mit dem die Senioren ihre Anliegen direkt in die Politik einbringen und aktiv mitgestalten können. Ein Indiz für finanziellen Nöte der Rentner ist auch die Zahl der so genannten Aufstocker. 2012 besserten 382 Menschen im Landkreis ihre Regelaltersrente durch Arbeit auf, 2013 waren es 396 und im vergangenen Jahr 374 Personen.

Das Problem ist auch Horst Gunnesch, dem Vorsitzenden des VdK-Kreisverbandes nicht neu. Der Sozialverband thematisiere die Altersarmut schon seit 2010. Das eigentliche Problem sieht Gunnesch allerdings bei den künftigen Rentnern. „Die Jungen müssen auf die Barrikaden gehen“, fordert er und warnt vor einer weiteren Absenkung des Rentenniveaus, wie sie von der Politik geplant werde.

Bei den Aussichten, mit wie viel Geld Arbeitnehmer für ihre künftige Rente rechnen können, hängt sehr viel von der so genannten Erwerbsbiografie ab. Die Wahl des Berufs, aber auch Fehlzeiten wie Arbeitslosigkeit oder Zeiten für die Kindererziehung haben großen Einfluss auf die spätere Rente. Das zeigt sich auch in einer aktuellen Prognos-Studie im Auftrag der deutschen Versicherungswirtschaft. Sie schlüsselt die im Jahr 2040 zu erwartende Rente nicht nur regional, sondern auch nach verschiedenen Berufstypen auf.

Marburger Verkäuferin an vorletzter Stelle in Hessen

Für eine Verkäuferin mit zwei Kindern kommt die Prognose auf einen Monatslohn von 2022 Euro, aus dem eine Rente von 1064 Euro erwächst. Damit liegt die Marburger Verkäuferin an vorletzter Stelle in Hessen. Ihre Kaufkraft sinkt noch einmal auf 1062 Euro, womit sie noch über gut 52 Prozent ihres letzten Einkommens verfügt. Mit ihrer Kaufkraft steht sie, anders als noch 2014, nicht an letzter Stelle, sondern eher im hessischen Mittelfeld. Ihre Kollegin aus Frankfurt bezieht zwar eine höhere Rente von 1091 Euro, die aber in der Mainmetropole gerade mal 922 Euro wert sind. Sehr viel besser steht die Verkäuferin aus dem Werra-Meißner-Kreis da, deren 1097 Euro Rente eine Kaufkraft von 1230 Euro entwickeln. Auch in den Nachbarkreisen Lahn-Dill (1173), Waldeck-Frankenberg (1197) und Schwalm-Eder (1210) liegt die Kaufkraft deutlich über der in Marburg-Biedenkopf.

Etwas besser steht hierzulande auch der Elektroinstallateur da, dessen Monatslohn von 3857 Euro zu einer Rente von 1405 Euro zusammenschmilzt. Kleinere Brötchen backen muss auch die Sozialpädagogin, die nach 3806 Euro Verdienst mit 1614 Euro Rente auskommen muss. Ein Finanzbuchhalter, der zuvor 5907 Euro überwiesen bekam, verfügt dann noch über 2236 Euro, die 6592 Euro der Teamleiterin schrumpfen auf eine Rente von 2359 Euro, und auch der Ingenieur erhält im Ruhestand nur noch gut ein Drittel seines Einkommens – aus 7163 werden 2542 Euro.

Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Schluss, dass in den großen Städten die Renten zwar etwas höher ausfallen werden als in vielen ländlichen Bereichen, dort aber die Kaufkraft sehr viel höher liegt. Zugleich werden die Löhne bis zum Jahr 2040 sehr viel stärker steigen als die Renten, der finanzielle „Absturz“ wird also entsprechend heftiger ausfallen als heute.

von Frank Rademacher

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