Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regen

Navigation:
"Im Rausch rauscht das Leben vorbei"

Narcotics Anonymus Convention "Im Rausch rauscht das Leben vorbei"

Martina Schulz‘ Leben ist eine Reise von einem Tiefpunkt zum nächsten. Egal ob sie in andere Städte, in andere Länder zieht. Ob sie diesen Job kündigt, den nächsten beginnt. Ob sie einen Mann verlässt, den anderen sucht - vor ihrer Gier nach Drogen kann sie nicht fliehen.

Voriger Artikel
Nach der Scheidung geht es weiter
Nächster Artikel
Was macht den Bauern zum Massenmörder?

1,3 Millionen Alkoholabhängige gibt es in Deutschland – und Hunderttausende, die süchtig nach anderen Drogen sind. Archivfoto

Marburg. „Ich war dabei, mein Leben in Schutt und Asche zu legen“, sagt die 50-Jährige. Vor 36 Jahren begann mit Bier und Schnaps der Aufgalopp zu Schulz‘ Ritt durch die Drogenhölle: Cannabis, Haschisch, Kokain, Heroin, Medikamente und immer wieder Alkohol. „Ich habe nicht genippt, nicht ein Glas getrunken, sondern gleich beim ersten Mal die ganze Flasche geleert.“ Das typisch kindliche Gefühl, Alkohol schmecke bitter, fürchterlich, habe sie nicht gespürt. Im Gegenteil: „Ich wollte das unbedingt wieder, am besten sofort.“

Die Jugendliche ertränkt von nun an Angst, Trauer, Frust - viele Jahre später empfindet sie nicht mal mehr Freude. „Ich hielt Emotionen nicht aus, ich wusste einfach nicht, wie Leben funktioniert.“ Kleinste Vorfälle enden in Verzweiflung und Drama. Die Suche nach Entspannung, nach Ablenkung entwickelt sich zu einem Teufelskreis. Die Drogen werden zunehmend härter. Im Nu ist Schulz gefangen im Sumpf, eine von laut Reitox-Report 2013 mehr als 600000 als abhängig von Kokain, Amphetaminen oder Cannabis geltenden Dauer-Konsumenten in Deutschland. 2,3 Millionen sind demnach abhängig von Medikamenten. Laut aktuellem Suchtbericht der Bundesregierung gibt es zudem 1,3 Millionen Alkoholabhängige, 74000 sterben jährlich an den Folgen dieser Sucht.

Ein Absturz folgt auf den anderen

Immerhin: Schulz, die eigentlich anders heißt, gelingt es, die Fassade eines normalen Lebens aufzubauen, aufrechtzuerhalten. Mit aller Kraft, die sie aufbringen kann, „und mit viel Glück“ findet und behält sie Jobs, vor allem bleibt ihr der im Drogenmilieu typische Strudel - Sucht, Diebstähle, Raubzüge, Prostitution - erspart. Trotzdem: Der Alltag gilt der Abhängigkeit, ein Absturz folgt auf den anderen. „Im Rausch rauscht das Leben an mir vorbei.“ Mit 27 Jahren absolviert Schulz eine Langzeittherapie, fünf Monate Entzug. Hat das geholfen? „Hm“, sie überlegt. „Ja, doch, könnte was gebracht haben.“

Die Büro-Angestellte sagt das so, weil sie weiß, wie es nach dem Entzug weitergeht: Eine Woche nach ihrer Rückkehr nach Hause, stürzt Martina in den nächsten Drogenrausch ab. Im echten Leben, im Alltag, als sie zurückkommt zu Freunden, zu Bekannten, zu Versuchungen, versagen die Lehren der Therapie: „Um mich herum nahmen ja alle was.“ Vor den Menschen, die man kennenlernte, die einem auch lieb und teuer waren, schütze kein Arzt, gegen die Dynamik der Drogenclique helfe kein Ratschlag. „Ich habe in einer Käseglocke gelernt, wie man in einer Käseglocke clean bleibt.“

Mit dem Tod hat sie sich bereits abgefunden: 30 Jahre alt werden? Wer wird das schon, der in einem ähnlichen Drogensumpf steckte? Jimi Hendrix fällt ihr ein, Janis Joplin, Jim Morrison - alle starben mit 27. Schulz auch, sei es drum. Aber sie stirbt nicht. Nicht mit 27, auch die nächsten drei Jahre nicht, allen weiteren Abstürzen zum Trotz. „Als ich 30 wurde, war das ein Meilenstein, plötzlich kam ich ins Grübeln.“

Ein Freund erzählt ihr von Treffen der Organisation „Narcotics Anonymus“ (NA) - eine Selbsthilfegruppe ähnlich der „Anonymen Alkoholiker“. Laber-runde, denkt Schulz. „Ich war zwar mit meinem Latein am Ende, aber ich erhoffte mir von der Sitzung gar nichts.“

„Irgendwann scheppertees dann doch immer“

Doch was sie bekommt, ändert ihr Leben. „Ich habe die Leute lachen sehen, die hatten Freude am Leben. Das kannte ich nicht, deshalb war es für mich das Bedeutsamste, das trieb mich an.“ Sie erfährt, was andere Drogensüchtige durchgemacht haben. Sie kann es nachvollziehen, nein, nachempfinden. Sie ähneln sich, die Geschichten der alleinerziehenden Mütter, der smarten Unternehmer, der Jungen, der Alten in der Gruppe.

Bei NA sagt man ihr: „Bevor du was nimmst, ruf an.“ Sie sagt: „Es fiel mir schwer, nichts zu nehmen. Und es fiel mir sehr schwer, davor anzurufen.“ Schulz spürt erstmals, dass sie nicht die Aussätzige ist, dass es Menschen gibt, die sie, die ihr Leben verstehen - die ihr keine Ratschläge auf Rezept zu geben schienen. „Ich kannte solche Leute nicht, Menschen, die abstinent leben. Und plötzlich kam von innen heraus der Wunsch, etwas zu ändern. Und der Glaube, ich könne etwas verändern.“

Eineinhalb Jahre lang besucht sie die Treffen regelmäßig, schafft es, abstinent zu bleiben - wenn auch mit Rückschlägen. „Irgendwann schepperte es immer.“ Doch in ihrer NA-Gruppe rollt niemand die Augen, seufzt nicht, urteilt nicht. „Es gab kein: setzen, sechs! Niemand sagte, du musst dies oder das tun, dies und jenes lassen.“ Die NA raten immer wieder nur: Versuche, tageweise clean zu bleiben. Ein Tag, zwei Tage, drei Tage. Der Rückfall. Dann wieder von vorn: ein Tag, zwei, drei, vier ... Kleine Ziele für Außenstehende, große Schritte für Abhängige. So auch bei Schulz: „Die Abstände zwischen den Rückfällen wurden immer größer.“

Wille reift erst mit der Zeit

19 Jahre nach ihrem letzten Absturz sitzt sie in einem Park in einer süddeutschen Stadt und erzählt der OP ihre Geschichte. Auch heute noch spricht sie von „Entspannung“, von „sich zuballern“, wenn sie vom Drogennehmen redet. Es ist der Slang, den (Ex-)Abhängige verstehen, der sie spüren lässt, unter ihresgleichen zu sein. Das schafft mehr Vertrauen als jeder Doktortitel.

„Zwischen der Erkenntnis, ein Problem zu haben und den Willen zu entwickeln, etwas zu verändern, können Jahre liegen“, sagt Schulz. Der persönliche Tiefpunkt sei für jeden Süchtigen anders. Mit 18 Jahren haben viele, die heute als Drogenabhängige zu NA kommen, „noch nicht genug erlebt, um den echten Willen zum Ausstieg zu entwickeln“.

Schulz hat bei NA vor Jahren die Seiten gewechselt, ist weniger Hilfesuchende als Hilfegebende. „Als Erinnerung an all die Schäden brauche ich die Gruppe bis heute.“ Sie tanzt, malt, treibt Sport: „Ich habe Lebensfreude und Lebendigkeit. Ob ich sie wiedergefunden oder vielleicht sogar erst entwickelt habe, kann ich gar nicht sagen.“

Hintergrund

1002 Drogentote gab es vergangenes Jahr, 2012 waren es 944. In Hessen starben dem Suchtbericht der Bundesregierung zufolge 77 Menschen, die meisten in Bayern (213). Altersschnitt der Drogentoten: 37 Jahre.

20000 Drogen-Erstkonsumenten gibt es pro Jahr.

75400 Opiatabhängige haben 2012 in Deutschland eine dauerhafte Substitutionsbehandlung also Methadon erhalten.

Die 31. deutschlandweite Narcotics Anonymus Convention findet von Freitag, 16 Uhr, bis Sonntag im Bürgerhaus Marbach statt. Erwartete Teilnehmerzahl: 500.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Reportage "Narcotics Anonymous"-Convention
Stützen sich gegenseitig: Die abstinent lebenden Drogenabhängigen der Selbsthilfe-Organisation „Narcotics Anonymous“, die am Wochenende ihre 31. deutschlandweite Convention im Bürgerhaus Marbach veranstalteten. Foto: AA Schweiz

Clean. Ein Wort, eine Sehnsucht. Und ein Traum, der für Drogensüchtige schneller zerplatzt als er sich erfüllt. Hilfe versprechen Treffen der Selbsthilfegruppe "Narcotics Anonymous".

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr