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Im Kreuzfeuer der Emotionen

Schiedsrichter bei Fußballspielen Im Kreuzfeuer der Emotionen

Oft ist es ein undankbarer Job: Schiedsrichter zu sein, erfordert Fingerspitzengefühl, Durchsetzungsfähigkeit und starke Nerven. Kreisliga-Referees berichten über ihre unterschiedlichen Erfahrungen an der Pfeife.

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Ob Champions League oder Kreisliga: Wenn bei Fußballspielen die Emotionen hochkochen stehen Schiedsrichter oft im Mittelpunkt der Kritik.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Marburg. 25 Saisons lang hat Marcus Richter Fußballspiele gepfiffen. Und er musste sich eine Menge anhören. „Es ist nicht das Problem, wenn ein Spieler nach einer Entscheidung mal emotional ist“, sagt er. „Es kommt aber auf die Art und Weise der Kritik an.“ Meckern, schimpfen, sich ärgern - in einem gewissen Rahmen alles in Ordnung, findet er. „Der Spaß hört aber auf, wenn es bedrohlich wird und man Angst vor körperlicher Gewalt haben muss.“ Bei einem Oberligaspiel sei er als Schiedsrichter-Assistent einmal sogar von Zuschauern bespuckt und mit Äpfeln beworfen worden. Die zunehmenden Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter bei unterklassigen Spielen haben zuletzt sogar für einen ungewöhnlichen Streik gesorgt. Im Kreis Celle in Niedersachsen werden an diesem und am nächsten Wochenende keine neutralen Schiedsrichter eingesetzt. Es wird den Vereinen selbst überlassen, einen Unparteiischen zu finden (die OP berichtete).

Jeder hat auch mal einen schlechten Tag

Natürlich geht es nicht in jedem Spiel schlimm zu. „Es ist von Woche zu Woche anders“, so Richter. Dennoch gibt es diese Erlebnisse, die ihm den Spaß an der Schiedsrichterei genommen haben. „Irgendwann habe ich aufgehört, mich auf die Spiele zu freuen“, bekennt er. Für jeden jungen Schiedsrichter, der nach ein paar Spielen wieder aufhöre, habe er daher Verständnis.

Selbstverständlich sei es in Ordnung Fehler - die zwangsläufig mal passierten - auch anzusprechen, es komme aber darauf an „von wem und in welchem Maße“. Von Spielerseite her habe er manchmal sogar das Gefühl, dass es eine regelrechte Masche sei sich zu beschweren, selbst wenn man genau wüsste, dass der Pfiff richtig war. „Natürlich gibt es auch Lob“, so der Ex-Referee. „Das steht aber in keinem Verhältnis zu den Beschimpfungen“, meint er.

„Am schlimmsten ist es dann, wenn sich Fans und Spieler gegenseitig aufschaukeln“, so seine Beobachtung. „Viele sagen zwar selbst, dass sie mit dem Schiedsrichter nicht tauschen wollten, pöbeln aber trotzdem.“ Der Referee steht dabei immer im Fokus. „Wenn ein Spieler eine hundertprozentige Torchance vergibt, interessiert das hinterher keinen mehr“, meint Richter. Der Unparteiische werde jedoch für fast jede Entscheidung kritisiert und „der Ärger der Verantwortlichen dann auch noch in den Medien aufgenommen, obwohl sie nicht mal Recht haben müssen. Eine Zeitlupe, die den Schiri entlastet, gibt es ja in den unteren Klassen nicht“.

Ohnehin gingen die Einschätzungen weit auseinander: „Mal ist man selbst der Meinung, dass man gut war und wird von allen Seiten angefeindet, mal hat man selbst ein schlechtes Gefühl, aber alle anderen sind zufrieden.“ Wie bei anderen Menschen auch komme es eben vor, dass man mal einen schlechten Tag habe. „Nur kann man sich dann nicht wie ein Spieler auswechseln lassen.“

Unvoreingenommen in jedes Spiel

Joachim Gies weiß ebenfalls, wie es ist, wenn man von allen Seiten unter Beschuss steht. „Es gibt Vereine, da wird sich während eines Spiels tausendmal beschwert“, weiß er zu berichten. „Und wenn sie dann mal mit einer Entscheidung zufrieden sind, wird man von der anderen Seite angefeindet.“ Doch der 57-Jährige schränkt ein: „So oft passiert das gar nicht.“ Es gebe eben diese „speziellen Fälle“. Dennoch müsse man selbstverständlich unvoreingenommen in jedes Spiel gehen. „Ich lasse das Spiel immer erstmal ein paar Minuten laufen, und dann sehe ich ja, in welche Richtung es läuft“, erklärt er sein Vorgehen. Wichtig sei, keinesfalls „den großen Mann zu spielen“, sich nicht selbst darzustellen. In unruhigen Situationen könne man ruhig auch mal etwas lauter und bestimmter werden, sollte sich aber nicht auf Diskussionen einlassen.

Gies begann mit der Schiedsrichterei, nachdem er seine aktive Karriere aufgrund einiger Verletzungen beenden musste. „Einfach alleine im Wald laufen zu gehen, hat mir keinen Spaß gemacht“, erläutert er diese Entscheidung. Inzwischen ist er seit mehr als 20 Jahren dabei. „In meinem Alter kann ich nicht immer auf Ballhöhe sein“, sagt er daher, doch müsse er versuchen „hinterherzukommen“. Andernfalls gebe es die Anschuldigung, dass er das Geschehen ja gar nicht sehen konnte. Wenn man läuferischen Einsatz zeige, werde dies jedoch auch von den Spielern honoriert. Manchmal höre er nach dem Abpfiff sogar Sätze wie „An dir hat‘s heute nicht gelegen“.

Schlimmer seien da in vielen Fällen die Zuschauer, umso mehr bei besonders brisanten Spielen wie etwa Derbys. „Da gibt es einige, die denken sie zahlen Eintritt und können sich dann alles erlauben“, meint Gies. Ob Spieler oder Zuschauer - schwer haben es seiner Meinung nach vor allem die jüngeren Kollegen. „Das geht dann nach dem Motto: Mit dem kann man es ja machen.“ Er selbst sei gar nicht so häufig Opfer von verbalen Attacken. Wenn er aber schlecht gepfiffen habe, könne er mit der Kritik auch gut leben. „Dann kann von mir aus auch in der Zeitung stehen, dass es Fehlentscheidungen waren“, sagt er.

20 Euro gibt es als Spielprämie

Auch Manfred Geil sieht seine Rolle als Unparteiischer ziemlich entspannt. „Fehler gehören dazu“, sagt er. Dennoch „habe ich als Schiedsrichter eigentlich recht wenig Probleme“. Übel beschimpft werde er weniger, die ein oder andere emotionale Reaktion gebe es aber schon seitens der Spieler. „Das versuche ich dann, vernünftig zu lösen und auch mal jemanden direkt anzusprechen.“ Manchmal gebe es Szenen, in denen zum Beispiel die Sicht versperrt sei. „Damit muss man dann offen umgehen, gelassen bleiben und es erläutern.“ Übertreiben dürfe man dies aber nicht, denn die Autorität müsse schließlich gewahrt bleiben.

Der 57-Jährige pfeift seit 15 Jahren seinem Verein SG Lahnfels zuliebe. Die Clubs müssen eine Mindestanzahl an Schiedsrichtern stellen, um Punktabzüge zu vermeiden. Belastender als vermeintliche Beleidigungen sind die Fahrten und die Zeit, die er, der beruflich ebenfalls stark eingespannt ist, für dieses Hobby investieren muss. 15 Spiele im Jahr muss er pfeifen - 15 Sonntage also opfern. Für die Spielprämie von 20 Euro keine Selbstverständlichkeit.

Umso schöner, wenn dann nach einem guten Spiel mal ein Lob fällt. „Das kommt sogar relativ häufig vor“, freut er sich. Wenn hingegen Unruhe in ein Spiel komme, werde diese oft „von draußen hereingetragen“. So gebe es immer wieder Betreuer, die bei jeder Szene „Foulspiel“ schreien oder Zuschauer, die mit Entscheidungen unzufrieden sind. Diese Unruhe übertrage sich dann meistens auch auf die Mannschaften. „Ich kann auf solche Zurufe nicht reagieren“, sagt Geil. Ihn interessiere nur, „das Spiel gut zu pfeifen“. „Besonders schlimme Dinge habe ich noch nicht erlebt“, erklärt er.

von Peter Gassner

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