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Im Gerichtssaal brodelt die Gerüchteküche

Prozess gegen Arzt Im Gerichtssaal brodelt die Gerüchteküche

Im Berufungsprozess gegen einen Arzt, der einen mittlerweile verstorbenen Drogenabhängigen sexuell missbraucht haben soll, sagten am Montag mehrere Zeugen aus. Mehrere Familienangehörige des Verstorbenen sprachen während der mehrstündigen Verhandlung vor dem Landgericht über Gespräche mit dem mutmaßlichen Opfer.

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Am zweiten Tag der Berufungsverhandlung gegen einen Arzt, der einen Drogenabhängigen sexuell missbraucht haben soll, wurden weitere Zeugen vernommen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Der verstorbene junge Mann habe von dem Arzt „massiv Medikamente bekommen“, teilte der Adoptivvater, selber Mediziner, mit. Er sei schon damals erstaunt gewesen, in welchen hohen Mengen und Dosierungen der Angeklagte einem Minderjährigen mit Drogenproblematik entsprechende Mittel verschrieben habe.

„Er war immer vollgestopft mit Medikamenten“, sagte auch die Mutter vor Gericht. Der Arzt habe den Sohn psychisch unter Druck gesetzt, selbst mitbekommen habe sie dies jedoch nicht.

Es gebe verschiedene Wege für Süchtige, an Drogen zu kommen, ob verschiedene Ärzte oder auch auf dem Schwarzmarkt, erinnerte der Richter. Ihr Sohn habe „nicht zum Schwarzmarkt gehen müssen, er hatte ja einen Dealer – und das war sein Arzt“, betonte die Mutter.

Bruder des Toten: Er war nicht verliebt in den Arzt

Häufig habe sie zudem ihren Sohn in die benachbarte Praxis gehen sehen. Dieser habe der Familie offen erzählt, dass der Mediziner ihn missbrauche, er selbst „sich für Medikamente verkaufte“. Der mutmaßlich Geschädigte habe seit seiner Kindheit Betäubungsmittel konsumiert, die Abhängigkeit zu „harten Drogen“ entwickelte sich jedoch erst nach dem Kontakt zu dem Arzt, gab der Zwillingsbruder des Verstorbenen an.

Mit eigenen Augen habe er gesehen, wie der Arzt eine Tüte mit Medikamenten in die Wohnung brachte, die er dem Drogensüchtigen zur Verfügung stellte. Dabei sei der Bruder „nicht verliebt in den Angeklagten gewesen noch hat er sexuellen Kontakt zu ihm gesucht“, betonte der Bruder. Über die Therapiegespräche mit dem Verstorbenen sprach einer der behandelnden Psychologen.

Während des psychologischen Erstgesprächs habe der junge Mann „glaubhaft über Prostitution gegen Drogen“ berichtet, so der Therapeut. Während einer Sitzung Mitte 2012 habe er erneut und „mit Ekel“ über Oralsex im Tausch gegen Medikamente gesprochen. „Ich war erschüttert über dieses Arzt-Patienten-Verhältnis“, betonte der Psychologe.

Frühere Arbeitskollegen berichten über Differenzen

Die Verteidigung bezweifelte die Angaben, weder habe der Zeuge in den wenigen Gesprächen eine ausreichende Einsicht in die Glaubwürdigkeit des Süchtigen erlangen können, noch werde diese von der Aktenlage gestützt, betonte Verteidiger Frank Richtberg. Dem widersprach der Zeuge vehement. Aufgrund seiner Erfahrungen rechne er den Aussagen des Patienten einen „großen Wahrheitsgehalt“ zu.

Darüber hinaus berichteten drei ehemalige Arbeitskollegen über Differenzen mit dem Angeklagten in der früheren gemeinsamen Praxis. Lediglich „gerüchteweise“ und „vom Hörensagen“ hatten die Mediziner von sexuellen Handlungen gehört, die gegen Vergabe von Medikamenten getauscht worden sein sollen.

Der ehemalige Kollege habe „großzügig Rezepte und Medikamente ausgestellt“ und verschiedenen Suchtkranken mehrfach Drogenersatzmittel verschrieben. Die Sachaufklärung des Prozesses gestalte sich äußerst schwierig, „wir bewegen uns in einem Sumpf von Gerüchten“, fasste Richter Dr. Frank Oehm die bisherige Beweisaufnahme zusammen. Die Verhandlung wird am 4. Mai um 9 Uhr fortgesetzt.

von Ina Tannert

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