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Im Gehirn kommt der Kick für den Chirurgen

Neuer OP Im Gehirn kommt der Kick für den Chirurgen

Der modernste Gehirn-chirurgische Operationssaal (OP) Deutschlands befindet sich jetzt im Marburger Uniklinikum.

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Fassade des Atriums nimmt Gestalt an

Professor Christopher Nimsky in den neuen Operationssälen der Neurochirurgie. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Am Montag stellten der Chefarzt für Neurochirurgie, Professor Christopher Nimsky, und der kaufmännische Leiter der Uniklinik, Gunther Weiß, den Doppelsaal vor. Zunächst hieß es allerdings: Kleider aus und in die grüne, sterile OP-Kluft hinein, inklusive Häubchen und Mundschutz.

Im Zentralen Operationsbereich A mit seinen rund zwei Dutzend OPs hatten Monate zuvor Arbeiter und Techniker zwei Säle - „OP 9 und OP 10“ - komplett entkernt. „Bis auf den Rohbau kam alles raus“, erklärt Weiß. Anschließend wurden beide Säle in enger Zusammenarbeit mit den Ärzteteams auf den neuesten Stand gebracht. „Heute sind wir mit diesen OPs modern, in fünf Jahren ist das normal und Standard, in zehn Jahren veraltet“, kommentiert der Kaufmann den steten Fortschritt von Medizin und Technik. Wichtigster Punkt der Neugestaltung war daher, die beiden OP-Säle „zukunftsfähig zu machen“, betont Weiß.

Garant für diese „Zukunftsfähigkeit“ und Besonderheit ist denn auch, dass Chefarzt Nimsky sich seinen „Wunsch-OP“ mit den Ärzte- und Pflegeteams selbst gestalten konnte. Denn wer kennt die Arbeitsabläufe im OP besser als jene, die täglich Stunden darin verbringen. Ins Auge springt sofort das große Rund des mobilen Computertomografen (CT). Erstmalig steht dieser direkt im OP und nicht in einem Nebenraum. „Dadurch werden wir effizienter und flexibler“, erklärt Nimsky.

Die Arbeit ist "heiß"

Im OP sieht es aus wie in einem Science-Fiction-Film oder einer Fernsehserie a la „CSI“: Über dem OP-Tisch schweben zwei XXL-Flachbildschirme, an den Wänden noch größere Displays. Sie sind wie ein iPad über Fingertipp und Wischen und weitere Gesten zu steuern. So kann sich Nimsky in das aktuelle CT-Gehirnmodell des Patienten zoomen, die wichtigen Nervenbündel verorten und etwa ein gelb modelliertes Tumor-Areal inspizieren.

Wenngleich der OP eher typisch klinisch kalt anmutet, die Arbeit darin ist „heiß“. Nimsky ist spezialisiert auf Kopfoperationen in der Krebstherapie, in der Wirbelsäulenchirurgie (vom Hals- bis Lendenwirbel) und ­etwa Bewegungsstörungen wie Parkinson (gemeinsam mit den Neurologen). Zunächst müssen der Chef oder seine Oberärztin die Schädeldecke öffnen - mit kleinem Bohrer für eine Stimulationssonde gegen Parkinson oder mit grobem Werkzeug für den großen Zugang. Das geht noch relativ unblutig zu.

Dann arbeitet Nimsky am Gehirn. „Ich finde das absolut ästhetisch“, kommentiert Nimsky die Arbeit an den filigranen, regelmäßigen Strukturen des Gehirns, dessen Konsistenz er als Mischung von Quark (also etwas festeren) und Joghurt (also etwas weicheren) Strukturen beschreibt. Und dann kommt der „Kick“: Bei der Arbeit am Hirn, also dem Allerheiligsten eines Menschen, wo so viel schiefgehen kann und das Risiko extrem groß sein kann, da hat der Operateur einen Stress­pegel in etwa wie ein Formel-Eins-Fahrer oder ein Astronaut beim Raketenstart von der Erde - etwa wenn Neurochirurgen mit einem Clip ein zum Bersten neigendes Blutgefäß, ein Aneurysma, abklemmen.

Spezialmikroskop für die feinmechanische Arbeit

Um die Risiken zu minimieren und exakter zu arbeiten, gibt es die Technik im OP. CT, Ultra­schall und vorab Kernspin-­Resonanz-Aufnahmen (MRT). In Zukunft integrieren die Mediziner auch ein MRT in den OP, meint Weiß. An der Seite steht auf verschiebbaren Gelenkarmen eine Art Navigationsgerät für die OP: Ein Spezialmikroskop für die feinmechanische Arbeit im Gehirn, in dessen Bildebene der Computer noch Zusatzelemente, etwa farblich markierte Risikoareale, einblenden kann.

Das Risiko einer OP ist immer auch eine Abwägung zwischen Patient und Operateur, sagt Chefarzt Nimsky. Häufige OP ist beispielsweise das Entfernen eines Tumors im Gehirn. „Da kommt es auf die möglichst vollständige Entfernung des kranken Gewebes an“, meint Nimsky. Doch was, wenn das Sprachareal, das Sehen oder die Bewegungssteuerung direkt daneben liegen oder gar vom Tumor infiltiert sind?

Ein Konzertpianist würde dann mit dem Medizinern schon abwägen müssen, ob er den Tumor möglichst vollständig weg haben möchte und dann ein größeres Risiko an Bewegungsbeeinträchtigungen hat. Oder ob die Operateure einen größeren Sicherheitssaum um die Bewegungsareale legen sollen. Dann könnte der Pianist - in diesem Beispiel - seinen Beruf weiterhin gut ausüben, würde das aber eventuell mit einer kürzeren Lebenszeit bezahlen.

Der Umbau der beiden Neurochirurgie-OPs ist auch Pilotprojekt für die Generalsanierung des Zentral-OPs A. Dessen Gründung datiert noch auf das Jahr 1984. Danach wurde er immer wieder modernisiert. Die Muttergesellschaft der Uniklinik Marburg, die Rhön-Konzern AG, investiert für die Bauzeit von 2016 bis 2021 rund 25 Millionen Euro, erläutert Weiß.

von Martin Schäfer

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