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Im Gedenken an die totgeschlagene Little Angel

Elisabethpfad mit drei Bullterriern Im Gedenken an die totgeschlagene Little Angel

Das YouTube-Video zeigt, wie drei asiatische Polizisten einen weißen Bullterrier mit einer Schaufel erschlagen. Die Szene ging Axel Keil nicht aus dem Kopf. Er musste etwas unternehmen.

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Axel Keil mit seinen Bullterriern Lisa, Trixi und Atze.

Quelle: Axel Keil

Schwalmstadt. Little Angel rennt orientierungslos über den Bürgersteig. Er geht nicht auf die Polizisten los, die auf ihn eindreschen, sondern versucht ihren Schlägen auszuweichen - und gerät dann in eine tödliche Sackgasse. Am Ende des Videos schiebt einer der Polizisten den erschlagenen Hund mit einer Schaufel über den Gehweg, lädt ihn auf einen Pickup und fährt davon.

Die Szene ging Axel Keil aus Schwalmstadt nicht mehr aus dem Kopf. „Ich musste etwas tun. Aber es hat einige schlaflose Nächte gedauert, bis ich wusste, was”, erzählt Keil. Dann kam ihm die Idee: „Ich mache eine Wanderung für den Terrier.“ Einen Gedenkmarsch für Little Angel - so hat Keil den erschlagenen Bullterrier getauft, den er vor dem Video noch nie gesehen hatte. Und zu dem traurigen Anlass, fand er, passte der Elisabeth-Pilgerpfad perfekt. Allerdings wollte er ihn rückwärts gehen: Anstatt von Köln aus zur Grabeskirche der heiligen Elisabeth nach Marburg zu wandern, wollte Keil in Marburg starten, an seinem Heimatort Schwalmstadt vorbei wandern und am 19. Juli in Köln ankommen. Pünktlich zu einem weltweiten Gedenktag für getötete Listenhunde (siehe Kasten) wie Bullterrier-Hündin Little Angel.

Lisa hat bei einem Alkoholiker in einer Kiste gelebt

Auf der Veranstaltung ist Axel Keil auf die Bühne getreten und hat erzählt, was seine Freundin Daniela, er und seine „drei Helden“, die Bullterrier Lisa, Trixi und Atze in den letzten Tagen für Little Angel getan hatten. Er erzählte von den Schlossern, die den Wagen kostenlos schweißten, der unter der Last von Hunden und Gepäck gebrochen war. Von der Tierladen-Chefin, die ihnen zwei Leinen schenkte, weil ihnen die alten verloren gegangen waren. Von den vielen Menschen, die ihnen unterwegs Respekt gezollt hatten und „da haben auch ganz schön viele geklatscht“, erinnert sich Keil stolz. „Wenn man einen Bullterrier hat, sollte man gegen Erdbeben geimpft sein“, sagt Keil immer und meint damit, dass viele Menschen auf die als „Kampfhunde“ verschrienen Hunde ängstlich und abfällig reagieren. Für ihn ist „Lisa der schönste Hund auf der Welt”, sagt der 48-Jährige. Das Aussehen der Bullterrier fasziniert den gelernten Maler und Lackierer, der inzwischen davon lebt, anderen Bullterrier-Fans von der Bullterrier-Tasse bis hin zum Babystrampler Fanartikel zu verkaufen.

Dass Little Angel seiner Lisa so ähnlich sah, hat ihn besonders getroffen, als er das brutale Video im Netz sah. Lisa hat er vor elf Jahren aus dem Tierheim übernommen. „Die hat vorher ihr erstes Lebensjahr bei einem Alkoholiker in Ungarn in einer Holzkiste gelebt“, sagt Keil. Und es habe zwei Jahre gedauert, bis Lisa gesellschaftsfähig war. „Der Hund war doof. Die kannte keine Autos, konnte keine Treppen gehen - das musste ich ihr alles beibringen.“ Dass Lisa misshandelt worden war, war für Keil und Hundeexperten, die er zu Rate zog offensichtlich.

Inzwischen sind die beiden unzertrennlich und dazu sind mit Axel Keils Freundin noch die beiden Bullterrier Trixi und Atze gekommen.

Die Wanderung nach Köln dauerte fünf Tage. Sie haben 180 Kilometer bewältigt, von denen Keil die meiste Zeit den Wagen mit Hunden, Zelt, Kocher und Proviant vor sich her schob. „Ich bin ein altes Kamel - ich mache alles mit“, sagt er. Ganz ohne Spuren sind die Strapazen, aber vor allem das Bachwasser, dass er mit Brausetabletten versüßt getrunken hat, nicht an ihm vorbeigegangen: Einen Monat nach der Tour hat er immer noch mit den Parasiten zu tun, die er sich dabei eingefangen hat. Trotzdem: 2016 wollen Axel Keil und seine Freundin mit den Hunden nach Paris radeln. Und ab 2017 gibt es dann jedes Jahr eine Little-Angel-Gedenk-Tour: Mit einem Motorroller will Keil dann in die europäischen Hauptstädte fahren. Und wenn jemand mitfahren will: „Jeder ist herzlich willkommen. Das fänd‘ ich schön!“

Listenhunde

Listenhunde sind Hunde, deren Rassen von den Behörden als gefährlich eingestuft wurden. Bullterrier stehen auch in Marburg auf der Liste gefährlicher Hunde. Ihre Halter müssen unter anderem höhere Hundesteuern zahlen, ein Führungszeugnis vorlegen und ihren Hund einem Wesenstest unterziehen.

von Thomas Strothjohann

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