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Im Duell mit der Weltmeisterin

Kicker-Spielerin Im Duell mit der Weltmeisterin

Sie gehört zu den besten ihrer Sportart. Am Samstag durften Hobby-Kicker die Weltmeisterin herausfordern – und eine deftige Niederlage nach der anderen kassieren.

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Bastian Beliza (links) gelang am Samstag das erste Tor gegen die Tischfußball-Weltmeisterin Lilly Andres.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Es ist ein beliebter Zeitvertreib nicht nur in Kneipen: Tischfußball. 22 Holzmännchen, aufgereiht an Stangen, mit denen der kleine, weiße Ball ins Tor geschossen werden muss. Am Samstag im zweiten Stockwerk des Kaufhaus Ahrens war das aber nicht ganz so einfach. Denn die Gegnerin, die dort am Kicker-Tisch auf die Herausforderer wartete, war Lilly Andres, amtierende Mannschaftsweltmeisterin und Vize-Weltmeisterin im Einzel. Mehr als 50 Teilnehmer wollten es wissen und stellten sich gegen einen Einsatz von zwei Euro der 29-Jährigen.

Der sportliche Ehrgeiz überwiegt

Die Aussicht auf 250 Euro Prämie für sechs Tore und damit einen Sieg gegen die Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft stand dabei für die wenigsten im Vordergrund. „Man bekommt nicht oft die Gelegenheit, gegen eine Weltmeisterin anzutreten“, sagte Thorsten Beliza (39), der am Samstag das erste Spiel gegen Andres bestritt. Endergebnis 0:6. „Ich weiß nicht, ob sie alles gegeben hat. Aber sie ist sehr, sehr schnell.“
Besser machte es Belizas Sohn Bastian. Der 9-Jährige schaffte es zumindest, ein Tor zu erzielen. Aber beide befanden sich damit in guter Gesellschaft. Keinem der Herausforderer gelangen mehr als drei Treffer.
Es bleiben eben trotzdem zwei Welten. Das Kickern, das auch Krökeln (Hannover), Wuzzeln (Österreich), Töggelen (Schweiz), Hackersche (Süddeutschland) oder Knack (Saarland) genannt wird, abends in der Kneipe auf der einen und der organisierte Sport auf der anderen Seite (siehe Hintergrund).
Über das Image des Freizeitspiels in verrauchten Hinterzimmern in der Bar um die Ecke ist die Sportart aber (noch) nicht hinaus gekommen. „Ganz raus aus der Kneipe kommt der Sport nie, weil er dort geboren worden ist“, sagte
Andres.

Kickern als Einkommensquelle

Sie gehört zur Weltspitze der Sportart, obwohl die Wahl-Bayerin erst relativ spät mit dem Tischfußball begann: 2003, eher aus Langeweile. „Aber es hat mir Spaß gemacht und ich habe öfter gespielt. Ein Bekannter hat mich dann irgendwann zu den ersten Turnieren mitgenommen.“ Mit Erfolg. Schon nach kurzer Zeit sammelte die damalige Berlinerin erste Medaillen und Pokale ein. Bis der Tischfußball-Bundestrainer auf sie aufmerksam wurde und sie für die Nationalmannschaft nominierte. „Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.“

Mittlerweile ist die 29-Jährige Weltmeisterin und kann sogar vom Kickern leben. „Die Sportart befindet sich gerade an der Schwelle, wo so etwas geht. Die Prämien für Turniersiege reichen zwar nicht aus, aber mit Promotion und anderen Auftritten kann man seinen Lebensunterhalt verdienen“, sagte Andres.
In Fernsehsendungen, Video-Clips oder Werbefilmen tritt die Weltmeisterin auf und zeigt bei Promotion-Veranstaltungen wie am Samstag in Marburg ihr Können. Einen besonderen Trick kann Andres Hobbyspielern nicht mit auf den Weg geben. „Das werde ich oft gefragt. Aber das wichtigste ist einfach, dass man viel trainiert. Eine Zauberformel gibt es nicht.“ Sie selbst übt mehrere Stunden am Tag, um sich weiter zu verbessern. Um dann vielleicht in naher Zukunft auch den Weltmeistertitel im Einzel zu gewinnen – ein nächstes Ziel für die 29-Jährige.

von Andreas Arlt

Hintergrund: Anfang der sechziger Jahre gründeten Spieler in Deutschland die Tischfußball-Vereine. 1967 fand die erste Deutsche Meisterschaft im Tischfußball statt. Zwei Jahre später gründete sich der Deutsche Tischfußballbund (DTFB). Daneben existiert in Deutschland noch die „Players 4 Players Tischfußballvereinigung (P4P). Derzeit gehören dem DTFB 6500 Mitglieder in mehr als 300 Vereinen an. Um vom Deutschen Olympischen Sportbund als offizielle Sportart anerkannt zu werden, fehlen dem Verband unter anderem die geforderten 10 000 Mitglieder. Auch in Marburg gibt es einen erfolgreichen Tischfußball-Verein. 2008 gründeten sich offiziell die „Marburg Crocodiles “. Weitere Informationen unter www.marburgcrocodiles.de

Petra Andres , die jeder nur Lilly nennt, wurde in Mainz geboren und lebte lange in Berlin. Ihren  Beinamen „Long-shot“ erhielt sie durch ihre bevorzugte Haupttechnik. Die Höhepunkt der Karriere von Andres‘: Mehrfache deutsche Meisterin, Weltmeisterin im Frauen-Doppel (2010), mit der Mannschaft (2009 und 2012) und Vize-Weltmeisterin im Einzel. Die 29-Jährige versucht auch durch die von ihr gegründete Firma „Kivent“ das Kickern bekannter zu machen. Dazu ist sie ehrenamtlich auch für den Deutschen Tischfußballbund aktiv. Seit Anfang des Jahres wohnt Andres in der Oberpfalz.
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