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Im Anzug durch die Marburger Nacht

Madu aus dem Frazzkeller Im Anzug durch die Marburger Nacht

Model, Komparse, Musiker, Barmann - Marburger. Madueke Okegwo ist auf Marburgs Straßen bekannt wie ein bunter Hund.

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Madueke Okegwo ist Barmann in Frazzkeller und Delirium in der Marburger Oberstadt und eines der bekanntesten Gesichter der Nachtszene. Er ist Jahrgang 1964. also einer der „50 mit 50“.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Schwarze Socken, schwarze Schuhe, dazu ein dunkles Hemd und eine schwarze Hose. Madueke Okegwo, den alle nur „Madu“ nennen, räumt alles monoton in den Reisekoffer und schaut aus seinem Fenster in der Oberstadt. Seine Gedanken kreisen in der Vergangenheit und werfen Schlaglicher auf seine Kindheit. Er schließt den Koffer und fährt in seine alte Heimat.

„Es war ein Reflex, dass ich nur schwarze Sachen eingepackt habe“, sagt er. Auf dem Weg zum Elternhaus nach Havixbeck (Nordrhein-Westfalen) fallen ihm plötzlich die Worte seiner Mutter ein: bunt und fröhlich hat sie sich ihre eigene Beerdigung gewünscht - keine dunklen Kleider, in denen doch nur Trauer steckt. Also fragt Madu einen Freund, der ihm ein Ersatz-Outfit besorgt: dem Anlass entsprechend ist es ein Anzug. Ein komplett grüner Anzug. Von diesem Tag im Jahr 2007 an wird Madu nur noch Anzüge tragen. Die edel ausschauende Hose, die feine Weste und das Hemd werden zu seinem Markenzeichen.

Gefühlt jeder Zweite grüßt Madu

Wenn Madu in der „Bohne“ am Steinweg sitzt, mit der Kaffeetasse in der Hand, dann grüßt ihn gefühlt jeder Zweite, der die holprige Straße hinauf oder herunter schlendert. „Das Schicksal kommt nicht zu Dir nach Hause“, sagt Madu mit seiner rauchig tiefen Stimme. Damit sich was im Leben bewege, müsse man schon vor die Tür gehen. Seinem eigenen Rat folgend, trifft man ihn häufig vor seiner Tür. Madu hat bereits als Model für die Musik-Zeitschrift „Visions“ gearbeitet. Er war Komparse beim Hessischen Rundfunk sowie am Landestheater und spielt regelmäßig Gitarre in der Jazz-Kneipe Cavete. Wie ein 50-Jähriger fühlt Madu sich dabei nicht. Mit Erschrecken hat er zwar festgestellt, dass so mancher Trainer in der Fußball-Bundesliga jünger ist als er, aber wirklich Angst macht ihm das nicht. Jung hält ihn die Arbeit. Die Arbeit, dass ist der Frazzkeller. Und der Frazzkeller - das ist Madu. Jeder der die legendäre Kneipe in der Marburger Oberstadt mehr als einmal besucht hat, kennt den Mann mit den langen Rastahaaren hinter dem Tresen.

Nach Fahrradunfall war Schluss mit Handball

„Früher hatten die Kids mehr Zeit“, sagt Madu. Mit Kids meint er die Studenten, die zwar immer noch den größten Teil der Gäste ausmachen, aber seiner Ansicht nach, nicht mehr so frei sind, wir früher. Grund seien die Bachelor- und Masterstudiengänge. Auch Madu war einst Student. Erst Französisch und Spanisch, dann Russisch und Sport auf Lehramt. „Alles hat irgendwie seinen Sinn“, sagt der 50-Jährige im Rückblick. Dass er sich nun um das Wohl der Kneipengäste kümmert und eben nicht um Schüler in einer Klasse, ist für ihn nur konsequent. „Ich wäre irgendwann daran gescheitert“, sagt Madu. Nicht mangels Fachwissen oder Desinteresse, sondern aus seiner persönlichen Einstellung gegenüber dem Lehrer-Beruf. „Irgendwie geht es ja meistens doch nur um Sympathie und Antipathie und um Macht. Ich hatte Probleme mit den vorherrschenden Strukturen. Nach einiger Zeit wollte ich das dann nicht mehr“. Das Thema Sportlehrer hatte sich für Madu spätestens mit einem schweren Fahrradunfall Ende der 90er-Jahre erledigt.

Auf dem Weg zu seinem damaligen Aushilfsjob in der Marburger Sonnenblickklinik wurde er auf schneenasser Straße von einem Auto erfasst und über die Fahrbahn geschleudert. Bei der anschließenden Behandlung gab es Komplikationen, die erlittene Knieverletzung wurde chronisch - das Sportstudium war damit passé. Für den passionierten Handballer ein herber Rückschlag. Zu seinem Job im Frazzkeller kam er dann Anfang der 90er durch einen Bekannten. Ihm gefiel die Arbeit. Er blieb. Bis heute. Provokante Fragen danach, ob es denn sein Traum sei, „nur“ in einer Kneipe zu arbeiten, begegnet Madu mit Gelassenheit. „Ich mag es einfach, das Leben um mich herum zu spüren.“ Viel häufiger komme es jedoch vor, dass sich Zeitgenossen bei ihm über ihre Arbeit oder Lebensumstände beklagen. Madus lakonische Antwort: „Es hat euch doch keiner gezwungen so zu leben - jeder kann es sich doch selbst aussuchen.“

Hochzeit am Strand und unter Palmen

Madu fühlt sich wohl in Marburg. Er mag den „Charme“ der Stadt und den Faktor, genug Zeit zu haben, für die schönen Dinge des Lebens. Ganz weit oben steht dabei für ihn das Gitarrenspiel. Sein zwei Jahre älterer Bruder hat die Musik zum Beruf gemacht. Der Weg führte vom heimischen Wohnzimmer, das den beiden Brüdern in ihrer Jugend als Proberaum diente, über Berlin bis nach New York. Es gab eine Zeit in Madus Leben, in der er diesem Lebensentwurf nacheiferte. Doch es kam anders. Marburg wurde die große Konstante.

Im März hat er seine Freundin Julia auf Barbados geheiratet. Bei traumhaftem Wetter unter Palmen am Strand. Madu trägt bei der Trauung natürlich einen Anzug. Nur dieses Mal ist der feine Zwirn komplett weiß.

Hinter der Theke im Frazzkeller hat Madu den perfekten Beobachterposten auf das Nachtleben in Marburg. Ob er noch eine Geschichte auf Lager hat? „Eine? Es sind viel zu viele. Ich könnte ein ganzes Buch schreiben.“

von Dennis Siepmann

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