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Ihre Welt ist eine Scheibe

Dart Ihre Welt ist eine Scheibe

Party der Pfeilewerfer: Die Darts-WM beginnt morgen in London. Und wenn die Stars der Sportszene bejubelt werden, fiebert auch Mathias ­Steiner mit - der Marburger ist einer der besten Spieler Hessens.

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Mathias Steiner (links, 32) und Jost Stellmacher (49) spielen für den 1. DSC Marburg.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Mathias Steiner streicht über die silbernen Kerben, zwei Fingerspitzen umfassen die Mitte des Pfeils. Seine Augen visieren einen Punkt wenige Zentimeter über der roten Mitte des Brettes, über dem sogenannten Bullseye, an. Dort, in dem schmalen Feld der Nummer 20 sollen die nächsten drei Spitzen steckenbleiben.

180 Punkte, das Maximum, wären erreicht - und dann würde der bekannteste, beliebteste und lauteste Ruf der Dartssportszene erklingen: One hundred and eighty! So ist das im Alexandra Palace, im „Ally Pally“ in London, wo die Profisportler die Weltmeisterschaft ausgetragen. In Sams Pub in Ockershausen bleiben solche Emotionsausbrüche aus.

Und das nicht nur, weil 180er-Würfe, vor allem aber der sogenannte Neun-Darter - eine Serie von neun Pfeilen, die 501 Punkte erbringen - von Nicht-Profis wie den 23 aktiven Spielern des erfolgreichsten Marburger Vereins, dem 1. Marburger Dartsport Club, Rarität sind. „Das bleibt unkommentiert, weil jeder Spieler sich schließlich fokussieren will. Im Darts hängt viel von Konzentration ab“, sagt Steiner. Dem 32-Jährigen, auf Rang acht von 140 Turnier-Einzelspielern in Hessen, sind in sechs Jahren zwei Neun-Darter gelungen. „Zu Hause beim Training und hier im Pub beim Einwerfen. Hat alles nicht gezählt“, sagt er und lacht.

In der Küche von Nachbarn hat der gelernte Bankkaufmann das Hobby entdeckt. „Da hatte ich zum ersten Mal Pfeile in der Hand und mal so drauf los geworfen. Das hat sich dann irgendwie verselbstständigt.“ So weit, dass Steiner jetzt bester Dartsspieler Marburgs ist und wohl 2017 bei den Deutschen Meisterschaften antreten wird. Dreimal wöchentlich trainiert er - „man muss Bewegungen automatisieren, alle Abläufe ständig wiederholen, um dann über Gefühl den Pfeil zu präzisieren“ - dazu täglich einstündige Wurfeinlagen, während andere Fernsehserien schauen. „Das lenkt ab und entspannt.“

„Oktoberfest mit Pfeilen“ bleibt im Freizeitsport aus

Entspannung - trotz Dauerkopfrechnen. Denn Darts bedeutet auch Turbo-Mathematik, binnen Sekunden müssen die Ergebnisse summiert, die weitere Wurfstrategie klar sein. „Man muss beim Spiel die Birne klar haben, strategisch vorgehen, stets kalkulieren.“ Auch als jemand, der Mathe in der Schule nie mochte. Wobei es im Amateurbereich dahingehend erst dann schlimm werde, wenn man als Verlierer aus einer Partie gehe und die Wurfergebnisse im Folgematch protokollieren müsse. „Im Gegensatz zur Spielweise anderer kennt man seinen eigenen Matchplan ja, da automatisiert sich selbst das Rechnen irgendwann.“

Wenn am Donnerstag die WM losgeht, Phil Taylor, Gary Johnson und Co. den Titel anstreben, muss Steiner nicht rechnen, nur zuschauen. „Das bei den Profis ist schon große Show, Zirkus, Oktoberfest mit Pfeilen. Ein Riesenunterschied zu dem, wie wir die Wettbewerbe spielen. Das ist natürlich familiärer und auf einem unglaublichen Niveau.“

Wie Dutzende fing auch Steiner in der Marburger Freizeitliga an - ein Wettbewerb, der mittlerweile Dutzende Teams aus der Stadt und Region zählt. Nur ein Grund dafür, dass in den Wochen vor und nach der Weltmeisterschaft die Orte in der Universitätsstadt, an denen es Dartscheiben gibt, voll belegt, Reservierungen und Geduld nötig sind.

Steiner trieb aber die Ambition an, daher der Eintritt in den Verein. Sportlich war er schon immer, spielte jahrelang Tennis, Basketball, Tischtennis - „also eigentlich immer irgendwas mit Hand-Augen-Koordination, letztlich ja dem Kernelement des Darts“. Der Reiz liege für ihn darin „selbst etwas bringen zu müssen, um gute Ergebnisse erzielen zu können. Es gibt und gilt nur die eigene Leistung, keine Ausreden.“ Die Vergleichbarkeit gefällt ihm: Das Board ist für Steiner in Sams Pub genauso weit von der Wurfhand entfernt wie für Taylor im Ally Pally (2,37 Meter), es hängt genauso hoch wie für Johnson (1,73 Meter bis Bullseye), die Pfeile sind ähnlich beschaffen und schwer (circa 25 Gramm). Der größte Unterschied liegt in der Höhe des Average, also der Durchschnittspunktzahl pro Dreier-Wurfserie. Profis landen fast immer rund um 100, in unteren Amateurligen liegt der Wert bei 50, ein Average von über 70 ist Deutsches Bundesliganiveau. „Es ist ein simples Spiel, aber es ist sehr schwer, darin gut zu sein“, sagt Steiner.

Aber Top-Leistungen sind nicht sein Hauptantrieb, mit seinem Hobby Geld zu verdienen, schließt er aus.

Viel wichtiger ist die Vereinsatmosphäre, zu der 50 Mitglieder beitragen. „Das Schöne sind die bunt gemischten Gruppen, es gibt keine Altersklassen, keine Geschlechterunterschiede - hier kann der Vater mit seiner Frau und den Kinden in einem Team spielen, auch in Wettbewerben. Wo gibt es das schon?“ Er habe „das Glück gehabt, viele Menschen zu treffen, die ich ohne Darts nie kennengelernt hätte.“ Mittlerweile hat er Kontakt zu Dutzenden - auch, weil er eine Facebookseite und einen Youtube-Kanal hat, wo er sich Sportberichterstattung und Pfeile-Tests widmet und damit tausende Hobbypartner erreicht.

  • Die Darts-WM beginnt morgen in London, der Fernsehsender Sport1 überträgt live.

von Björn Wisker

Hintergrund

Marburg gilt für Darts, sowohl für die Variante Steeldarts als auch E-Dart (Pfeile werfen auf einen Automaten), als eine der Sporthochburgen Hessens. Neben Vereinen gibt es Teams und Spieler, die sich in einer Freizeitliga duellieren. Beliebte Treffpunkte sind Lokale wie „Sams Pub“ in Ockershausen oder „Bermuda“ in der Cappeler Straße.

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