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"Ich wollte meine Enkelin erleben"

Thema Darmkrebs "Ich wollte meine Enkelin erleben"

In Deutschland sterben jedes Jahr rund 27000 Menschen an Darmkrebs. Vorsorgeuntersuchungen minimieren das Risiko.

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Prof. Dr. Hans E. Junginger wurde am 10. Januar 1943 in Heidenheim geboren. In München hat er Pharmazie studiert, in Saarbrücken promoviert, in Braunschweig wurde er schließlich habilitiert. 1980 erhielt Junginger einen Ruf an die Universität Leiden, wo er bis 2004 blieb. Dann ging er in Rente, zog nach Marburg und lehrte ehrenamtlich weiter in Thailand.

Quelle: Thomas Strotjohann

Marburg. „Nach zehn Tagen ohne Stuhlgang, ging ich in Chiang Mai ins Krankenhaus“, erzählt Hans Junginger. Der Professor der Pharmazie war damals 66 Jahre alt und lehrte in Thailand an einer Hochschule im ländlichen Phitsanulok. „Ich war gesund, habe mich bewegt und nicht geraucht – mir ging es gut“, sagt der heute 70-Jährige. Aber der Grund für den Darmverschluss war ein Tumor, der in seinem Enddarm gewachsen war. Junginger wurde sofort operiert.

Ein zwei Jahre langer Kampf

Der thailändische Chirurg stellte fest, dass der Tumor nach innen gewachsen war, zumindest die umliegenden Lymphknoten nicht befallen waren. Als Junginger nach zwei Wochen den Rückflug antreten durfte, dachte er, alles sei überstanden. Er hatte keine Ahnung, dass zwei Jahre Kampf gegen den Krebs auf ihn warteten.

Der erste Rückschlag war eine Ein-Liter-Zyste in seinem Bauch. Durch den Darmverschluss in Thailand war der Darm so stark aufgequollen, dass Bakterien durch die Darmwand in den Bauchraum gelangt waren. Es dauerte acht Wochen, bis Jungingers Immunsystem und die Antibiotika gegen die Entzündungen ankamen. „Wir hatten dich schon aufgegeben“, sollen Bekannte ihm später verraten haben. Doch „eines schönen Tages hatte ich wieder Appetit – ich konnte essen und essen“, erinnert er sich.

Vorsorgeuntersuchung ist wichtig

Darmkrebs ist die einzige Krebserkrankung, die sich durch Vorsorgemaßnahmen beinahe hundertprozentig verhindern lässt. Vorsorgemaßnahmen, die in den Niederlanden, wo Junginger den Großteil seiner Karriere verbracht hat, damals nicht empfohlen wurden. Bei einer Darmspiegelung, zu der in Deutschland die Krankenkassen raten (s. Interview mit Dr. Hoffmann), wäre der Tumor oder seine Vorstufen erkannt worden. Man hätte ihn nicht nur schonender entfernen können. Man hätte auch verhindert, was nun auf Junginger zu kam. Schon bei der Entfernung des Krebses in Thailand musste Junginger ein künstlicher Darmausgang angelegt werden, der auch heute nicht mehr zurück verlegt werden kann. In seiner Lunge hatten sich Metastasen gebildet. Vier erbsengroße Krebsgeschwüre im rechten, drei im linken Lungenflügel, die trotz heftiger Chemotherapie nicht kleiner wurden. So musste Junginger noch zwei weitere Thorax Operationen in Wiesbaden durchstehen, bei denen er rund 40 Prozent seiner Lunge verlor.

Junginger setzt sich für Projekt "Lichtblick" ein

Junginger spricht sehr offen über seine Krankheit. Er will, darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Vorsorgeuntersuchungen sind. Und er will Menschen helfen, die wie er, gegen den Krebs kämpfen. Im Projekt „Lichtblick“ des Marburger Vereins „Leben mit Krebs e.V.“ begleitet er Menschen, die eine Chemotherapie durchstehen müssen. „Das Schlimmste, was man machen kann“, sagt er, „ist sich hängen zu lassen.“ Man müsse ein Ziel vor Augen haben. „Ich wollte meine Enkelin noch erleben und wieder so gesund werden, dass ich als Opa für sie da sein kann.“

  • Am 20. März, 19 Uhr lädt das Deutsche Grüne Kreuz zu einer Informationsveranstaltung über Darmkrebs ins Marburger Rathaus. Am 21. März, 18 Uhr ins Haus des Gastes Gladenbach. www.marburg-gegen-darmkrebs.de

von Thomas Strothjohann

Dr. Hoffmann, Leiter des Marburger Darmzentrums, über Darmkrebs-Vorsorge

OP: Herr Dr. Hoffmann, gibt es Umstände, die das Risiko erhöhen, an Darmkrebs zu erkranken?
Hoffmann: Die gibt es. Wenn mehrere Familienmitglieder Darmkrebs hatten, ist das Risiko deutlich größer. Das fragen wir im Patientengespräch ab. Oft tritt Darmkrebs auch in Verbindung mit anderen Krebsarten wie Krebs der weiblichen Geschlechtsorgane oder der Niere auf. Deshalb sind auch andere Krebserkrankungen in der Familie Indizien. Genmutationen können im Zusammenhang mit Darmkrebs vorliegen, die wir in Blut- und Stuhlproben nachweisen können. Entzündliche Darmerkrankungen (z.B. Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn), Ernährungsgewohnheiten und das Rauchen können das Darmkrebsrisiko erhöhen.

OP: Wie merkt der Patient, dass er Darmkrebs hat?
Hoffmann: Die klassischen Warnsignale sind Blut im Stuhl und Stuhlunregelmäßigkeiten, also Durchfall oder Verstopfung. Das sollte, wenn es länger besteht, Grund sein, den Arzt aufzusuchen. In solchen Fällen werden häufig Hämorrhoiden diagnostiziert, obwohl auch Darmkrebs dafür verantwortlich sein könnte.

OP: Welche Vorsorgeuntersuchungen empfehlen Sie und ab welchem Alter?
Hoffmann : Eine übliche Untersuchung ist die Untersuchung mit dem Finger und der Stuhltest. Der ist aber leider noch nicht genau genug. Ab 55 Jahren empfehlen wir eine Darmspiegelung, die auch ohne familiär bedingtes Darmkrebs-Risiko von den Krankenkassen übernommen wird. In diesem Alter steigt das Risiko nämlich deutlich. Die Darmspiegelung ist nicht nur Vorsorgeuntersuchung, sondern unter Umständen auch Therapie. Darmkrebs entsteht häufig aus Geschwülsten im Darm. Diese so genannten Polypen sind oft gutartig, können aber die Vorstufe von Krebs sein. Bei der Darmspiegelung kann der Arzt die Polypen in vielen Fällen gleich abtragen. Wenn sie zu groß sind, ist eine Operation nötig. Ein Polyp verwandelt sich nicht von heute auf morgen in einen Tumor. In  der Regel sind die Polypen schon lange da - ab 55 Jahren immer mehr.

OP: Welche Therapie hat sich bewährt und wie sind die Heilungschancen?
Hoffmann: Das Beste ist, wenn Darmkrebs gar nicht erst entsteht und Vorstufen während der Spiegelung entfernt werden. Wenn Darmkrebs nicht früh genug erkannt wird, muss ich als Chirurg tätig werden und die Tumorerkrankung operativ behandeln. Wir haben unsere Strategien in den letzten Jahren deutlich verbessert. Dies betrifft die Operation, aber auch die Zusammenarbeit von Chirurgen, Internisten, Strahlentherapeuten und Onkologen wie beispielsweise im Marburger Darmkrebszentrum. Bei fortgeschrittenerem Enddarmkrebs beispielsweise, wird der Tumor vor der Operation mit Chemo- und Strahlentherapie angegangen. Nach der Operation folgt eine weitere Chemotherapie. Dadurch ist das Risiko gesunken, dass der Krebs sich ausbreitet oder zurückkehrt. Und selbst, wenn schon Leber oder andere Organe befallen sind kann man häufig noch helfen und manchmal sogar noch Heilung erreichen.

Interview Thomas Strothjohann

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