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„Ich will nur mein altes Leben zurück“

Freispruch im Missbrauchs-Prozess „Ich will nur mein altes Leben zurück“

Das Gericht sah die Vorwürfe nicht als erwiesen an und bezweifelte den Gehalt der Zeugenaussagen. Für die zwei noch verbleibenden Anklagepunkte muss sich der 29-Jährige demnächst verantworten.

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Vor dem Landgericht ist der Angeklagte im Missbrauchsprozess in zwei von vier Anklagepunkten freigesprochen worden.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, seit 2009 mehrere Minderjährige sexuell genötigt, bedrängt und missbraucht zu haben. Aufgrund von Zweifeln ob der Zeugenaussage eines der mutmaßlichen Opfer wurden die aktuellen zwei Fälle vom übrigen Prozess abgespalten.

Das Ganze nahm seinen Anfang nach der Trennung des Angeklagten von seiner Ehefrau 2012 und einem langfristigen Streit um ein Umgangsrecht mit dem gemeinsamen Kind, fasste Verteidigerin Katja Huster am Donnerstag ein äußerst „merkwürdiges Verfahren“ zusammen. Vor diesem Hintergrund erhob die Mutter erste Anschuldigungen gegen den Vater, der seinen Sohn missbraucht haben soll. Dem folgten nach und nach weitere Vorwürfe mehrerer junger Männer, die von mehrfachen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigung berichteten.

Staatsanwältin: Vorwürfe „umfassend bestätigt“

Diese hätten jedoch weiterhin Kontakt zu dem damaligen Paar gehalten, regelmäßig mit dem Angeklagten auf der Couch übernachtet – „ein Widerspruch in sich“, stellte Huster fest.

Daneben gebe es Ungereimtheiten und Widersprüche innerhalb der polizeilichen wie der gerichtlichen Vernehmung der angeblichen Opfer. Alle vier Zeugen seien jung, wiesen noch keine hohe geistige Reife auf und seien sich dem Ernst der Lage und möglichen Folgen ihrer Aussagen nicht bewusst, vermutete die Verteidigerin unwahre Angaben der jungen Männer. Diese seien möglicherweise von der Ex-Frau des Angeklagten beeinflusst worden. Ihr Mandant bestreitet die Vorwürfe, blieb stets bei seiner Aussage, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen – „und wir können nichts anderes beweisen“, schloss Huster und beantragte einen Freispruch für den Angeklagten. „Ich habe wirklich nichts gemacht und will nur mein altes Leben zurück“, wiederholte der Beschuldigte.

Die Staatsanwaltschaft betrachtete die Vorwürfe dagegen als „umfassend bestätigt“, hatte Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier bereits zuvor mitgeteilt. Die Anklage forderte eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten, ohne Bewährung.

Strafkammer folgt der Verteidigung

Die Kammer folgte der Verteidigung und sprach den Angeklagten von beiden Fällen frei. Das undurchschaubare Verfahren sei „alles andere als einfach“, die beteiligten Personen „schwer zu greifen“, erklärte der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf die Zweifel des Gerichts. In dieser Geschichte gebe es „viele Verletzlichkeiten“ auf Seiten der Ex-Frau, auch könne man nicht ausschließen, dass diese sich mit den Zeugen quasi verbrüderte und falsche Vorwürfe erhob. Alle zutage gekommenen Umstände könne man „so oder so auslegen – aufklären lassen sie sich nicht“, stellte der Richter klar. Damit kann die Schuld des Angeklagten nicht eindeutig festgestellt werden.

Sobald das gerichtlich angeforderte aussagepsychologische Gutachten des dritten Zeugen vorliegt, muss sich der Mann erneut den beiden verbleibenden Missbrauchsvorwürfen stellen.

von Ina Tannert

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