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„Ich will, dass wir das schaffen“

Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe „Ich will, dass wir das schaffen“

Was treibt die Menschen an, sich in ihrer Freizeit für Flüchtlinge einzusetzen? Die OP hat mit drei ehrenamtlichen Helfern aus Marburg und dem Landkreis gesprochen.

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Benedikt Terrahe zeigt zwei syrischen Flüchtlingen die neuen, komplett aus Spenden finanzierten Unterrichtsmaterialien für den Deutschkurs. Anneliese Westmeier (links unten) koordiniert die Arbeitsgruppen der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe in Dautphetal, und Josephine Lenk bastelt mit zwei Jungen (rechts unten), deren Eltern gerade in einem Sprachkurs sind, Figuren aus farbigem Papier.

Quelle: Frank Rademacher

Marburg. „Wir schaffen das!“ Drei Worte, für die Bundeskanzlerin Angela Merkel zunächst spontanen Beifall bekommen hat und in der Folge auch viel verbale Prügel, vor allem aus den eigenen Reihen, einstecken musste. Dabei hat die Kanzlerin – bewusst oder unbewusst – ziemlich genau den Kern der Motivation getroffen, die viele ehrenamtliche Kräfte, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, bewegt.

Benedikt Terrahe gehört zu ihnen. Der Deutschlehrer an der Wollenbergschule in Wetter lässt gar keinen Zweifel daran aufkommen, warum er seinen freien Tag seit September in der Anlaufstelle der Erstaufnahmeeinrichtung in Cappel verbringt: „Ich will, dass wir das schaffen.“ Ganz ähnlich äußert sich Josephine Lenk, die wie Terrahe in der Anlaufstelle hilft, zunächst beim Kleidersortieren eingebunden war und sich nun in der Kinderbetreuung engagiert: „Ich möchte, dass es gut läuft und funktionieren kann“, erklärt sie.

„Das ist für mich auch eine Pflicht“, ergänzt Terrahe, das klinge zwar etwas pathetisch, er empfinde es aber so. John F. Kennedys berühmter Satz „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern was Du für Dein Land tun kannst“, fordert eine ganz praktische patriotische Einstellung, die viele ehrenamtliche Helfer leben. Der Bedarf sei ja da, findet auch Josephine Lenk und deshalb sei es ganz selbstverständlich, den Menschen, die jetzt in einer schwierigen Situation seien, zu helfen.

Vor mehr als zehn Jahren hatte sich Anneliese Westmeier zur Engagementlotsin in der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf ausbilden lassen. Die Zahnärztin aus Buchenau hat sich schon immer ehrenamtlich engagiert, so dass es für sie nur logisch war, ihre Hilfe anzubieten. Die 68-Jährige stellt ihr Organisationstalent zur Verfügung und hilft, die Arbeit der verschiedenen Arbeitsgruppen in der Dautphetaler Flüchtlingshilfe zu koordinieren. „So richtig los wird es erst gehen, wenn die Flüchtlinge, die schon vor Weihnachten kommen sollten, dann auch ankommen“, umschreibt sie die freudige Erwartung vieler Helfer im Hinterland. Westmeier hat vor Jahren mitgeholfen, das Schüler-Projekt „Freiwillig aktiv in Dautphetal“ anzustoßen und erst vor wenigen Wochen mit anderen einen Bildband über die Konfirmanden in Buchenau von 1900 bis 2015 fertiggestellt. „Und dann kamen die Flüchtlinge“, erzählt die Zahnärztin und scheint froh zu sein, hier gleich ein neues Betätigungsfeld gefunden zu haben.

Auch Josephine Lenk sieht in der Flüchtlingshilfe kein besonderes Engagement: „Das ist wie jede andere ehrenamtliche Tätigkeit auch“, macht sie keinen Unterschied etwa zur Arbeit in den Vereinen. Mitzumachen sei auch „überhaupt nicht schwierig“, man könne „einfach mal dazukommen und sehen, wo man hinpasst“, wirbt sie für eine sehr unkomplizierte Herangehensweise. Sie schränkt allerdings ein, auch schon den Frust erlebt zu haben, dass die eigene Hilfe nicht die Bedürftigen erreicht.

In Sachen Information und Koordination sieht die Mitarbeiterin des Leader-Regionalmanagements deshalb noch Verbesserungsmöglichkeiten. Das betreffe auch die Anbindung an die Arbeit der hauptamtlichen Kräfte, die so noch effektiver unterstützt werden könne. Mehr Fort- und Weiterbildungen für die Ehrenamtlichen hält auch Benedikt Terrahe für sinnvoll. „Erste Worte“ heißen die Sprachkurse, in die sich der Deutschlehrer einbringt. „Man muss sich immer wieder auf den jeweiligen Bedarf einstellen“, beschreibt er eine Grundvoraussetzung für sein Engagement. Da sei sehr viel spontanes Arbeiten verlangt, schließlich habe man es im Zweifel mit 25 unterschiedlichen Lernniveaus zu tun. Die Sprache aber sei das Wichtigste für die Integration der Flüchtlinge, betont Terrahe und kann sich sicher sein, das Richtige zu tun.

Motivation der Flüchtlinge sehr hoch

Dass Terrahe und Lenk wie die vielen anderen Helfer gerne die Aufgaben übernehmen, hängt zudem sehr stark mit der Motivation der Flüchtlinge zusammen. Die sei sehr hoch, berichtet der Deutschlehrer. „Die freuen sich sehr, dass sich jemand um sie kümmert, und die helfen sich gegenseitig“, erklärt Terrahe. Das durchweg positive Feedback von den Kindern verspürt auch Josephine Lenk. „Alle sind sehr freundlich und die Stimmung ist gut“, beschreibt sie die Atmosphäre in der Anlaufstelle.

Und die hat so gar nichts mit dem zu tun, was etwa Pegida und andere fremdenfeindlichen Gruppierungen propagieren. „Den Nörglern den Wind aus den Segeln nehmen“, lässt sich mit Benedikt Terrahes Worten denn auch eine zusätzliche Motivation der ehrenamtlichen Helfer umschreiben. „Die, die dagegen sind, schreien ja immer am lautesten“, ergänzt Josephine Lenk – das wolle sie aber so nicht stehen lassen. „Dieses Land ist so reich, da gibt es keine Ausreden“, findet sie klare Worte.

„Die  Begegnung mit den Menschen ist etwas Wichtiges und Wunderbares“, sagt Benedikt Terrahe und deutet damit an, dass er und die vielen anderen Flüchtlingshelfer sehr viel für sich aus ihrem Engagement ziehen, viel zurückbekommen von dem, was sie geben.

Text, Fotos:  Frank Rademacher

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