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"Ich weiß nicht, warum das passiert ist"

Berufunsprozess "Ich weiß nicht, warum das passiert ist"

Tag zwei im Berufungsverfahren gegen eine mehrjährige Haftstrafe. Der Angeklagte und das Opfer beschuldigen sich gegenseitig. Eine geladene Zeugin taucht nicht auf.

Marburg. Das Urteil des Jugendschöffengerichts lautete bereits vergangenes Jahr zwei Jahre und zehn Monate Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung. Dagegen legte der Angeklagte aus Stadtallendorf Berufung beim Marburger Landgericht ein. Er habe aus Notwehr gehandelt und mit dem Messer zugestochen, um sich selbst gegen den unbewaffneten Freund zu schützen(die OP berichtete).

Nun sagte das Opfer der Messerstecherei aus, das vor Gericht als Nebenkläger auftritt. Der ebenfalls 21-Jährige beobachtete den Streit zwischen der Ex-Freundin und dem Angeklagten, versuchte anfangs noch zu schlichten. Er konnte bestätigen, dass die Frau den anderen Mann beleidigte und gegen dessen Auto trat, nicht jedoch, dass sie ihn wiederholt geschlagen oder getreten habe. Dies hatte der Angeklagte angegeben.

Während des Streits zog dessen Freund sich zu dem parkenden Auto zurück, sah von dort aus jedoch, wie der Beschuldigte nach der Frau trat. Er ging zurück, um die Situation zu entschärfen. Der Angeklagte hatte die Zeugin mittlerweile an den Haaren gepackt und hielt ihr das Springmesser an die Kehle.

Zeuge hatte Angst um die Ex-Freundin

Die Waffe hatte er laut Nebenkläger bereits vorher gezogen und immer wieder damit „herumgefuchtelt“. Dies bestritt der Angeklagte, er habe ihr das Messer nicht an den Hals gehalten, es nur gezogen, um sie davon abzuhalten, ihn anzugreifen. Der Zeuge forderte seinen Bekannten mehrfach auf, die Frau in Ruhe zu lassen und die Waffe weg zu stecken. „Ich hatte Angst um sie“, sagte er. Daher versetzte er dem Angreifer schließlich eine Ohrfeige, damit der „wieder klar werde“. Dieser ließ die Frau los und attackierte umgehend den Freund mit der Waffe. Aus Notwehr, gab der Beschuldigte an.

Es kam zu einer Rangelei zwischen den beiden jungen Männern. Dabei stach der Angeklagte dem Geschädigten mindestens fünfmal in den Brustkorb. Die schwerste Verletzung fügte er ihm mit einem Stich in die Lunge zu, die kurze Zeit später kollabierte.

Der Zeuge gab zu, dass er den Freund vor der Attacke zu Boden gestoßen, ihn aber nicht nachhaltig angegriffen habe. Einen Grund für die massive Messerattacke konnte er sich nicht erklären. Nachdem das Opfer zunehmend mehr Blut verloren und sich sein Sehvermögen verschlechtert hatte, zog er sich von seinem Angreifer zurück und setzte sich in dessen Wagen. Auf der Fahrt zum Krankenhaus versprach er, ihn nicht zu verraten, fragte den Freund, ob dieser ihn hatte umbringen wollen. Er solle nicht solche Fragen stellen, war die kurze Antwort.

Beide Männer sind seit Jahren befreundet

Der Geschädigte vermutet, dass der Täter den Ernst der Lage zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt hatte. Alkohol sei nicht im Spiel gewesen, gaben beide Männer an.

Ob der Angeklagte Drogen konsumiert habe, konnte der Zeuge nicht sagen. Er selbst stand nicht unter der Wirkung von Rauschmitteln, betonte er. Eben dies hatte der Angeklagte am ersten Verhandlungstag vermutet.

Beide Männer zeigten sich verwundert, dass der jeweils andere angegriffen habe. Sie sind seit Jahren befreundet und hatten nie Probleme. „Ich weiß nicht, warum das passiert ist“, sagte der Nebenkläger.

Auch am zweiten Verhandlungstermin konnte der Berufungsfall nicht abgeschlossen werden. Die junge Frau erschien, trotz erneuter Ladung,als Zeugin nicht vor Gericht und war auch Stunden später noch unauffindbar. Die Verhandlung wurde erneut vertagt.

von Ina Tannert

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