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"Ich war eine einsame Säuferin"

Anonyme Alkoholiker "Ich war eine einsame Säuferin"

Ihre Welt drehte sich nur noch um Hochprozentiges. Wie beschaffe ich mir schnell wieder Stoff? Wie falle ich nicht auf? All diese Fragen ließen sie nicht mehr los.

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Der Anfang vom Ende für Alkoholiker: geleerte Schnapsflaschen auf kaltem Asphalt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Jahrelang litten Peter S., Jörg B. und Ina R. (Namen von der Redaktion geändert) unter Alkoholismus. Sie kennen sich durch die Anonymen Alkoholiker (AA) Marburg, einer Selbsthilfegruppe. Heute sind die drei „AA-Freunde“, wie sie sich selbst nennen, trocken. Ina R. ist 59 Jahre alt. Mit 37 Jahren hat sie ihr erstes Bier getrunken. Als sie 45 Jahre alt war, merkte sie, dass sie abhängig ist. Seit zwei Jahren ist sie nun trockene Alkoholikerin: „Das erste Bier war gegen Angst und Einsamkeit“, erinnert sich Ina R. Vor 25 Jahren hat sie zusammen mit ihrer Tochter ihre Heimat Polen verlassen, um nach Deutschland zu kommen: „Der Vater meiner Tochter war Alkoholiker und aggressiv.“

Ina R. kam nach Deutschland in der Hoffnung auf einen Neuanfang. Doch so einfach klappte es leider nicht: „Ich war in Polen Lehrerin an einem Gymnasium, hier in Deutschland musste ich dann als Putzfrau arbeiten“, so Ina R. Sie habe sich schlicht „sozialamputiert“ gefühlt: „Ich bin abgestiegen und war in Deutschland einfach sehr, sehr einsam“, erzählt die 59-Jährige.

Von Panikattacken und Depressionen geplagt, griff Ina R. immer häufiger zur Flasche: „Ich war eine einsame Säuferin. Alkohol war meine Medizin und mein einziger Freund.“ Oft habe sie sich auf Friedhofsbänke zurückgezogen: „Dort habe ich dann getrunken und geheult. Ich war ein kleiner Haufen Elend“, sagt die trockene Alkoholikerin. Wenn sie Alkohol getrunken hatte, habe sich ihr Wesen stark verändert: „Ich bin eigentliche eine selbstbewusste und patente Frau.“

Mit 45 Jahren suchte sich Ina R. schließlich professionelle Hilfe. Selbstmordgedanken und zunehmender Selbsthass hätten sie dazu gebracht. Peter S. ist heute Rentner. Schon mit 14 Jahren hat er angefangen, Alkohol zu trinken. Er merkte, dass Alkohol ihm seine Hemmungen nimmt: „Ich habe mich getraut Mädchen anzusprechen“, berichtet Peter S. Auch habe er schnell festgestellt, dass er mehr trank als seine Altersgenossen: „Beim Bund musste man mir das Saufen nicht mehr beibringen.“

Regelmäßige Meetings

Als Peter S. 28 Jahre alt war, konnte er sein Alkohol-Problem nicht mehr leugnen: „Ich fing an zu zittern.“ Bis zu seinem 33. Lebensjahr trank er jedoch weiter: „Dann musste ich etwas ändern.“ Noch heute kann er sich gut an sein erstes AA-Treffen erinnern: „Die waren alle fröhlich, entspannt und zufrieden. Damit hatten sie alles, was ich nicht hatte“, so Peter S. Seit mehr als zwei Jahrzehnten hat er nun keinen Schluck Alkohol mehr getrunken.

Jörg B., 45 Jahre alt, hat ähnlich wie Peter S. früh angefangen, Alkohol zu konsumieren: „Ich komme aus der Landwirtschaft. Da hieß es immer ‚Wer arbeitet, kann auch trinken‘.“ Dieses Credo galt so lange, wie Jörg B. Leistungen erbrachte: „Solange ich meine Arbeit gemacht habe, wurde weggeschaut.“ Eine halbe Flasche Schnaps hat er in seinen Hochzeiten getrunken, bevor er zur Arbeit ging: „Erst dann habe ich wie ein normaler Mensch funktioniert.“ Ein Onkel hat Jörg B. schließlich dazu bewegt, sich Hilfe zu suchen. Nach einem Rückfall ist der 45-Jährige mittlerweile seit vier Jahren trocken: „Ich kann endlich wieder mein Leben in die Hand nehmen.“

Die AA-Gruppe in Marburg zählt etwa 30 bis 40 Mitglieder, die regelmäßig zu den sogenannten „Meetings“ kommen, sagt Peter S.: „Da wir keine Mitgliederlisten führen, kann man das nicht genau sagen.“ Zweimal pro Woche treffen sich die Anonymen Alkoholiker Marburg im evangelischen Gemeindehaus der Uni-Kirche in der Georg-Voigt-Straße. Mitglied bei AA zu werden, setzt nur voraus, dass der Wunsch besteht, mit dem Trinken aufzuhören. Diesen Wunsch hatten auch die drei „AA-Freunde“.

Mit Hilfe von Therapien, Ärzten und der Selbsthilfegruppe ist es ihnen gelungen, dem Alkohol zu entsagen. Obwohl Peter S., Jörg B. und Ina R. mittlerweile trocken sind, hat die Krankheit ihre Spuren hinterlassen. Da es sich um eine chronische Krankheit handelt, die nicht heilbar ist, müssen sie auch jetzt noch verstärkt auf sich achten: „Wir nehmen unsere Erkrankung ernst. Essen oder Medikamente mit Alkohol sind absolut tabu“, so Peter S.. Um weiterhin trocken zu bleiben, nehmen Ina R., Peter S. und Jörg B. regelmäßig an den Treffen ihrer AA-Gruppe teil. Die Anonymen Alkoholiker hoffen vor allem darauf, dass die Gesellschaft die Krankheit Alkoholismus ernst nimmt: „Es ist eine Krankheit wie jede andere.Es kann jeden treffen, von der Putzfrau bis hin zur Ärztin“, betont Ina R.

von Annika Sikorra

Offenes Treffen:

Diesen Mittwoch, 1. Oktober, findet von 14.30 bis 18.30 Uhr ein öffentliches Informations-Treffen der Anonymen Alkoholiker Marburg statt. Im Hörsaal der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Rudolf-Bultmann-Straße 8, halten Fachärzte, Alkoholiker und Angehörige Vorträge.

Anlass ist das 35-jährige Bestehen der AA-Gruppe Marburg. Ein öffentliches Treffen findet alle fünf Jahre statt.

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