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Ich trenn mich, ich trenn mich nicht …

Adventsserie Ich trenn mich, ich trenn mich nicht …

Weihnachten. Fest der Liebe. Was aber, wenn die Liebe irgendwann zwischen Alltagsfrust und Anspruchdenken abhanden gekommen ist? Wir wagen den Blick hinter die Tür der Paarberatungsstelle von Pro Familia.

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Um eine Beziehung kämpfen oder sich trennen? Was viele nicht wissen: Pro Familia Marburg bietet auch Paarberatung an.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Die schwangere Königin trägt ihren dicken Bauch voller Stolz. Ihr Blick geht stur geradeaus. Verharrt auf einer Taschentuch-Box. Sie hat schon viele Menschen zur Box greifen, sich schnäuzen sehen. Die bunte Königinnen-Statue hätte sich einen einfacheren Stellplatz aussuchen können. Hat sie aber nicht. Dick und stolz steht sie im Zimmer. In dem Raum, in dem geweint und gelacht, geflucht, geschimpft und geschwiegen wird. Es ist das Büro von Pro-Familia-Mitarbeiterin Dörte Frank-Boegner. Die Paar- und Sexualberaterin hilft Menschen, die an ihrer Beziehung arbeiten, sie retten oder beenden wollen. „Ich urteile nicht, ich versuche nur, eine Entscheidungshilfe zu geben“, macht Dörte Frank-Boenger deutlich. Zu ihr kommen Paare, die erst wenige Monate zusammen sind. Paare, die außer dem Traum von einer großen, gemeinsamen Zukunft nichts teilen. Und solche, die schon zehn, zwanzig, dreißig Jahre gemeinsam durchs Leben gehen. Kinder und gemeinsamen Besitz haben, auf eine bewegte Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft blicken. „Viele, die hier hinkommen, sind orientierungslos“, erklärt die Beraterin. Und genau diese Orientierung will sie in Einzel- oder Paargesprächen wieder geben.

Sie trifft keine Entscheidung, sie verspricht nicht, mit ein paar warmen Worten eine gescheiterte Beziehung wieder zu kitten. „Wenn einer sagt, dass er sich trennen will, dann ist in der Regel nichts mehr zu machen“ - die Wahrheit kann eben unbequem sein. Eine Trennung auch. Trauer um eine Beziehung sei für viele zu einer unerwünschten Begleiterscheinung geworden. „Dabei kann man auch noch nach Jahren in ein Loch fallen“, weiß die Beraterin. Immerhin ist mit der Beziehung auch ein Lebensplan zerbrochen. Statt gemeinsam alt zu werden, muss nun das Leben allein bestritten werden.

Fünf Phasen der Trennung

Dörte Frank-Boegner versucht die Paare an einen Tisch zu holen. Versucht zu helfen, die Gedanken, Wünsche und Zweifel zu ordnen und längst überfällige Gespräche anzuregen. „Manch einer kommt in letzter Minute und verlangt, dass ich eine Ehe rette, in der eigentlich nichts mehr zu retten ist“, erzählt die Paarberaterin.

Aber jedes Festhalten an einer Beziehung bedeutet Arbeit, Reibungsverlust, Kompromiss. Nichts für Feiglinge.

Ist die Trennung also die einfachere Lösung? Dörte Frank-Boegner überlegt kurz. Sie selbst ist seit mehr als 25 Jahren verheiratet. Kennt die Höhen und Tiefen einer Beziehung. Nein, eine Pauschal-Antwort will sie nicht geben. Sie kann nur dabei helfen, herauszufinden, ob sich der Kampf um den Partner, um das gemeinsame Leben, lohnt.

Kommt es trotz aller Rettungsversuche zu einer Trennung, bietet Pro Familia Begleitungsgespräche an. Einzeln, paarweise oder auch in einer Gruppe. Dörte Frank-Boegner unterscheidet fünf verschiedene Phasen, die ein jeder durchläuft.

  • Phase eins: Nicht wahrhaben wollen. „Das kann über Jahre gehen. Meist merkt man schon frühzeitig, dass etwas nicht stimmt. Viele vermeiden es aber, genau das offen anzusprechen.“
  • Phase zwei: Wut und Trotz. „Das ist die Phase, in der die meisten nicht gut miteinander reden können. Es geht um Kränkung, um Wut, um verletzten Stolz. Für Gespräche, die eine Beziehung hätten retten können, ist es zu spät. Eine Entscheidung ist getroffen. Schmerz und Schock sitzen tief.“
  • Phase drei: Verhandeln. „Hier geht es um praktische Sachen. Eine Phase, in der oft ein Moderator benötigt wird.“
  • Phase Vier: Trauer und Depression. „Auch diesen Gefühlen muss sich gestellt werden. Tut man dies nicht, können alle Regelungen, die getroffen werden müssen, nicht vernünftig laufen. Es gilt sich einzugestehen: Hier ist etwas gescheitert. Trotzdem sind viele überrascht, wenn auch nach längerer Zeit das Gefühl von Trauer aufkommt.“
  • Phase fünf: Innere Aussöhnung. Bei dem Gedanken an die Beziehung überwiegen nicht mehr Wut und Trauer. Ein vernünftiges Gespräch miteinander ist möglich.

Aber mal ehrlich, Frau Frank-Boegner, trennt sich die junge Generation nicht leichter als die ältere? „Nein. Auch diese Generation hält aneinander fest. Was aber alle als Fehler machen: Sie reden nicht genug miteinander. Außerdem haben sich die Ansprüche an eine Beziehung verändert. Es wird ja, beispiels­weise durch Partnerbörsen im Internet, suggeriert, dass es den perfekten Partner gibt“, erklärt die Beraterin.

Bei so viel Wunschdenken kann die schwangere Königin auf der Fensterbank nur wissend lächeln. Als stille Beobachterin hat sie eines gelernt: Liebe ist ein hartes Stück Arbeit.

Pro Familia bietet neben der Paarberatung auch juristische Beratung zum Thema „Trennung und Scheidung“. Mehr Informationen unter www.profamilia.de/Marburg

Weihnachten. Fest der Liebe. Was aber, wenn die Liebe irgendwann zwischen Alltagsfrust und Anspruchdenken abhanden gekommen ist? Wir wagen den Blick hinter die Tür der Paarberatungsstelle von Pro Familia.

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