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„Ich sah ihn, und es hat mich erwischt“

Gnadenhochzeit „Ich sah ihn, und es hat mich erwischt“

Erika und Gerhard Mechsner kennen sich bereits ihr ganzes Leben. Sie wohnen quasi direkt neben dem Ort, an dem sie sich kennen gelernt haben.

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Seit 70 Jahren glücklich verheiratet: Die Ketzerbächer Erika und Gerhard Mechsner.Foto: Ina Tannert

Marburg. Von ihrem reich bepflanzten Grundstück in der Ketzerbach aus können die Eheleute Mechsner ihren alten Kindergarten sehen. Dort haben sie schon in jungen Jahren zusammen gespielt und einander geärgert, erzählt das Paar mit einem Lächeln. Später gingen sie auf verschiedene Marburger Schulen, hätten sich aber nie ganz aus den Augen verloren.

Gerhard Mechsner machte nach der Schule eine Ausbildung zum Maler im Betrieb seines Vaters und ging im Anschluss auf Gesellenwanderschaft. Nach seiner Rückkehr trafen sich die beiden zufällig an der Wasserscheide und verliebten sich sofort ineinander. „Er sah wirklich gut aus. Ich sah ihn, und es hat mich erwischt“, schwärmt die damals 18 Jährige noch heute.

Sie verlobten sich, doch Zeit zum Heiraten blieb vorerst nicht. Der Zweite Weltkrieg begann, und Gerhard Mechsner musste als Wehrmachtsgefreiter im Nachrichtendienst am Feldzug teilnehmen. Seine Verlobte arbeitete bereits seit Jahren als Haushälterin und Kinderfrau bei einer Marburger Familie. Sie wollte immer Säuglingsschwester werden aber konnte sich nicht von der Familie trennen, erzählt Erika Mechsner. Später arbeitete sie auch im Kriegslazarett in Wehrda.

Während der Kriegsjahre hatte das Paar nur dreimal die Gelegenheit, sich wieder zu treffen. „Wir haben uns jeden Tag geschrieben“, erzählt Gerhard Mechsner. Durch den Krieg kamen die Briefe meistens leider sehr spät an. Das erste Wiedersehen war daher einer der schönsten Momente ihres Lebens und ein echter Glücksfall für den Soldaten, der eigentlich schon bereits nach Stalingrad abkommandiert war. Denn 1942 gab es ein allgemeines Urlaubsverbot von der Kriegsfront. Die einzige Ausnahme war der offizielle Hochzeitsurlaub. Dieser bewahrte ihn vorerst vor dem Marschbefehl. Er durfte für zwei Tage nach Marburg kommen, und dort heiratete das Paar auf dem Standesamt in der Marktgasse. „Ich hatte seit drei Monaten schon nichts mehr von ihm gehört. Und dann stand er plötzlich vor mir. Es war wunderbar“, erinnert sich Erika Mechsner. Der Bräutigam überraschte seine Braut sogar mit einer Pferdekutsche zur Hochzeit.

Hochzeit rettete dem Bräutigam das Leben

Bei seiner Rückkehr an die Front kamen die Deutschen schon nicht mehr nach Stalingrad durch. Die Hochzeit rettete Gerhard Mechsner daher sehr wahrscheinlich das Leben. Bei Kriegsende geriet er im ehemaligen Jugoslawien für zwei Jahre in englische Gefangenschaft. Als Handwerker hatte er jedoch das große Glück, im Außeneinsatz arbeiten zu können und nicht nur im Lager eingesperrt zu sein. Während seiner Gefangenschaft hätten sich langjährige Freundschaften entwickelt. Trotzdem habe er einmal versucht zu fliehen. Er sei nach Österreich geflohen aber dort habe man ihn erwischt und wieder den Engländern übergeben. Aber über die Grenze hatte er es geschafft, schmunzelt der 94 Jährige heute noch.

Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft beendete Gerhard Mechsner seine Meisterprüfung an der Berufsschule und arbeitete im Malergeschäft seines Vaters in der Ketzerbach. Gemeinsam baute die Familie Haus und Geschäft wieder auf. Nach dem Tod des Vaters übernahm er 1955 den Betrieb und arbeitete rund 30 Jahre nebenberuflich an der Adolf-Reichwein-Schule als Lehrwerksmeister. Seine Frau unterstützte ihn tatkräftig im Familiengeschäft. „Es war eine anstrengende, aber auch eine wunderschöne Zeit, da wir nach dem Krieg endlich wieder zusammen waren“, erinnert sich Erika Mechsner.

Im Jahr 1949 wurde die erste gemeinsame Tochter geboren. Dieser brachte der Malermeister später selber das Handwerk bei. Die zweite Tochter kam 1955 dazu, und beide Kinder besuchten natürlich den Kindergarten, in dem sich ihre Eltern kennen gernt hatten. Jahre später gingen ebenso die beiden Enkel des Paares dorthin. Es sind Zwillinge, genauso wie ihr Opa einer ist.

Das rüstige Ehepaar lebt immer noch in dem Haus in der Ketzerbach, das es sich nach dem Krieg kaufen konnte. Ihre älteste Tochter, Waltraut Mechsner-Spangenberg, lebt mit ihrem Mann ebenfalls auf dem Grundstück, ein Haus weiter. Die jüngere Tochter, Dr. Marie-Luise Mechsner, lebt in Köln. Beide hätten die Leidenschaft zum Wandern von ihren Eltern geerbt, erzählt das Paar lachend. Und ebenso das handwerkliche Geschick vom Vater, betont Gerhard Mechsner stolz. Er ist einer der letzten Handwerker, welche die Kratzputz-Technik noch beherrschen. Seine Begeisterung für diese Kunst sieht man an seinem Haus, das eindrucksvoll mit verschnörkelten Mustern und Reliefs verziert ist. Seine Sammlung an Kratzputzstücken und Werkzeugen hat er vor einigen Jahren dem Hessenpark in Neu-Ansbach vermacht.

Am Sonntag feiert das Paar nun 70 gemeinsame Ehejahre. Nach einem Gottesdienst in der Elisabethkirche werden sie mit ihren Gästen ihre Gnadenhochzeit im Haus der Ketzerbachgesellschaft verbringen.

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