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"Ich nehme keine Rücksicht mehr"

Maria Langstroff "Ich nehme keine Rücksicht mehr"

Ihre Heimkehr ist gleichzeitig Abschied. Maria Langstroff, Studentin aus Marburg und Bestseller-Autorin, kämpft um jeden einzelnen Lebenstag. Jetzt hat sie sich einen Herzenswunsch erfüllt: Sie ist für einen Tag nach Hause zurückgekehrt.

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Wieder im eigenen Bett. Im Dezember 2009 war Maria Langstroff in ihrer Wohnung im Elternhaus mit einer Lungenembolie zusammengebrochen. Seither lebt sie im Pflegeheim.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Da liegt sie nun. Zitternd und bebend. Unter der Sonnenbrille kullern die Tränen. Unter der Hello-Kitty-Bettwäsche sucht eine kalkweiße Hand nach Halt. Nach einer anderen Hand. Die des Sanitäters. Die des Notarztes. Die der Mutter. Egal. Hauptsache eine Hand. Sie weint lautlos. Den Triumph zu klagen, will sie ihrem Körper nicht geben. Ihr Körper ist zu ihrem Feind geworden. So gebrechlich. So müde.

Nach fast drei Jahren in einem Gießener Pflegeheim ist die Marburger Studentin und Spiegel-Bestseller-Autorin Maria Langstroff für wenige Stunden in ihr Elternhaus im Schwalm-Eder-Kreis zurückgekehrt. Nicht um „Hallo“, sondern um „Lebe wohl“ zu sagen. Um ein Kapitel für immer zu schließen.

Als der Krankenwagen vorfährt, macht die Anspannung Platz für Verunsicherung. Mutter Langstroff drückt die Zigarette aus, an der  sie sich in den letzten Minuten festgehalten hat. Nun steht sie da. Und weiß nicht wohin mit ihren Händen und ihren Gefühlen. Da liegt ihr Kind in Hello-Kitty-Bettwäsche und sagt nichts. Weint einfach nur. Entkräftet von der langen Fahrt. Überwältigt von dem eigenen Mut. Dieses Kind, das vor fast vier Jahren im Badezimmer zusammenbrach und nie wieder nach Hause zurückkehrte. Dieses Kind, das einst das Haus belebte, ein Teil davon war, und nun doch so fremd ist. Nichts hat sich seit ihrem Zusammenbruch im Kellergeschoss des Einfamilienhauses verändert – und doch alles. Bruder samt Freundin sind wieder eingezogen. Alltag ist eingekehrt. Und der wird jetzt gestört. Von Männern in weißen Hosen und einem leise surrenden Sauerstoffgerät. Maria ist wieder da.

Mit der Trage in den Keller

Der Nachbar hat es auch gesehen. „Diese Maria“, sagt er kopfschüttelnd und durchbricht das Schweigen. Sein Auftauchen gibt allen die Gelegenheit durchzuatmen. „Diese Maria. Diese Willensstärke. Ich kann das nicht fassen“, sagt er. Mutter Langstroff bietet Kaffee an. Der Nachbar willigt ein. Endlich gibt es etwas zu tun. Etwas anderes, als hilflos zuzuschauen, wie die Sanitäter die schwerkranke junge Frau aus dem Krankenwagen schieben.

Sie weint noch immer. Oder schon wieder. Die Fahrt hat sie gestresst. Physisch und psychisch. Eine Fahrt zurück in ihr altes Leben. Durch das sie sich selbstständig bewegen konnte. Heute gehorcht ihr der Körper nicht mehr. Ihr Kopf schon. Und der ist voller Pläne, die abgearbeitet werden müssen. Sie arbeitet gegen die Zeit.

„Ich nehme keine Rücksicht mehr. Nicht auf meinen Körper – auf mein Umfeld schon“, wird sie fast eine Stunde später mit fester Stimme sagen. Noch trennt sie aber eine steile Außentreppe und die Angst vor der eigenen Courage von dieser Erkenntnis. Maria will in ihr altes Zimmer im Kellergeschoss. Sanitäter und Notarzt zucken nur mit den Achseln. Sie können Wünsche von Augen ablesen – selbst wenn diese hinter einer Sonnenbrille versteckt sind.

Der schwache Körper wird festgeschnallt, die weiße Hand festgehalten. Dann geht es abwärts. Eine Stufe. Noch eine. Maria weint. Die Männer tragen. Der Nachbar staunt. Mutter Jutta ist in der Wohnung verschwunden. Kaffee kochen. Irgendetwas tun gegen das Nichtstun. Nur ihr Bruder scheint gelassen. Er kennt „diese Maria“. Er weiß, dass sie ihren Willen durchsetzt. Das habe sie schon vor der Krankheit getan. Mit dem Kopf durch die Wand. Ein Nein war in ihrer Sprache ein „Jetzt erst recht“ – und das ist es auch heute noch. Das Nein zum Leben wäre ihr Todesurteil.

Das „Jetzt erst recht“ ihre Art, sich aufzubäumen. Sie weint still, aber sie kämpft laut. Für eine bessere Akzeptanz von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. Und für einen offenen Umgang mit dem Thema Tod. Sie will nicht heimlich, still und leise gehen. Sie will gehört werden. Und sie will verdammt noch mal ein paar Häkchen hinter erreichte Ziele machen. Koste es, was es wolle.

Plan: eine Reise ans Meer

Und nun liegt sie da. In ihrem abgedunkelten Zimmer. Sie ist mittlerweile eine junge Frau geworden. Das Zimmer scheint einer anderen Maria zu gehören. Einer Maria, deren Leben so anders hätte verlaufen sollen. „Das ist das Zimmer, in dem ich aus dem Leben gerissen wurde. Ich will bewusst Tschüss sagen“,  sagt sie. Freunde kommen in den Raum, der in Dunkelheit gehüllt ist. Direkter Lichteinfall löst Krampfanfälle bei der 26-Jährigen aus. Mutter, Bruder und dessen Freundin sind ebenfalls da. Sie bemühen sich um Normalität in der Ausnahmesituation. Machen Witze über das laute Geräusch des Sauerstoffgerätes. Immer wieder geht einer von ihnen hoch zum Rauchen. Durchatmen.

„Sie ist ein Vorbild, wenn es um Willensstärke geht“, erklärt ihr älterer Bruder. Acht Jahre trennten sie einst. Jetzt ist es ein halbes Leben. Er ist gerade mit seiner Freundin in das Elternhaus gezogen, von dem Maria Langstroff sich verabschiedet. Der 34-Jährige packt seine Schwester nicht in Watte. Das will sie nicht. Und das schätzt sie an ihm. Er lässt sie weinen. Er lässt sie machen. Er weiß, dass er sie sowieso nicht aufhalten kann. Nur unterstützen.

Und das tut er. Bei den Plänen für ihre Beerdigung und auch bei ihrem nächsten Projekt. Noch in diesem Jahr will die 26-Jährige an die Nordsee fahren. Im Schlepptau: Sanitäter, Notärzte und die Familie. All diese Menschen braucht sie, um zu (über)leben. Und während sie von ihren Plänen erzählt, laufen erneut die Tränen. Es ist da, sagt sie, mit leiser Stimme. „Das Zu-Hause-Gefühl“.

von Marie Lisa Schulz

Mehr über Maria Langstroff:

OP-Redakteurin Marie Lisa Schulz begleitet Maria Langstroff seit mehr als einem Jahr. Hier finden Sie die bisher erschienenen Geschichten:

Angst, die Augen zu schließen: Vom Hals abwärts gelähmt, seit zwei Jahren ans Bett gefesselt. Über ihr Leben, und ihre Erlebnisse als „Behinderte“ in einer gesunden Gesellschaft hat die 25-Jährige Maria Langstroff ein Buch geschrieben.

Wünsche einer unheilbar Kranken: Was wünscht sich eine Frau für das kommende Jahr, die befürchten muss, dass es vielleicht ihr letztes ist? Die schwer kranke Lehramtsstudentin und Bestseller-Autorin Maria Langstroff ist bescheiden geworden.

Eine spricht - Einhundert schweigen: Zwei Jahre lang hat Buchautorin Maria Langstroff (25) ihr Zimmer in einem Gießener Pflegeheim nicht verlassen. Für eine Lesung an der Philipps-Universität nahm sie größte Strapazen auf sich.

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Maria Langstroff

In die Ferne schweifen - das haben ihre Augen fast verlernt. Seit vier Jahren sieht sie die immer selbe Umgebung - ihr Zimmer in einem Gießener Pflegeheim. Jetzt hat sich Maria Langstroff einen Traum erfüllt: ein letztes Mal das Meer sehen. Koste es, was es wolle. Und wenn es ihr Leben ist.

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