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Thema Analphabetismus Ich nakn ithcn sleen dnu rinshebec

Sie können die Überschrift nicht lesen? Dann haben Sie nun eine Vorstellung davon, wie es Millionen anderen Menschen in Deutschland geht, die nicht lesen und schreiben können.

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Quelle: Illustration: Sven Geske

Marburg. Den Schulabschluss bestanden, den Führerschein gemacht und im Beruf ganz erfolgreich – nur mit dem Lesen und Schreiben klappt es nicht. Was so klingt, als passe es gar nicht zusammen, ist gleichwohl Realität. Studien gehen von über sieben Millionen sogenannter funktionaler Analphabeten in Deutschland aus. Darunter versteht man Menschen, die nicht über ausreichende Lese- und Schreibfähigkeiten verfügen.

Dr. Anne Börner leitet bei der Volkshochschule in Marburg die Grundbildungskurse, in denen Erwachsene Lesen und Schreiben lernen können. Sie nennt ganz unterschiedliche Ursachen für die fehlende Fähigkeit. In der Regel sei ein ganzes Bündel aus biografischen, familiären, schulischen oder gesellschaftlichen Gründen verantwortlich. Vor Jahrzehnten etwa sei die Schulpflicht noch nicht so konsequent beachtet worden. Es könne aber auch daran liegen, dass Kinder in den ersten beiden Schuljahren häufig krank gewesen oder oft umgezogen seien. Neben denen, die das Lesen und Schreiben aus diesen Gründen nie richtig gelernt haben, gebe es auch solche, die Lesen und Schreiben nach der Schule nur noch sporadisch genutzt – es mit anderen Worten wieder verlernt hätten.

Die Arbeit war wichtiger

Bei Paul Müller (Name von der Redaktion geändert) waren es gleich verschiedene Umstände, die in seiner Kindheit verhinderten, dass er richtig Lesen und Schreiben lernte. Im Hannover der Nachkriegszeit wuchs er ohne den in der Kriegsgefangenschaft gebliebenen Vater auf. Eine Lungenentzündung und Probleme mit dem Magen sorgten für eine längere Auszeit in der Schule. Als er dann gerade wieder Fuß gefasst hatte, wurde seine Mutter krank und er musste ins Heim. Weitere Schulwechsel folgten, bis es irgendwann wichtiger wurde, eine Arbeit zu finden.

Heute werde in den Schulen schon möglichst früh eingegriffen, erklärt Börner. Gleichwohl hänge es mitunter auch davon ab, was die Lehrer bemerkten und ob das Problem zuhause auffalle. Unter Umständen könne die Reaktion in der Familie aber auch lauten „das war bei mir früher auch so!“ Eine unterstützende Motivation, an dem Mangel etwas zu ändern, ist von dieser Seite dann nicht zu erwarten. Er habe seiner Mutter, kurz bevor die gestorben sei, auch Vorhaltungen gemacht, berichtet der 71-jährige Müller: „Sie hätte mir in den Hintern treten und sagen sollen, so du lernst das jetzt.“

Die Folge ist nicht selten ein fataler Teufelskreis: Die durchweg schlechten Erfahrungen, die die Kinder in der Schule machen, werden von ihnen so interpretiert: „Ich bin zu doof, ich schaff das nicht.“ Also finden sich die Betroffenen damit ab und entwickeln notgedrungen Strategien, mit dem Mangel zu leben, zumindest über die Runden zu kommen. Denn einfach ist dieses Leben nicht, es ist sehr anstrengend und zieht viel Energie ab.
Die Betroffenen leben unter dem permanenten psychischen Druck, entdeckt zu werden. Das Tabu, das mit dem Makel verbunden ist, nicht Lesen und Schreiben zu können, ist riesig. Dr. Anne Börner erzählt das Beispiel eines älteren Herrn, der an der Ladenkasse einen Artikel zurückgeben wollte. Die junge Verkäuferin drückt ihm einen Zettel in die Hand, den er ausfüllen soll. Soll, aber eben nicht kann. Sein Hinweis, dass er das nicht könne, quittiert die Verkäuferin mit der Bemerkung, er müsse es aber, sonst bekomme er auch sein Geld nicht zurück. Das Ende war ein lautes, öffentliches Outing vor der an der Kasse wartenden Schlange „Ich kann nicht lesen und schreiben“ – und die Hilfe einer zweiten Verkäuferin, die sich des Problems annahm.

Gerade einmal 600 Euro Rent

„Ich habe meine Lesebrille vergessen, könnten Sie das für mich ausfüllen“, lautet eine klassische Ausrede, mit der auch Paul Müller seine fehlende Schreibfähigkeit immer wieder erfolgreich kaschiert hat.
Mit fehlender Intelligenz hat der Lese- und Schreibmangel freilich nichts zu tun. Viele Betroffene entwickeln beispielsweise schier unglaubliche Merkleistungen, kennen nicht nur alle relevanten Telefonnummern auswendig, sondern können sich auch erstaunlich gut orientieren. Selbst Fernfahrer hat Dr. Anne Börner schon in ihren Kursen gehabt, die keines ihrer Fahrziele verfehlt hatten. Die Führerscheinprüfung ist dabei keine Hürde, spezielle Prüfungsformen leisten hier Abhilfe, und bei der Orientierung hilft heute das Navi.

Müller hat das Bäckerhandwerk gelernt, später als Gärtner und Hausmeister gearbeitet. Handwerkliche Tätigkeiten, mit denen der Marburger sein Geld verdient hat, immer wieder auch Gelegenheitsjobs. Reich konnte er damit nicht werden, 600 Euro Rente sind am Ende zusammengekommen.

„Ha-o-es-e“ liest sich die buchstabierte Hose – ein Problem, vor dem auch Schulanfänger immer wieder stehen. Auf den Unterschied zwischen Buchstabieren und Lautieren werde heute in der Grundschule besser geachtet, versichert Anne Börner. Das hilft den 50-Jährigen, die noch das ABC gelernt haben und heute in Börners Kurse kommen, aber nicht mehr. So kann Paul Müller die kurzen Worte inzwischen lesen, an längeren aber scheitert er regelmäßig.  

Die Kursteilnehmer aber haben die größte Hürde schon genommen und sind in einen der Grundbildungskurse gekommen. Dass die Stunde hier nur 60 Cent kostet und die Kurse von der Stadt und dem Landkreis finanziert werden, ist Programm. An den Kosten soll es für die Betroffenen nicht scheitern. Aber selbst hier gilt es für sie, Hemmschwellen zu überwinden, „die Hose herunterzulassen“, wie Müller das nennt. Man erlebe aber auch Überraschungen, wer noch alles davon betroffen sei, von dem man es nicht erwartet habe.

Ein Etappenziel

Die lese- und schreibkundigen Angehörigen, die häufig Garant für ein vergleichsweise stressarmes Leben der funktionalen Analphabeten sind, stehen einer Lösung des Problems mitunter aber auch im Wege. Ein Gewinn an Lese- und Schreibfähigkeit ist für sie mit einem Verlust an Kontrolle verbunden. Die Abhängigkeit der Betroffenen sinkt – und die abendlichen Kurse gehen im Zweifel von der Zeit für die Familie ab. „Und wenn dann auch noch eine Vertrauensperson sagt, das schaffst du sowieso nicht, dann ist es vorbei“, beschreibt Anne Börner, wie unsicher die Motivationslage mitunter ist.

Als er noch berufstätig war, habe ihm die Zeit gefehlt, abends noch in den Kurs zu gehen, berichtet Paul Müller. Jetzt als Rentner falle es ihm schwerer, sich zu konzentrieren. Und zuhause weiter zu üben, da fehlt dem Alleinstehenden der Antreiber. „Man kann das auch im hohen Alter noch schaffen, aber ein langer Atem ist in jedem Fall nötig“, sagt die Kursleiterin und benennt auch gleich ein Etappenziel: „Wenn das ‚kaum zu glauben‘ aus der OP gelesen werden kann, ist das schon ein Erfolg.“

Er wolle noch etwas von der Welt sehen, sagt Müller, der sich sein Leben lang alles abgucken musste. In Afrika war er schon, jetzt möchte er für drei Wochen nach Kuba. Dass er das schaffen wird, steht außer Frage. Aber Paul Müller möchte nicht immer auf andere angewiesen sein – und nicht mehr wie ein Aussätziger behandelt werden, wenn die Tarnung mal wieder auffliegt und er „die Hose runterlassen muss“.

von Frank Rademacher

 
DIE KURSE

Unter der Rubrik „Grundbildung“ finden sich bei der VHS Lese- und Schreibkurse. Gearbeitet wird in kleinen Gruppen, und der Einstieg ist jederzeit nach einem Beratungsgespräch möglich.

Alle Kurse finden in der Marburger Deutschhausstraße 38 in Raum 102 statt. Unter der Rufnummer 0 64 21 / 201 464 können Interessierte jederzeit mit Kristine Umland Kontakt aufnehmen, die die Kurse organisiert.

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