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„Ich möchte ins Gefängnis“

Aus dem Gericht „Ich möchte ins Gefängnis“

Überraschend legte der Angeklagte am zweiten Verhandlungstag im Messerstecher-Prozess eine Erklärung über die Bluttat ab, wünscht sich eine Inhaftierung im Gefängnis als Ausweg aus einer prekären Lebenssituation.

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Der Angeklagte im Messerstecher-Prozess will nicht in die Psychiatrie.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Diese Tat war mein Abschied von der Gesellschaft“, teilte der geständige Messerstecher am Freitag vor Gericht mit.

Hatte die Verteidigung zum Prozessauftakt die Schuldunfähigkeit des psychisch kranken Täters hervorgehoben, besteht der 47-Jährige nun auf seiner „vollen Verantwortung“. Er sei stets jemand gewesen, der „für sich selbst sorgt“, eigenständig durchs Leben gehe. „Ich muss mich auch nicht von dummen Frauen terrorisieren lassen“, betonte der Mann aufgebracht.

Bereits zuvor hatte er von nicht näher bestimmten Frauen berichtet, die ihm seiner Meinung nach telepathische Botschaften und Befehle übermitteln würden. Aus seiner generell unbefriedigenden wie finanziell schlechten Lebenssituation wollte er ausbrechen, sah „keine andere Chance“, als zu diesem Zweck den Nachbarn anzugreifen.

Arzt berichtet über schwere Verletzungen des Opfers

„Ich weiß nicht, was ich mit der Gesellschaft noch anfangen soll, ich möchte ins Gefängnis“, lautete seine Bitte an den Vorsitzenden Richter, Dr. Carsten Paul. Der Beschuldigte bestand dabei auf einem normalen Vollzug, nicht auf eine Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt, um die sich das Verfahren dreht. „Dies prüfen wir hier“, stellte der Richter klar.

Über die wochenlange Behandlung des schwer verletzten Opfers berichtete einer der behandelnden Ärzte. Der Patient wies „multiple Stichverletzungen auf“. Durch den Stich in den Bauch erlitt der Geschädigte eine rund 15 Zentimeter lange Schnittverletzung, Teile des Darms traten aus, wurden ebenfalls beschädigt und mussten entfernt werden, erklärte der Chirurg.

Weitere Attacken gegen den Rücken des Mannes zerschnitten zudem die Schultermuskulatur, massive Blutungen waren die Folge. „Die Verletzungen waren lebensbedrohend, ein Verblutungstod war möglich“, sagte der Zeuge.

Erneut betonte der Angeklagte, dass er seinen Nachbarn eigentlich nicht habe töten wollen, er verfüge über gewisse medizinische Kenntnisse. Nur durch die Gegenbewegung des Opfers habe sich die Wunde vergrößert, „er hat als gezappelt“, sagte der Beschuldigte.

Vor Tat Cannabis geraucht

Wie das forensisch-toxikologische Gutachten bestätigte, hatte der Angeklagte einige Zeit vor der Tat Cannabis konsumiert. Zum Zeitpunkt der Tat befand er sich nicht in einem akuten Rauschzustand. Zwei bis drei Tage vor dem Tatmorgen habe er Cannabis geraucht, „das sind meine Lieblingsdrogen“, teilte der Angeklagte mit.

Mehrere Polizisten berichteten vor Gericht von der Situation in dem Mehrparteienhaus am Richtsberg kurz nach der Tat Mitte Juli vergangenen Jahres. „Sehr auffallend“ dabei war das „untypische, übertrieben ruhige“ und scheinbar entspannte Verhalten des geständigen Täters, der vor dem Haus auf die Polizei wartete.

Mitten in dem „Riesentumult“ im Eingangsbereich zwischen mehreren Nachbarn stehend, erschien der Mann „überhaupt nicht wie ein Täter“, berichtete ein Polizist. Auf Nachfrage gab der 47-Jährige noch am Ort des Geschenhens die Tat zu: „Ich war es.“

  • Das Verfahren wird am 29. Januar fortgesetzt.

von Ina Tannert

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Weitere Aussagen im Gerichtsprozess zum versuchten Mord: Der psychisch kranke Täter will aufgrund eines „telepathischen Befehls“ gehandelt haben.

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