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„Ich möchte die Zeit der Krankheit nicht missen“

Alzheimer Gesellschaft „Ich möchte die Zeit der Krankheit nicht missen“

Gesprächstreffen für pflegende Angehörige, Gruppen- und Einzelbetreuung für Erkrankte sowie Beratung: Die Alzheimer Gesellschaft hilft Alzheimer- und Demenzkranken und ihren Familien im Landkreis.

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Eine alte und demenzkranke Frau sitzt in einem Pflegeheim an einem Tisch. Deutschlandweit gibt es schätzungsweise mehr als 1,5 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen, viele haben Alzheimer.

Quelle: Patrick Pleul

Marburg. „Ich möchte die Zeit der Krankheit nicht missen.“ Die Ehefrau eines an Demenz erkrankten Mannes aus dem Landkreis berichtet bei einer Veranstaltung der Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf über diese Jahre. Darüber, wie alles anfing, wie es schwieriger wurde, wie Bekannte und Freunde reagiert haben. Irgendwann kamen Gäste zu Besuch. Der demenzkranke Gastgeber konnte dem Gespräch nicht mehr folgen und fragte seine Ehefrau unverblümt: „Wann gehen die Leute denn nach Hause?“

Betroffene haben die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln

Zeiten der Krankheit verlangen Patienten und pflegenden Angehörigen viel ab - und auch das Umfeld muss sich auf die Situation einstellen, erklärt Angela Schönemann, Leiterin der Geschäftsstelle der Alzheimer Gesellschaft. „Aber es gibt den Betroffenen auch die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln“, sagt sie und spricht wieder über die Ehefrau, die ihren Mann pflegte. „Diese Zeit hat ihr neue Kompetenzen gebracht - sie konnte an ihren Aufgaben wachsen, hat es geschafft, im Pflegeheim ihres Mannes auf Probleme aufmerksam zu machen und dort Veränderungen zu bewirken.“

Vor 15 Jahren gründete sich die Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf. Und seither hat sie verschiedene Hilfsangebote für Betroffene aufgebaut, über die Schönemann im Gespräch mit der OP berichtet. So leisteten die Helfer im vergangenen Jahr 22000 Betreuungsstunden in Haushalten mit Demenzkranken im Landkreis. Rund 70 Gäste betreute der Verein allwöchentlich bei den Gruppennachmittagen an insgesamt elf Standorten. Hinzu kommt die Begleitung der pflegenden Angehörigen, die sich in neun Gesprächgruppen in acht Kommunen im Kreis regelmäßig zum Austausch treffen.

„Die Endlichkeit des Lebens stärker in den Blick nehmen“

Bemerkenswert findet Schönemann die Hilfsbereitschaft der Freiwilligen. „Wir haben keinerlei Probleme, Leute für die Mitarbeit zu gewinnen, wir verfügen bereits über 200 Betreuer“, sagt sie und berichtet, dass es gleichwohl eine Schwierigkeit gebe: „Wir können Hilfe anbieten, aber die pflegenden Angehörigen haben oft Hemmungen, diese Hilfe auch anzunehmen.“ Die Geschäftsstellen-Leiterin ruft Betroffene dazu auf, sich bei der Alzheimer Gesellschaft zu melden und nach Unterstützung zu fragen. „Gerade erst sind zehn neue Betreuer in Cölbe dazugekommen.“

Dass der Bedarf da ist, daran gibt es indes keinen Zweifel. In einer älter werdenden Gesellschaft steigt die Zahl der an Alzheimer oder anderen Formen der Demenz erkrankten Menschen. Schönemann spricht von 6000 Männern und Frauen im Landkreis, bei denen der Hilfe- und Pflegebedarf festgestellt sei - hinzu kämen weitere 6000 Personen mit „leichtem Hilfebedarf“ in einem frühen Stadium der Krankheit.

Endlichkeit des Lebens stärker in den Blick nehmen

„Alzheimer und Demenz sind Themen, die uns alle betreffen, auch wenn wir nicht selbst erkrankt sind oder jemand in unserem direkten Umfeld“, sagt Schönemann und nennt alte, alleinlebende Menschen als Beispiel: „Damit müssen wir uns als Gesellschaft auseinandersetzen. Wie wollen wir diesen Menschen begegnen, wenn wir sie beim Einkaufen oder am Bankautomaten treffen und merken, dass sie Unterstützung brauchen?“ Schönemann meint: „Wir müssen die Endlichkeit des Lebens stärker in den Blick nehmen und uns damit befassen, welche Strukturen wir für alte hilfebedürftige Menschen aufbauen wollen.“

Einige Strukturen gibt es bereits, dazu gehören die Angebote, die die Alzheimer Gesellschaft vorhält. Finanziert wurden diese von Anfang an zu einem Großteil vom Landkreis Marburg-Biedenkopf, der bislang 350000 Euro zur Verfügung stellte. Rund 35000 Euro steuerte die Stadt Marburg bei. Die Gemeinde Dautphetal beteiligte sich in den vergangenen vier Jahren mit insgesamt 15000 Euro, die Stadt Stadtallendorf ermöglichte die kostenfreie Nutzung von Räumen im Wert von 3000 Euro.

Zu jeder öffentlichen Förderung kommt laut Schönemann eine Komplementärförderung durch die Pflegeversicherung hinzu, die den gleichen Betrag dann nochmals an die Alzheimer Gesellschaft auszahlt. „Einiges erwirtschaften wir auch durch kostenpflichtige Betreuungsangebote“, sagt Schönemann, die seit 2001 als hauptamtliche Kraft für die Alzheimer Gesellschaft arbeitet. Derzeit begeht der Verein sein 15-jähriges Bestehen (siehe Infobox). Zu den Treffen lädt er nicht nur Betroffene ein, sondern alle, die sich mit dem Älterwerden und Krankheiten wie Alzheimer und Demenz auseinandersetzen wollen.

Kontakt zur Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf: Am Grün 16, 35037 Marburg, Telefon 0 64 21 / 69 03 93, Fax 0 64 21 / 69 04 31, E-Mail: info@alzheimer-mr.de, Internet: http://www.alzheimer-mr.de/

von Carina Becker

Programm zum 15-jährigen Bestehen
  • Mittwoch, 16. September, 14.30 bis 17 Uhr, Kulturscheune Dautphetal-Holzhausen, und Donnerstag, 17. September von 14.30 bis 17 Uhr, Assmanns Mühle, Mühlbachstraße in Gönnern: Tanzcafé mit Live-Musik von Werner Döpp
  • Sonntag, 20. September, ab 10.30 Uhr, Gottesdienst für Menschen mit und ohne Demenz, Auferstehungskirche, Kirchstraße Dautphetal-Holzhausen
  • Montag, 21. September, ab 17 Uhr, Film „Kalp unutmaz – Das Herz vergisst nicht“, ein Film über das Leben mit Demenz in zugewanderten Familien aus der Türkei
  • Donnerstag, 24. September, 14.30 bis 17 Uhr: Tanzcafé im Marburger Rathaus mit Live-Musik (Fahrdienst durch die Oberstadt, Anmeldung bei der Geschäftsstelle der Alzheimer Gesellschaft)
  • Donnerstag, 24. September, ab 19 Uhr: „Haus ohne Wolken“, Lesung mit Jan Stressenreuter, Aids-Hilfe Marburg, Bahnhofstraße 27 in Marburg
  • Freitag, 25. September, ab 17 Uhr, Bürgerhaus Cappel, Goethestraße 1: Empfang und Festvortrag „Gut leben mit Demenz!?“ zum 15-jährigen Bestehen der Alzheimer Gesellschaft mit Professor Andreas Kruse, Institut für Gerontologie Universität Heidelberg
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